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„Fanny ist unsere Julia“, sagt Maria Magdalena Leonhard, die eine Büste der Baronesse angefertigt hat.

Historischer München-Roman

Fannys Sturz von der Frauenkirche

München - Eine Mutter verführt den Geliebten ihrer Tochter und löst damit eine Tragödie aus – das klingt nach Hollywood. Doch es ist eine wahre Geschichte. Zugetragen hat sie sich im 18. Jahrhundert in München.

In ihrem kürzlich erschienen Roman „Stern unter den Schönen“ beleuchtet Maria Magdalena Leonhard die spannenden Hintergründe des Falles.

An einem eisigen Wintertag passiert ein mysteriöses Unglück, das die Münchner Residenzstadt erschüttert: Die 17-jährige Baronesse Fanny von Ickstatt stürzt am 14. Januar Jahr 1785 vom Nordturm der Frauenkirche. Mit dem Kopf voraus durchschlägt sie das Dach des Benefiziatenhauses und stirbt nach dem Aufprall. Das Ereignis versetzt die Münchner in Aufruhr, es wird für Monate zum Tagesgespräch.

Die Autorin hat den Fall wieder ausgegraben

Trotzdem hüllen sich sämtliche Zeitungen in München und Bayern in Schweigen. War es ein Unfall? Selbstmord? Oder gar Mord? Versuchte die einflussreiche Familie etwas zu verbergen? Gerüchte, Mutmaßungen und Schuldzuweisungen ziehen weite Kreise, bis über die Grenzen Bayerns hinaus. Erst Jahre später erlischt langsam das Interesse an der Tragödie, die Erinnerungen verblassen.

Die in München und am Chiemsee lebende Autorin Maria Magdalena Leonhard hat den in Vergessenheit geratenen Fall wieder ausgegraben. „Die Geschichte der Fanny von Ickstatt ließ mich nicht los“, erzählt sie. „Ich wollte sie zurück ins Bewusstsein der Münchner holen.“ Ein Ziel, für das jahrelange Recherchen nötig waren. Denn die Hintergründe der Begebenheit blieben lange ungeklärt.

Ein Stadtarchivfund als Basis

In ihrer 2013 erschienenen Untersuchung „Der Fall Fanny von Ickstatt. Eine Münchner Tragödie im 18. Jahrhundert“ belegt Leonhard, dass es sich um einen geplanten Selbstmord gehandelt hatte. Möglich wurde dies durch einen besonderen Fund 2008. „Ein Glücksfall“, sagt sie. „Auf der Suche nach möglichen Nachlässen fand ich im Stadtarchiv München unter unzähligen, bislang unbeachteten Notizen des Historikers Karl Trautmann die Abschrift eines Augenzeugenberichtes.“ Es handelte sich um die Schilderung, die der Dekan der Frauenkirche, Josef Felix von Effner, 1785 verfasst hatte. Er war es, der die sterbende Fanny im Benefiziatenhaus vor seiner Zimmertür fand.

Die Atmosphäre des damaligen Münchens

Seine Beschreibung, die im Roman abgedruckt ist, umfasst nicht nur die letzten Momente ihres Lebens, sondern wirft auch ein neues Licht auf Motiv und Hintergründe des Suizids. Leonhard, die in München Archäologie und Kunstgeschichte und in Florenz Etruskologie studiert hat, ließ die Ergebnisse ihrer Forschungsarbeit in ihr kürzlich bei Allitera erschienenes Buch einfließen. In dem außergewöhnlichen Roman „Stern unter den Schönen. Ein Skandal am Münchner Hof“ erzählt sie die Lebensgeschichte der Mutter, der Baronin Franzisca von Heppenstein. Es ist eine Geschichte von Verblendung und Verstrickung, von Schuld und Sühne.

