+
Peter Høeg: „Wenn mein neuer Roman zu einem Familienereignis werden könnte, wäre ich komplett glücklich.“

„Ich bin ein Erfahrungsmensch“

München - Schriftsteller Peter Høeg über seinen neuen Roman, die Neugier Heranwachsender und religiöse Gefühle

Bestsellerautor Peter Høeg (Jahrgang 1957) legt sein neues Werk „Die Kinder der Elefantenhüter“ vor. Es ist ab heute im Handel. Neben Sprachwitz und Humor fällt in dem Roman noch auf: In ihm stehen eben jene Kinder schon an der Schwelle zum Erwachsensein. Peter ist 14 Jahre alt, seine Schwester Tilte ist zwei Jahre älter und deren gemeinsamer Bruder Hans studiert bereits Astrophysik.

-Ist Spiritualität ein besonders heißes Thema, wenn man dem Erwachsenenalter näherkommt?

Ja, davon bin ich tief überzeugt. Ich habe viel mit Kindern zu tun - nicht nur mit meinen eigenen -, und ich sehe, wie gerade Jugendliche offen sind für diese Fragen. Doch die Erwachsenen - zumindest bei uns in Europa - gehen auf solche Themen nicht ein, weil sie sie verdrängen. Wenn Kinder, Jugendliche etwas wahrnehmen, das nicht mit der Erwachsenenwelt korrespondiert, dann sagt man: Da ist ja gar nichts! Das war eine Halluzination, vergiss es! Man lässt sie allein, anstatt die Kinder erzählen zu lassen, was sie da bewegt. Ich habe mich nie in Glaubenssystemen zurechtgefunden. Ich bin eben ein Erfahrungsmensch. Kinder und Jugendliche sind auch Erfahrungsmenschen, sie sind kleine Forscher. Deswegen fühle ich mich mit ihnen eng verbunden. Ich bin ein Kind, das sich als Erwachsener verkleidet hat.

-In Ihrem Roman geht es um Religion, um die großen Glaubensgemeinschaften und auch um kleinere Gruppierungen. Was bedeutet für Sie Religionsgemeinschaft - im Großen wie im Kleinen?

Da möchte ich eine biografische Antwort geben. Ich bin viel gereist und habe in ganz verschiedenen Kulturen gelebt. Das ist für mich ein ungeheurer Reichtum, und ich bin dankbar, diese ganz verschiedenen Religionen kennengelernt zu haben. Wahrscheinlich ist der Roman auch eine Art Liebeserklärung an die Vielfalt religiöser Vorstellungen.

- Peter und Tilte nennen ihre Eltern „Elefantenhüter“, weil diese einen glaubenssehnsüchtigen Elefanten in sich tragen. Doch bestimmte Glaubensprobleme können sie nicht lösen. Etwa: Ist Jesus, den man den Sohn Gottes nennt, wirklich in der Eucharistie persönlich anwesend?

Rituale, Dogmen, kanonische Texte, kirchliche Rangordnungen sind für mich die Außenseite der Religion, vor der ich persönlich sehr viel Respekt habe, aber auf der ich niemals mein eigenes Leben hätte aufbauen können. Dann gibt es die esoterische Seite. Hier geht es nicht um Hierarchien und Glaubensregeln, sondern man versucht, sich den großen Fragen anzunähern. Menschen, die diesen Weg gehen, sind mir ähnlich, denn sie sind wie ich Erfahrungsmenschen. Leider bieten die christlichen Gemeinschaften, insbesondere die evangelisch-lutherische Kirche, keine Unterstützung für Menschen, die ihr Leben spirituell zu verbessern suchen. Luther war überzeugt, dass der Einzelne nichts tun kann, um sich den großen Fragen nach Leben und Tod annähern zu können. In gewisser Weise ist daher schon die Frage nach der Existenz Gottes eine Sünde. Und dann gibt es auch noch eine Vorausbestimmung, wer ins Paradies kommt und wer verloren geht. Das ist so, Punkt um! Fragen helfen da nicht weiter. Gott entscheidet, ohne eine irgendwie geartete Nähe zu den Menschen. Und das ist, mit Verlaub gesagt, Sch...! So werden die Leute in eine passive und hilflose Position gebracht, die meiner Meinung nach nicht wahr ist.

