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Zerrissen zwischen Gefühl und Glaube: Eléazar (Roberto Alagna) und Tochter Rachel (Aleksandra Kurzak). 

Interview zu den Münchner Opernfestspielen

„Ich nenne sie immer Doc“

In der Münchner Opernfestspiel-Premiere von "La Juive" stehen Roberto Alagna und seine Frau Aleksandra Kurzak gemeinsam auf der Bühne

Vom Hass auf die Christen ist Eléazar besessen – was ihn, den Juden, in eine fatale Situation bringt, als sich Tochter Rachel in einen Mann der „falschen“ Konfession verliebt. „La Juive“ von Fromental Halévy spielt zwar 1414, doch Parallelen zu späteren Zeiten sind unübersehbar. Die mit Balletten und monumentalen Chören gespickte Grand Opéra ist die erste Neuproduktion der Münchner Opernfestspiele, die heute starten und bis Ende Juli dauern. „La Juive“ hat am kommenden Sonntag Premiere. Sopranistin Aleksandra Kurzak (38) singt die Rachel, ihr Mann, der Tenor Roberto Alagna (53), den Eléazar. Beide haben Erfahrung mit Sängerehen. Kurzak war mit einem polnische Bariton, Alagna mit Angela Georghiu, Enfant terrible der Opernzsene, verheiratet.

Herr Alagna, im echten Leben ist Frau Kurzak Ihre Frau. Nun müssen Sie ihren Vater spielen. Ist das nicht seltsam?

Kurzak: Wissen Sie was? Unsere kleine gemeinsame Tochter hat ihn nach der Probe nicht erkannt. Sie hat nur geweint. (Lacht.)

Alagna: Sie wusste wohl nicht, ob ich der Papa oder eher der Opa bin… Obwohl ich in dieser Produktion nicht viel Make-up trage. Es ist ungewöhnlich, quasi den Vater meiner Frau zu spielen. Aber ich habe ja auch eine Tochter, die mit 24 Jahren schon erwachsen ist. Sie erwartet bald ein Kind, das heißt, dann bin ich tatsächlich Großvater! Insofern kann ich mich in Eléazars Gefühlswelt gut hineinversetzen.

Frau Kurzak, Sie sollten ursprünglich die Eudoxie singen. Nachdem die Sängerin der Rachel aus der Produktion ausgestiegen ist, haben Sie die Rolle übernommen. Warum? Normalerweise wird die Rachel mit einer schwereren Stimme als die der Eudoxie besetzt.

Kurzak: In der jüngeren Zeit war das vielleicht so. Aber wenn man sich die Uraufführung ansieht, stellt man fest: Die Sängerinnen der Rachel und der Eudoxie sangen dasselbe Repertoire. Ich habe den Vertrag für „La Juive“ an der Bayerischen Staatsoper vor meiner Schwangerschaft unterzeichnet. Jetzt merke ich, dass sich meine Stimme verändert hat. Insofern fühlt sich die Rachel für meine Stimme gerade perfekt an.

Alagna: Man darf nicht vergessen, dass die Grand Opéra aus dem Belcanto kam. Erst nach dem Verismo, wo man viel impulsiver, emotionaler an den Gesang herangegangen ist, hat sich die Vorstellung von „dramatischen“ Sängern gewandelt. Die Rachel der Uraufführung, die legendäre Cornelie Falcon, war gerade mal 19 Jahre alt. Ihre Stimme kann allein aufgrund ihrer Jugend gar nicht so dramatisch, so dunkel gewesen sein. Adolphe Nourrit hat damals als Eléazar die hohen Noten noch im Falsett gesungen. Wenn er eine „dramatische“ Sängerin wie beispielsweise Birgit Nilsson neben sich gehabt hätte, hätte man ihn doch gar nicht gehört.

Sie sind echter Melomane, wissen sehr viel über alte Sänger und alte Aufnahmen. Teilen Sie diese Passion, Frau Kurzak?