Poetisch und mit historischer Akribie lässt die Autorin den Leser in die Atmosphäre des damaligen München eintauchen. Historische Zitate und Quellen sind ins Fiktionale eingebettet und deshalb kursiv gesetzt. Zudem hat die Autorin Franzisca eigene Gedichte in den Mund gelegt. Die schöne und hochgebildete Baronin, geliebte Ziehtochter des berühmten Aufklärers Johann Adam von Ickstatt, gilt am kurfürstlichen Hof als Muse. In der Münchner Gesellschaft spielt sie eine herausragende Rolle. Ihr werden Stolz, Hochmut und eine gewisse Frivolität nachgesagt. Und die Kunst, „mit Männerherzen zu jonglieren“. Gefangen in einer zweiten arrangierten Ehe, sieht sie ihren Lebensinhalt in der Erziehung ihrer hochbegabten, bildschönen Tochter.

Das Schicksal schlägt zu

Als Fanny sich heftig in den acht Jahre älteren und unvermögenden Offizier Franz von Vincenti verliebt, entscheidet Franzisca von Heppenstein diesem Traum ein Ende zu bereiten. Sie hält den jungen Mann für nicht standesgemäß. „Solange dieser Vincenti keine besseren Aussichten hat, ist an eine Verlobung nicht einmal zu denken“, versucht sie ihrer Tochter den Wind aus den Segeln zu nehmen. Dann geschieht das Fatale: Die Baronin erliegt selbst dem Reiz des jungen Offiziers. Und das Schicksal schlägt zu: Ein verräterischer Zettel fällt Franzisca aus dem Ärmel, ein „billet d’amour“, auf dem Franz sie zu einem Treffen einlädt. Der Brief öffnet Fanny die Augen. Wenige Tage später stürzt sie sich vom Turm.

„Es war mir ein Anliegen, diese Biographie zu schreiben“, so Leonhard. „Denn ich wollte nicht den Eindruck einer Rabenmutter stehen lassen, den das erste Buch vielleicht erweckt hat.“ Franzisca sei eine vorbildliche, kluge und liebende Mutter gewesen. Zudem ging es der Autorin darum, die Motive des Suizids näher zu beleuchten. „Fanny war seit ihrer Kindheit starken manisch-depressiven Schwankungen unterworfen. Ich glaube, sie kapitulierte in einem Moment der Depression.“

War Goethes "Werther" schuld?

Viele glauben bis heute, Goethes 1774 erschienener Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“ habe Fannys Entscheidung beeinflusst. In dem Buch geht es um einen jungen Mann, den die unglückliche Liebe zu einer gebundenen Frau in den Suizid treibt. „Angeblich lag es auf Fannys Nachttisch“, sagt Leonhard. Goethe kannte den Fall. Zwei Jahre nach Fannys Tod legte er auf seiner Reise nach Italien einen Zwischenstopp in München ein. Er stieg im Gasthof Schwarzer Adler ab, direkt gegenüber der Frauenkirche. Dort hörte er die Gäste einer Hochzeitsgesellschaft über das Unglück von damals sprechen. Die Braut war Theres, das Stubenmädchen, das Fanny auf den Turm begleitet hatte. Aus seinem Brief an Charlotte von Stein geht hervor, dass Goethe gleich am nächsten Morgen den Nordturm der Frauenkirche bestieg. Und aus dem Fenster heraus blickte, aus dem das Mädchen sich heruntergestürzt hatte.

Warum erinnert nichts an Fanny von Ickstatt?

Dass in München nichts an Fanny von Ickstatt erinnert, kann Leonhard nicht nachvollziehen. „Vor dem Alten Rathaus steht eine lebensgroße Julia-Statue, ein Geschenk der Partnerstadt Verona. Doch es gibt nirgends ein Denkmal Fannys“, bedauert die Autorin. „Fanny ist unsere Julia. Und die Münchner müssen sie ins Gedächtnis der Stadt zurückholen.“ Dafür will Leonhard sich einsetzen. Nur wenige Schritte von dem Ort entfernt, an dem das Mädchen 1785 starb, steht heute ein Brunnen. „In seinem Zentrum befindet sich eine Stele, auf der leicht eine Büste anzubringen wäre.“ Diese existiert bereits, die Autorin hat sie selbst angefertigt. „Sie müsste nur noch gegossen werden.“

Magdalena Leonhard will deshalb an Ministerpräsident Horst Seehofer schreiben. Sie hat einen weiteren Wunsch: „Fannys Geschichte sollte verfilmt werden. Denn es ist alles darin enthalten, was Menschen seit jeher ergriffen und erschüttert hat.“

Brigitta Wenninger

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