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Ein ruhiger, charismatischer Kämpfer für die Toleranz – der Gambist und Dirigent Jordi Savall (75) beim Alte-Musik-Festival im dänischen Næstved.

Interview zum 75. Geburtstag

Jordi Savall: „An der Migration sind wir schuld“

Jordi Savall spricht im Interview mit dem Münchner Merkur über vergessliche Politiker, die Kraft Europas und gemeinsame Wurzeln unterschiedlicher Kulturen.

Was der Barock mit türkischen, armenischen oder afrikanischen Klängen zu tun hat? Sehr viel, wie Jordi Savall nicht müde wird zu beweisen. Der katalanische Gambist, Dirigent und Musikforscher ist einer, der Toleranz und Respekt vor anderen Kulturen nicht nur predigt, sondern vor Ohren führt. So wie der Kirchturm letztlich dem Minarett verwandt ist, so grenzüberschreitend sind auch die Grundstrukturen der Musik – was mehr ist als ein wissenschaftliches Phänomen. Am 1. August ist dieser ruhige, charismatische Kämpfer 75 Jahre alt geworden und hat gerade ein Festival für Alte Musik im dänischen Næstved mit aus der Taufe gehoben.

Ein neues Festival: Beruhigt Sie das? Oder ist es nur ein Tropfen auf den heißen Stein?

Es ist schade, dass nicht mehr passiert. Unsere Musik sollte so vielen Menschen wie möglich zugänglich gemacht werden. Die Zusammenarbeit von dänischen, französischen, belgischen oder katalanischen Musikern hier ist gelebte Toleranz. Darin manifestiert sich die Kraft Europas, die wir in diesen Tagen allzu oft vergessen. Wir haben ein nur rein ökonomisches Europa gebaut. Ein gemeinsames kulturelles Europa existiert noch nicht. Das größte Potenzial dieses Kontinents zeigt sich jedoch in seiner Geschichte, seiner Kultur, seinen Idealen.

Wobei die Kultur der Politik voraus ist. Es gibt zum Beispiel einen Briten an der Spitze der Berliner Philharmoniker...

Das stimmt. Was mir in meiner Arbeit wichtig ist: Ich versuche, eine für alle wahrnehmbare Verbindung zwischen der Geschichte Europas und seiner Musik zu knüpfen. Die Musik eint uns, die wir zum Beispiel aus so unterschiedlichen Glaubensrichtungen kommen. Es gibt geradezu verblüffende, für alle hörbare Parallelen. Das muss doch einen Grund haben. Das wurde noch zu wenig untersucht. Wir glauben weiterhin, dass die okzidentale Musik die universelle Musik sei.

Wie kommt es dann, dass Japaner geradezu vernarrt sind in westliche Musik und nur deren Interpreten gelten lassen?

Das rührt von einem Komplex her, von einer Unsicherheit. Sie glauben, dass die europäische Kultur und besonders die deutsche vor allen anderen rangiert. Aber daran sind nicht nur die Japaner schuld, sondern auch wir in unserem trügerischen Selbstbewusstsein. Natürlich ist Bach einer der höchsten Berge. Aber auch in anderen Kulturen gibt es wunderbare, eben anders geformte Gebirge. Ich finde, jede Stadt müsste eine Art lokales Klang-Archiv pflegen. Es ist doch Wahnsinn, dass wir in den Museen verschiedene Malschulen erleben können, aber etwas Vergleichbares auf dem Sektor der Musik nicht haben. Wie viele Deutsche kennen die Musik der Minnesänger?

Demnach glauben Sie auch nicht an einen Fortschritt in der Musik.

So etwas gibt es nur in der Wissenschaft. Als Europa im 15. Jahrhundert die griechische Kultur entdeckte, war das eine Offenbarung, was die eigene Einordnung betraf.

Seit langem versuchen Sie, durch Ihre Projekte kulturelle Zusammenhänge zu zeigen. Sind Sie frustriert, wenn Sie auf die derzeitige Situation blicken?