Und das wirklich Tragische ist, dass wir hier in Europa über keine spirituelle und mystische Tradition mehr verfügen, die all diesen Fragen eine erfahrungsmäßige Unterstützung bietet. Das ist ein echter Mangel!

-In Ihrem Roman ist an einer Stelle zu lesen: „Nur etwas ist gewagter als die Begründungen für die Gesetze der Weltreligionen, das sind die Begründungen dafür, dass man sie bricht.“ Wie meinen Sie das?

Das ist natürlich ironisch gemeint. Aber es gibt für diesen Satz schon auch konkrete Beispiele. Nehmen wir den islamischen Fastenmonat Ramadan. Fasten ist an sich ein gutes und wichtiges Instrument, um körperlich wie spirituell Erfahrungen zu sammeln. Der Ramadan aber erlaubt, dass man nach Sonnenuntergang isst. Das heißt, es sind hier sehr viele Sonderfälle eingebaut, die erlauben, das Fasten zu brechen. Das finde ich komisch. Geradezu tragisch ist dann das Liebesgebot Jesu. Wie oft, in wie vielen Religionskriegen und Streitigkeiten zwischen den Konfessionen ist dieses Gebot gebrochen worden! Man sieht, Religionen sind in ihrem Inneren alles andere als konsequent. Genau das habe ich mit diesem Satz sagen wollen.

-Die Romanfigur Tilte hat bereits mit 16 Jahren zwei „Hauptsätze der Liebe“ aufgestellt: „1. Nimm stets deinen Mann mit, wenn du ins Bordell gehst. 2. Lass das Herz dort, wo die Natur es hingesetzt hat.“ Das verdient Respekt. Zugleich erhebt sich die Frage, ob das Buch „Die Kinder der Elefantenhüter“ wirklich für jedes Alter tauglich ist, wie im Roman behauptet wird?

Ich habe eine große Hoffnung. Als ich dieses Buch schrieb, stellte ich mir vor, dass der Roman innerhalb einer Familie vorgelesen wird, in der drei verschiedene Generationen zuhören. Als Familienmensch und Vater weiß ich, dass unsere Kultur gerne Erlebnisse und Erfahrungen aufteilt. Es gibt eine Kultur für Kinder, eine für junge Menschen und eine für uns Erwachsene. Wenn ich mir das vorstelle, werde ich immer ein wenig traurig. Denn ich versuche, Situationen zu finden, die für die ganze Familie zum Erlebnis werden. Wenn mein neuer Roman zu einem solchen Familienereignis werden könnte, wäre ich komplett glücklich.

-Peter, der Ich-Erzähler, sagt an einer Stelle: „Es ist nie zu spät für eine geglückte Kindheit.“ Möchte Peter Høeg mit seinem neuen Roman auch sagen: Seht her! Es ist - fast - nie zu spät für ein geglücktes Leben.

Ja, genau das möchte ich sagen!

Das Gespräch führte Andreas Puff-Trojan.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Guns N' Roses kündigen München-Show an - War's das für Rockavaria?

München - Fans von Guns N' Roses sollten schnellstmöglich den Terminkalender rausholen: Die Rock-Legenden haben eine München-Show angekündigt. Aber was bedeutet das für …
Guns N' Roses kündigen München-Show an - War's das für Rockavaria?

Top-Hits 2016: Drake hängt Rihanna und Bieber ab

München - Für Drake war das Jahr 2016 ein höchst erfolgreiches. Das unterstreichen auch die Zahlen von Spotify. So war der Rapper weltweit der meistgestreamte Musiker.
Top-Hits 2016: Drake hängt Rihanna und Bieber ab

„Männer“ mit „Currywurst“

Herbert Grönemeyer veröffentlicht auf CD-Box „Alles“ sein Gesamtwerk.
„Männer“ mit „Currywurst“

Garretts Geigen-Feuerwerk in der Olympiahalle

München - Auf seiner neuen Tournee heizt David Garrett seinen Fans in München ordentlich ein. In der Olympiahalle präsentiert der Geigen-Virtuose Rockklassiker im neuen …
Garretts Geigen-Feuerwerk in der Olympiahalle

Kommentare