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Auf der Flucht - nur vor was oder wem? Ana Durlovski als Elvira.

Opern-Neuproduktion in Stuttgart

Was heißt hier Wahnsinn?

Die Stuttgarter Staatsoper zeigt Bellinis "I puritani" als grandios gute Traumdeutung mit einer überragenden Ana Durlovski als Elvira

Die Tradition will es und die große Koalition der Stimmschlürfer sowieso, dass dies der Höhepunkt ist. Die weibliche Hauptfigur, gefangen im Käfig der Macho-Welt, irrlichtert sich dem Ausweg entgegen. Doch der ist nicht die Tür nach draußen, sondern die in den Wahn. Aber was heißt schon Wahnsinn? Wenn Ana Durlovski „O rendetemi la speme“ singt und um Hoffnung  fleht, ist ihre Elvira vollkommen mit sich im Reinen. Selbstsicher, stark, sogar amüsiert. Die entsetzten Kerle, die das für Irrsinn halten, müssen sich Knüffe gefallen lassen: Hey, so sagt diese Geste, was habt ihr denn?

Wer auf der realen, angeblich „richtigen“ Seite steht, was Normalität sein soll, das verwischt an diesem grandiosen Abend in der Stuttgarter Staatsoper. Mit der letzten Neuproduktion einer konkurrenzlosen Spielzeit tritt das Haus den Beweis an: Vincenzo Bellinis „I puritani“ sind weniger handlungskrause Nummernparade, sondern tatsächlich eine Studie voller Brüche, Sprünge und Zusatzebenen, die weit vor Dr. Freud Innenwelten auf verstörende Art Klang und Raum gibt.

Zum dritten Mal setzt sich das Regieduo Jossi Wieler und Sergio Morabito am Neckar mit Bellini auseinander. Vor 14 Jahren glückte ihnen „Norma“ nicht nur als Neubefragung, sondern als eine Inszenierung mit Legendenqualität. 2012 knüpften sie mit „La sonnambula“ an diesen Erfolg an, „I puritani“ hält dieses Niveau auf eine andere, nicht minder aufregende Art.

„Traumwelt“, das sagt und inszeniert sich so leicht. Tatsächlich lassen Wieler/ Morabito ihre Elvira in einem surrealen Etwas existieren, das von hochgeschlossenen Extremisten bevölkert ist. Die könnten Puritaner, aber auch (in ihrem Gebet an der Mauer) Juden sein oder Sektenmitglieder, denen das geschriebene heilige Wort wichtiger ist als individuelles Wollen. Einem fast tödlichen Irrtum ist Elvira erlegen: Ihr geliebter Arturo rettet die von den Puritanern gefangen gehaltene Witwe des Königs mit einer List. Da er ihr einen Brautschleier überstülpt, glaubt sich Elvira verraten – ebenso wie die Fraktion der Selbstzüchtiger, als alles herauskommt.

Alles nur Imagination Elviras also? So einfach ist die Sache nicht. Da gibt es schließlich noch Giorgio. Der ist laut Stück ihr Onkel, hier aber ein geheimnisvoller, aus der Zukunft herbeigeeilter Spielmacher. Und so, wie sich Perspektiven verändern, wie Irreales und Wahrheit ineinandergreifen, ist auch Anna Viebrocks Bühne gestaltet. Keine ihrer Kleinbürgerhöllen, dennoch ein Rätselraum, dessen Wände sich unmerklich verschieben. Eine Kirche, in der es Heiligenfiguren ohne Köpfe gibt, auch ein Zimmerchen im ersten Stock, am Ende ein Miniaturhaus, in das sich Elvira flüchtet. Brutal durchbrochen (oder zusammengehalten?) wird alles durch einen riesigen rostigen Metallträger.

Das dreieinhalbstündige Spiel mit Andeutungen, Allusionen und Ahnungen wird von Wieler/Morabito bis in die kleinste Chorrolle getrieben. Giuliano Carella entgeht mit dem Stuttgarter Staatsorchester dem Effektvollen, interessiert sich vielmehr für Mixturen und Entwicklungsverläufe. Ein handwerkliches Niveau ist zu bestaunen, auch eine Identifikation der Sänger mit ihrer Aufgabe, wie sie nur an einem solchen Ensembletheater zu finden ist. Alles Rollendebütanten: Adam Palka (Giorgio), dessen juveniles Wesen so gar nicht zum vokalen Großprotz passen mag; Edgardo Rocha (Arturo), der nicht nur die Stratosphären oberhalb des „C“ mit feinem Tenorstrahl beleuchtet; auch Gezim Myshketa (Riccardo) als tönendes und szenisches Prachtmannsbild.

Geheimnisvolles Zentrum von allem ist Ana Durlovski. Ihre Elvira, mit dunklem, herbem Timbre und selbst in den Spitzentönen druckfrei gesungen, verzichtet auf Diven-Zutaten. Faszinierend, wie sie ihre Figur zwischen Schutzsuche, Traumwandeln und Entschlossenheit in einem Schwebezustand hält. Denn das ist das vielleicht Größte dieses Abends: dass er nicht Fragen versehentlich offen lässt, sondern allen und allem ein verstörendes Geheimnis belässt, das einen lange nach Fallen des Vorhangs weiterbeschäftigt. Sehr weit sind Wieler/Morabito also gekommen. Das ist schon keine Belcanto-Expedition mehr, sondern – im Verein mit dem Kollegen Christof Loy andernorts – die Neubewertung eines Genres.

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