Kurzak: Nicht in dem Maße wie Roberto. Er weiß wirklich alles! Vielleicht, weil es für mich normal war, mit der Welt der Oper umgeben zu sein. Meine Eltern waren beide Profisänger. Für Roberto hatte es womöglich mehr etwas Magisches, Märchenhaftes.

Die Grand Opéra findet erst in jüngerer Zeit wieder mehr Aufmerksamkeit. Warum die lange Durststrecke?

Alagna: Das hatte sicher auch antisemitische Gründe. Die großen Komponisten dieser Opern waren Juden. Aber zusätzlich war es sehr schwierig, Sänger zu finden. Es gab lange eine andere, vom Verismo geprägte Gesangskultur. Die Tenöre haben die Spitzentöne auf einmal mit voller Bruststimme gesungen, nicht mehr im Falsett. Die ursprüngliche, quasi französische, aber auch auf Mozart zurückgehende Kultur mit dieser dramatischeren Technik zu verbinden, hat einfach Zeit gebraucht. Auch Rossini und Donizetti musste man erst wieder entdecken.

Für Sie beide sind dies Rollendebüts. Wie war es, Ihre Charaktere mit Regisseur Calixto Bieito herauszuarbeiten?

Kurzak: Roberto hat ja Carmen schon sehr erfolgreich mit ihm gemacht. Für mich war es das erste Mal. Und zu Beginn war ich schon ein bisschen skeptisch, da ich seine Berliner „Entführung aus dem Serail“ kenne. Aber ich habe ihn als so warmherzige, offene Person erlebt. Er gibt auf der Bühne viele Freiheiten und inszeniert nichts gegen die Sänger.

Alagna: Er schenkt den Sängern großes Vertrauen und ändert auch manchmal Dinge, wenn man etwas anbietet. Das ist sehr angenehm.

In der Rolle der Eudoxie hat es eine weitere Umbesetzung gegeben. Nicht Hanna-Elisabeth Müller, sondern Vera-Lotte Böcker wird singen. Sind solche kurzfristigen Veränderungen im finalen Probenprozess nicht schwierig?

Alagna: Nein, Frau Böcker hat ja schon, bevor Frau Müller dazugestoßen ist, für sie bei den Proben als Cover agiert, sie hat also szenisch alles drauf. Frau Müller war nur einen Tag da, ich glaube sie fühlte sich einfach nicht gut. Aber die Vorstellungsserie im Oktober wird sie ja meines Wissens singen.

Nach dem Eléazar wartet 2018 der nächste Brocken auf Sie: Lohengrin in Bayreuth. Hilft Ihre Frau beim Deutsch lernen?

Kurzak: Ich gebe mein Bestes. Wenn es nicht klappt, nehme ich alle Schuld auf mich.

Alagna: Ja, das wird spannend. Alle wollen Wagner von mir, ich verstehe nicht, warum. Ich liebe die Musik, sehe mich aber eigentlich nicht in diesem Repertoire. Wir werden sehen, wie es läuft.

Als Opernehepaar kann man einander unterstützen, man weiß um manche Schwierigkeiten. Aber Sänger sind sensible Personen. Gibt es Momente, in denen Rivalität aufkommt?

Kurzak: Als wir uns kennenlernten, waren wir auf unterschiedlichen Levels. Nicht unbedingt, was die Stimme angeht. Aber Roberto war schon damals einer der berühmtesten Tenöre. Da gab es keine Rivalität, vielmehr habe ich ihn bewundert. Als ich für Diana Damrau in London in „Robert le Diable“ eingesprungen bin, sagte ich zu meiner Mutter: Das mache ich. Dann kann ich in meinen Lebenslauf schreiben, dass ich einmal mit Alagna auf der Bühne stand.

Sie haben einen Doktor der Musik...

Kurzak: In wenigen Tagen mache ich das Examen für den zweiten Doktorgrad, das kommt in Polen, bevor man Professor wird. Meine Doktorarbeit befasst sich mit der Gilda in Verdis „Rigoletto“.

Alagna: Sie ist eine tolle Musikerin. Ich nenne sie immer Doc.

Das Gespräch führte Maximilian Maier.

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