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Helmut Dietl (1944-2015) schenkte seinem Publikum Serien und Filme wie "Monaco Franze",  "Kir Royal", "Schtonk!" und "Rossini". 

Zum Erscheinen der Autobiografie "A bissel was geht immer"

Helmut Dietls unvollendete Erinnerungen

München - Helmut Dietl erzählt in seinen unvollendeten Erinnerungen "A bissel was geht immer" vom Erwachsenwerden im Nachkriegs-Deutschland. 

Das Bittere an diesem Buch sind seine Leerstellen. Sie bilden das melancholische Fundament, auf dem all die lebensprallen, rührenden, komischen Schilderungen gründen. So begleitet eine zarte Traurigkeit die Lektüre von Helmut Dietls Autobiografie. Optimistisch und zukunftssatt mit „A bissel was geht immer“ überschrieben, ist doch stets offensichtlich, was fehlt: „Monaco Franze“ bleibt ebenso Randnotiz wie die „Münchner Geschichten“, kaum ein Satz zu den Kinofilmen des Regisseurs und Drehbuchautors – nichts zu den Erfolgen „Schtonk!“ und „Rossini“, kein Wort zum unterschätzten „Vom Suchen und Finden der Liebe“, wenig Nennenswertes zu „Zettl“, jenem Film, der sein letzter war, und dessen krachender Misserfolg Dietl in eine tiefe Depression gerissen hat.

All das fehlt. Denn das Buch, das heute erscheint, birgt „unvollendete Erinnerungen“. Im März des vergangenen Jahres ist Dietl im Alter von 70 Jahren an den Folgen eines Krebsleidens gestorben. Über seine Kindheit und Jugend hatte er zu diesem Zeitpunkt bereits geschrieben (und wie!); auch stand jenes Kapitel, in dem er von den Schwierigkeiten berichtet, bis er Franz Xaver Kroetz für die Hauptrolle seiner Fernsehserie „Kir Royal“ (1986) gefunden hatte. „Über die Zeit dazwischen werde ich später schreiben“, zitiert seine Witwe den Verstorbenen in ihrem Vorwort. Es sollte bei der Ankündigung bleiben; Dietl blieb keine Zeit für ein „Später“. Im Dezember 2014 begann der Lungenkrebs, Metastasen in die Wirbelsäule zu streuen; im Februar 2015 gab die Familie die Hoffnung auf Heilung auf, berichtet Tamara Dietl.

Drei Frauen zogen Dietl groß – die Mutter und die Großmütter

Da die Autobiografie unvollendet bleiben musste, unterläuft „A bissel was geht immer“ zunächst einmal alle Erwartungen. Selten war im Buch eines Filmemachers derart wenig von Film und Fernsehen die Rede: Der Blick hinter die Kulissen fällt knapp aus; es gibt wohltuend wenig Gejammer über Schaffens- und/oder Finanzierungskrisen und glücklicherweise gar kein Party- und Glamour-Gedöns.

Da Dietl, der beim Schreiben über sich zwischen der ersten und dritten Person wechselt (was nur zu Beginn ungewohnt wirkt), seine Erinnerungen chronologisch begonnen hat, entfaltet er hier das Panorama seiner Kindheit und Jugend im Nachkriegs-Bayern. Der Regisseur, 1944 zum Schutz von Mutter und Säugling in Bad Wiessee geboren („zu einer Zeit, in der München gerade wieder von alliierten Bombern angegriffen wurde“), wurde mit der jungen Bundesrepublik erwachsen. Das macht seine Autobiografie auch zum Zeitdokument.

Aufgewachsen ist er zwischen drei Frauen – und so liebevoll, detailliert und hinterkünftig Dietl seine Mutter und die beiden Großmütter schildert, wie er die gegenseitige Abneigung der Omas in Worte fasst, so hat er die Figuren in seinen Filmen und Serien inszeniert: mit der Distanz desjenigen, der Zusammenhänge und Handlungsmotive durchschaut, aber auch mit der Wärme, dem Schmäh und dem leichten Sarkasmus eines Mannes, dem nichts Menschliches fremd war.

