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Ausgezeichnet für sein Lebenswerk: Harvey Keitel bei den Filmfestspielen von Locarno.  

Von Bettszenen und leeren Kühlschränken

Harvey Keitel über Tarantino und die beste Zeit seines Lebens

Locarno - Harvey Keitel wurde bei den 69. Filmfestspielen von Locarno mit dem Ehrenpreis ausgezeichnet – und plauderte mit seinem Publikum

Ein Hauch von Hollywood am Lago Maggiore: Bei den 69. Filmfestspielen von Locarno bekam Harvey Keitel am Samstagabend einen Ehrenpreis für sein Lebenswerk. Tags darauf stellte er sich bei hochsommerlich heißen Temperaturen im Rahmen eines Publikumsgesprächs auf einer Freilichtbühne den Fragen der Fans. Der 77-Jährige gilt als einer der führenden US-amerikanischen Charakterdarsteller; zu seinen berühmtesten Rollen zählen der schmierige Zuhälter in „Taxi Driver“, der korrupte Cop in „Bad Lieutenant“ und der knallharte Cleaner in „Pulp Fiction“.

Doch während er auf der Leinwand häufig aggressive Charaktere verkörpert, präsentiert er sich in Locarno völlig entspannt, heiter und höflich. Gleich zu Beginn steigt er auf einen Stuhl, damit die Fans ihn besser fotografieren können, und reicht den schwitzenden Zuschauern in der ersten Reihe die Getränkeflasche, die man eigentlich für ihn bereitgestellt hat. Und dann gibt er, glänzend gelaunt, eine Anekdote nach der anderen zum Besten.

So erzählt er etwa von den Dreharbeiten zu Martin Scorseses „Wer klopft denn da an meine Tür?“: „Es war nicht nur mein Filmdebüt, sondern auch das von Marty. Wir beide studierten damals noch, und weil wir kein Geld hatten, filmten wir immer am Wochenende, oft in Martys Wohnung. Ich werde nie vergessen, wie ich mit meiner Leinwand-Partnerin Zina Bethune eine Bettszene drehte und Martys Vater plötzlich von der Arbeit heimkam. Er platzte ins Schafzimmer herein und rief: ,Was zum Teufel ist hier los? Wo ist mein Abendessen?‘“

Keitel ist auch in den Erstlingswerken anderer berühmter Filmregisseure zu sehen, darunter Ridley Scott, Paul Schrader und Quentin Tarantino. An Letzteren erinnert er sich besonders lebhaft: „Quentin war damals bloß ein Freak, der in einer Videothek jobbte, doch sein Drehbuch zu ,Reservoir Dogs‘, das ich in die Finger bekam, war so außergewöhnlich, dass ich bereit war, mich mit ihm zu treffen. Eines Tages klingelte es also an meiner Tür, und da stand dieser Hüne und sprach schon mal meinen Namen völlig falsch aus.“ Tarantino betonte „Keitel“ auf der ersten statt auf der zweiten Silbe – und er sagte „Kiedl“ anstatt „Kaitell“. Dennoch sei dies der Beginn einer wundervollen Zusammenarbeit gewesen, meint der Schauspieler. „Nervig war nur, dass Quentin stets meinen Kühlschrank leergefressen hat, weil er damals ständig pleite war.“

Das Drehbuch zu „Bad Lieutenant“ sei das kürzeste gewesen, das er je gelesen habe, sagt Keitel. „Noch dazu war es in riesigen Buchstaben getippt, weil – wie sich später herausstellte – Autor und Regisseur Abel Ferrara für die Finanzierung des Projektes Seiten schinden musste. Beim ersten Lesen fand ich es so furchtbar, dass ich es nach gut zehn Seiten in den Mülleimer warf.“ Irgendwann habe er es dann aber wieder herausgefischt und auf den verbleibenden Seiten doch noch etwas Interessantes gefunden, berichtet er. Die meisten Dialoge im Film habe er improvisiert. Das längste Drehbuch, das ihm je unterkam, sei hingegen Paul Austers „Smoke“ gewesen: „Es war uferlos, und ich langweilte mich bei der Lektüre. Doch ich dachte: ,Keine Ahnung, was das soll, aber da steckt bestimmt was Besonderes dahinter.‘ Und offenbar haben die Zuschauer das ähnlich empfunden – denn, wie Sie vielleicht wissen, hat ,Smoke‘ hier in Locarno 1995 den Publikumspreis gewonnen.“

Auf die Frage nach dem schönsten Moment seiner beruflichen Karriere antwortet Keitel: „Als ich am Theater engagiert war und eine Vorstellung absagen musste, weil an diesem Tag meine damalige Frau unsere gemeinsame Tochter zur Welt brachte.“ Als ein distinguierter Herr von ihm wissen möchte, wie es sich anfühle, älter zu werden, entgegnet er: „Moment mal, Sie sind doch offenbar auch nicht mehr der Jüngste! Kommen Sie nachher in mein Hotelzimmer, dann können wir gern Haarpflegemittel austauschen!“ Rasch fügt er an, er habe sich noch nie so gut gefühlt wie jetzt: „Ich bin seit 15 Jahren glücklich verheiratet und habe einen wunderbaren Sohn, der bald zwölf Jahre alt wird. Ich erlebe gerade die beste Zeit meines Lebens!“

Angesprochen auf die Tatsache, dass er zuletzt in Paolo Sorrentinos „Youth“ im Kino zu sehen war, meint Harvey Keitel launig: „Ja, ich hatte Tarantino und Sorrentino – und jetzt warte ich auf den nächsten Tino! Wer weiß, vielleicht sitzt er ja hier im Publikum?“

Marco Schmidt

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