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Biohotel im Apfelgarten (Deppisch Architekten) in Hohenbercha bei Freising.

Holz - Baustoff der Zukunft

München - Das Architekturmuseum der TU befasst sich in der Pinakothek der Moderne mit dem Baustoff der Zukunft - Holz. In der großen Ausstellung „Bauen mit Holz – Wege in die Zukunft“ wird das Thema so elegant wie eindrucksvoll aufbereitet.

Ein achtgeschossiges Hochhaus ließ das Münchner Büro Schankula Architekten/Diplomingenieure innerhalb von 16 Tagen errichten – nicht in einem exotischen Billiglohnland, sondern im bodenständigen Bad Aibling. Das konnte heuer unsere Zeitung berichten. Exotisch war auch der Baustoff ganz und gar nicht: Das Haus besteht aus Holz. Nun ist es eines der Beispiele in der großen Ausstellung „Bauen mit Holz – Wege in die Zukunft“, die das Architekturmuseum der Technischen Universität München in der Pinakothek der Moderne so elegant wie eindrucksvoll präsentiert.

Museumschef Winfried Nerdinger hat sich mit Hermann Kaufmann, Architekt und wie er Professor an der TU, einen ausgewiesenen Fachmann für Holzbau dazugeholt. So ist eine Schau entstanden, die von Wissen und Herzblut durchpulst ist: für unsere Umwelt (Energieersparnis auf mehreren Ebenen), für die atemberaubenden Möglichkeiten des Holzes in neuer Technik, für gute Architektur. Und das Bad Aiblinger Hochhaus ist so ein zukunftsweisendes Exempel. Denn in der PDM soll es nicht um das kleine Holzhaus von nebenan gehen, es soll vielmehr bewiesen werden, dass Holz alles kann. Kaufmann betont, dass bei Architekten und Ingenieuren ein großes Interesse bestehe, „aber die Erfahrung fehlt“. Ebenso sei „grünes Kapital“ als Bauherr durchaus willig. Schwierigkeiten machten vielmehr die Behörden, die bei Holz sozusagen „Feuer“ schreien. Deswegen seien, was das angehe, die heutigen Holzbauten „Hochsicherheitstrakte“, schmunzelt Kaufmann. Und Nerdinger unterstreicht: „Wir wollen mit dieser Ausstellung den Anstoß geben, dass die Holzbauweise kommen muss. Das ist der Baustoff der Zukunft – alle anderen Stoffe verschwinden.“

„Bauen mit Holz“ beschränkt sich auf Europa, was die Holzwirtschaft betrifft. Länder, die Raubbau an ihren Wäldern begehen, will man nicht vorstellen. Ansonsten ist die Holzarchitektur überall gefragt. Die japanische Mehrzweckhalle Odate Jukai Dome Park hat eine Spannweite von 180 Metern – für Holz kein Problem. Die neue Verbund- und Verleimtechnologie macht’s möglich. In Chile gibt es ein komplettes Weingut aus Holz und in Finnland eine Kirche.

Fachhochschule Weihenstephan (Florian Nagler).

Je höher die Anforderungen, je raffinierter die Technologie, umso mehr sind Könner gefragt. Das Wissen des traditionsreichen Handwerks habe sich am profundesten in den alpenländischen Räumen von Bayern, Österreich und der Schweiz erhalten, so Kaufmann: „Hier ist weltweit die höchste Holzbau-Kompetenz zu finden.“ So sind unter den Beispielen denn auch viele hiesige: die Freisinger Fachhochschule Weihenstephan (zentrale Einrichtungen, Sprachenzentrum), ein Biohotel im benachbarten Hohenbercha, das Garmisch-Partenkirchener Finanzamt oder Stadthäuser in München-Riem. Lauter verlockend schöne und grundsympathische Gebäude – modern, aber nicht kühl, sondern fesch und menschlich.

Stadthäuser in München-Riem (Ingo Bucher-Berholz).

Zu Beginn der Ausstellung verbeugen sich die Kuratoren erst einmal vor den Lieferanten dieses Stoffes: dem Wald und dem Baum. Da wird für Aha-Erlebnisse gesorgt. Optisch durch den riesigen Wurzelstock einer 84-jährigen Fichte, die der Wind im Münchner Forst (Revier Maxhof) umgerissen hatte. Dieser Ballen verdeckt im ersten Augenblick die zweite Überraschung: Der Baum liegt mit seinen kompletten 40 Metern Länge in der ersten Halle. Dieses freundliche Gewächs hat zu Lebzeiten 4,6 Tonnen Kohlendioxid aufgenommen und 3,4 Tonnen Sauerstoff produziert. Jetzt gibt es Holz zum Bauen, Heizen, Bodenschutz (Mulch) oder zur Papierherstellung. Seine Energiebilanz ist einzigartig gut.

Alles Wissenswerte teilen Info-Fahnen knapp und prägnant mit: Stichwort „Internationales Jahr der Wälder“. Weitere Aha-Effekte sind dabei, dass zum Beispiel Deutschland noch vor Schweden die meisten Holzvorräte besitzt (3381 Millionen Kubikmeter), dass in der Forst- und Holzwirtschaft bei uns genauso viele Menschen beschäftigt sind wie in der Kraftfahrzeugindustrie oder dass Deutschland zu 33 Prozent bewaldet ist. Sensationell ist jedoch eine andere Aussage: Mit nur einem Drittel der jährlichen Menge, die in Deutschland an Holz geerntet wird, könnten wir alle Neubauten eines Jahres errichten. Das ergäbe eine traumhafte Öko-Bilanz. Die Schau führt das unter anderem an dem Garmisch-Partenkirchener Gebäude vor. Es schafft eine 50-prozentige Klimaentlastung im Vergleich zum Standardbau.

Die Ausstellung fasziniert den Romantiker und den Praktiker, den Ästheten, Ökologen und Technologie-Fan. Hinzukommt noch der Zauber des Materials Holz selbst – und sein sanft betörender Duft.

Von Simone Dattenberger

Bis 5. Februar

Telefon 089/ 23 80 53 60;

Katalog (Prestel): 34 Euro.

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