Zwar schreibt Dietl, dass er an der „sogenannten Wirklichkeit“ nie „besonders interessiert“ gewesen sei. Dennoch kommt er ihr mit seinem Ansatz oft sehr nahe – ob in den Filmen oder nun in diesem Buch.

Die Fähigkeit zur Reflexion bewahrt sich der Autor beim Blick aufs eigene Leben. Dietl, der schnörkellos pointiert formuliert, schreibt über Liebeleien, Bett- und Frauengeschichten. Spannend wird das immer dann, wenn der Leser mehr erfährt als den Stand des Hormonhaushaltes. Wer liest, wie umsichtig er Elfie Pertramer (1924–2011) porträtiert, dem wird klar, dass Dietl an der Seite der legendären Volksschauspielerin, die mit ihm anbandelte, nachdem ihre Tochter Dorothea ihn verlassen hatte, auch vieles gelernt hat, was ihn später als Filmemacher auszeichnen sollte: „Sie hatte ein besonderes Talent, sich selbst und andere so zu inszenieren, ihre Texte von den Schauspielern so sprechen zu lassen, dass der Zuschauer immer das Gefühl hatte, alles, was er sah und hörte, sei gerade in diesem Moment, zufällig und auf natürlichste Weise entstanden. Sehr hilfreich war für diesen Eindruck von Spontaneität der Gebrauch des bayerischen Dialekts, den sie in all seinen Nuancen beherrschte.“

Das Kapitel über „Kir Royal“ konnte Dietl noch beginnen

Dietl begann die Arbeit an seinen Memoiren nach dem „Zettl“-Desaster; die Kino-Fortsetzung von „Kir Royal“ fiel 2012 bei Publikum und Kritik durch. Mit Psychopharmaka bekämpfte er die Depressionen, mit dem Verfassen seiner Autobiografie überwand er die Schreibblockade. Die Krebsdiagnose am 8. Oktober 2013 setzte dem zunächst ein Ende. Nach der Strahlenchemo schrieb er weiter, allerdings nicht chronologisch. Der mit „Fragmente“ betitelte Teil des Buchs, zu dem Dietls Freund und Co-Autor seiner wichtigsten Produktionen, Patrick Süskind, ein warmherziges Nachwort beigesteuert hat, setzt 1968 ein. Der Text springt dann jedoch rasch in die Achtzigerjahre – und zur verzweifelten Suche nach einem Schauspieler, der den Klatschreporter Baby Schimmerlos in „Kir Royal“ spielen könnte. Manches hiervon ist bekannt. Dennoch liest man vergnügt über den ersten Kandidaten, den Schweizer Kabarettisten Emil Steinberger, über die Gespräche mit Viscontis einst gefeiertem Kini-Darsteller Helmut Berger, über die missglückten ersten Drehtage mit Nikolaus Paryla. Bis Dietl, der in seiner Not zwischenzeitlich gar Testaufnahmen mit sich selbst gemacht hatte, an einem Samstagvormittag im Münchner Arri-Kino bei der Sichtung anderer Filme zufällig Kroetz entdeckte. Der freilich war nicht nur „berühmter Dramatiker“, sondern auch Kommunist, und der Regisseur musste deshalb heftige Überzeugungsarbeit beim produzierenden WDR leisten.

Auf diesen letzten 50 Seiten ist „A bissel was geht immer“ dann tatsächlich jene Autobiografie eines Filmemachers, die mancher vielleicht von Beginn an erwartet hätte. Doch Helmut Dietls Erinnerungen mussten unvollendet bleiben. Wie bitter das wirklich ist, spürt man erst nach der Lektüre.

Informationen zum Buch:

Helmut Dietl: „A bissel was geht immer“. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 348 Seiten; 22,99 Euro.

Am 22. September, 20 Uhr, stellen Tamara Dietl und Michael „Bully“ Herbig das Buch im Münchner Literaturhaus, Salvatorplatz 1, vor. Restkarten an der Abendkasse. Die Ausstellung „Der ewige Stenz. Helmut Dietl und sein München“ wird am 13. Oktober im Literaturhaus eröffnet.

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