Ich bin frustriert, weil nicht nur die Politik unter großer Amnesie leidet. Nehmen Sie das jetzige Migrationsproblem. Über 4000 Menschen sind allein in den vergangenen Monaten gestorben auf dem Weg von Afrika nach Europa. Aber wer erinnert sich daran, dass zwischen 1500 und 1880 über 30 Millionen Afrikaner versklavt wurden? Unser Reichtum, unsere ganze Entwicklung basiert auf diesem Unrecht. Es gab nie eine Entschuldigung, nie eine Reparationszahlung. Was erwarten wir nun von Afrika? Dass es sich mit seiner Armut, seinen Kriegen, mit dem Sterben zufriedengibt? Ähnliches passiert andernorts. Alles, was wir jetzt erleben, ist die Konsequenz unseres Handelns. Nehmen Sie ein anderes Beispiel. Europa braucht neue Ideen, was das Zusammenleben der Staaten betrifft. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, das 1806 aufgelöst wurde, könnte modellhafte Ansatzpunkte bieten. Jedes Land war unabhängig, aber jedes musste dieselben Regeln verfolgen.

Wobei man die Menschenrechte damals etwas anders bewertete.

Natürlich. Ich meine aber die reine Idee der gleichberechtigten staatlichen Koexistenz. Die Geschichte ist voller solcher Elemente, die uns helfen könnten, besser zu sein.

Ihr vor einigen Monaten gestorbener Kollege Nikolaus Harnoncourt war pessimistisch. Er sagte, die grünen Triebe, die wir jetzt sehen, sind die letzten Angsttriebe eines sterbenden Baumes.

Wir sind in einer sehr gefährlichen Situation. Ich glaube aber nicht, dass der Baum stirbt. Das wäre der Fall, wenn wir keine Kinder hätten. Die Kinder sind unsere neuen Bäume. Wir müssen sie allerdings pflegen. Die ganzen Probleme heute haben auch mit einem fehlerhaften, anti-musischen Erziehungssystem zu tun – und mit einem System, das auf dem Profit basiert. Im 19. Jahrhundert haben in fast jeder Stadt die Reichen für Krankenhäuser, Schulen, Kultur und vieles mehr Geld gegeben. Heute orientiert sich das Kapital überregional, weltweit – und verliert seine engere Umgebung aus den Augen. Deutschland ist eine Ausnahme. Hier lebt vieles aus dem vorletzten Jahrhundert fort. Aber schauen Sie in die USA, auch wenn es dort viele Privatsponsoren gibt: Die Gesundheitsvorsorge und das Erziehungssystem befinden sich in einer verheerenden Situation – und fast auf dem Stand von Afrika.

Müssten für all diese Ideen nicht auch verstärkt die Neuen Medien genutzt werden? Nur so erreicht man doch den Nachwuchs.

Das Internet nennt sich Kommunikationssystem. Aber es handelt sich nur um eine Schein-Kommunikation, in der Menschen eben nicht auf Menschen treffen. Es hat viele positive Seiten, letztlich hat es aber anonymen und damit irrealen Charakter. Humanität und Verständnis füreinander lässt sich nicht mit Klicks erreichen. Was hier außerdem fehlt, sind Kontrollinstanzen. Das Zusammenleben, das Führen einer Beziehung ist vielleicht die komplizierteste Aufgabe des Menschen. Von hier geht alles aus. Und das lässt sich nur durch direkte, reale Kontakte lernen.

Sie haben vor kurzem einen großen Geburtstag gefeiert. Ein Einschnitt?

Nun ja, viele, viele Jahre liegen hinter mir. Aber nehmen wir mal an, ich wüsste nicht, dass ich am 1. August 1941 geboren wurde. Es würde sich für mich nichts ändern, weil ich mein Fühlen, meine mentale Kapazität, mein physisches Potenzial nicht an Zahlen festmachen kann. Was sich sagen lässt: Man ist jung, so lange man noch Illusionen hat und Kreativität. Von daher fühle ich mich jung. Gandhi sagte, man solle jeden Tag so leben als sei es der letzte. Zugleich müsse man lernen und studieren, als ob man noch tausend Jahre leben würde. Was für mich unter anderem bedeutet: Liebst du jemanden, dann sage es ihm jetzt.

Sie wirken immer beneidenswert ausgeglichen. Waren Sie früher anders?

Ja. Was ich heute bin, ist doch ein Resultat von vielen Jahren Erfahrung. Mark Twain meint, es gibt zwei wichtige Tage im Leben eines Menschen. Den, an dem man geboren wurde. Und den, an dem man begreift, warum und für was man geboren wurde.

Wann war bei Ihnen der zweite Tag?

Unbewusst mit sechs, sieben Jahren, als ich im Knabenchor meiner Schule mit dem Singen begann. Und es gab einen anderen, an dem ich das Cello für mich entdeckte. Durch die Kraft der Musik wurde alles anders. Ich denke mir daher immer: Solange wir singen können, gibt es Hoffnung.

Das Gespräch führte

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