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„Wir haben keine Rechtschreibkrise, sondern brennende Flüchtlingsheime“: Andreas Rebers mahnt zu einer differenzierten Foto: MM

Kabarettist Andreas Rebers im Interview

„Bei mir gibt’s die Tieferlegung“

München - Kabarettist Andreas Rebers über sein neues Programm „Amen“, die AfD, seine Kollegen und sein Leben in München.

Kampf der Kulturen, Morgenland gegen Abendland, moderne Religionskriege – Andreas Rebers hat das passende Programm dazu. Es heißt „Amen“ und bietet, so verspricht der Kabarettist seinen Fans, ein Wiedersehen mit der Glaubensgemeinschaft der „Bitocken“ und mit der linken Frau Hammer. Zu der gesellt sich nun Frau Flüchtling, die eine „Riesenkarriere“ hinlegt, außerdem gibt es „tanzbare Kapitalismuskritik“. Zur Premiere am kommenden Mittwoch (20 Uhr) in der Münchner Lach- und Schießgesellschaft sprachen wir mit dem 58-Jährigen, der ganz nebenbei ein privates Jubiläum feiert. Seit 20 Jahren lebt und arbeitet der gebürtige Niedersachse in München.

Im Begleittext zu „Amen“ gibt es Sätze wie „Über das Wolkenkuckucksheim des Establishments ist die Wirklichkeit mit aller Macht hereingebrochen“. Deutschland in der Krise?

Nein, das würde ich nicht sagen. Deutschland ist noch in einer sehr privilegierten Situation. Der Kapitalismus funktioniert. Die Geschäfte werden morgens aufgesperrt, und man sorgt dafür, dass rund um die Uhr gearbeitet und geshoppt werden kann.

Alles in Ordnung also?

Bei uns schon. Die Welt brennt an den Rändern. Bei uns regiert der Humanismus, wir helfen den Flüchtlingen, die zu uns kommen, und haben mehrheitlich keine Angst vor dem Islam. Und wenn die Rechten auf die Straße gehen, dann laufen da 250 Farbenblinde, und auf der anderen Seite haben wir 25.000 Leute, die rufen: „Deutschland ist bunt!“ Soweit ist alles in Ordnung.

Dann ist die „Wirklichkeit“, von der Sie sprechen, also noch nicht über uns hereingebrochen?

Noch nicht. Ich bin aber Realist und sage: Das, was man in Nordafrika, in der arabischen Welt als „Arabischen Frühling“ bezeichnet hat, hat es nie gegeben. Das ist das Aufbegehren einer politischen Religion, das leider nicht zum Frieden führt.

„Die Deutschen waren einst Tätervolk, jetzt sind sie Opfervolk“ – auch diesen Satz liest man bei Ihnen.

Das Zitat stammt aus dem „Nederlands Dagblad“. Aus der Sicht vieler Völker, die von den Nazis gequält worden sind, ist das eine genau so schlimm wie das andere. Ich zitiere aus meinem Programm: Frau Merkel und Frau Roth stehen an der polnischen Grenze und sagen: „Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeholfen.“ So oder so, es gibt immer eine deutsche Dominanz.

Das mit der Opferrolle scheint sich ja nun zu ändern, jetzt sagen viele wieder: „Es reicht!“

Das wundert mich nicht. Wenn sich Gesine Schwan (Politikwissenschaftlerin und Politikerin, Red.) hinstellt und sagt: „Der islamistische Terror ist hausgemacht“, dann ist das eine Verdrehung der Tatsachen. Hausgemacht ist die AfD. Pegida war übrigens nie nie eine bundesweite Bewegung, sondern immer eine lokale Erscheinung. Die ist medial aufgebauscht worden, weil Medien Produkte brauchen. Pegida war das beste mediale Produkt der vergangenen zehn Jahre.

Sie haben in einem früheren Gespräch mit unserer Zeitung einmal Parteien mit Automarken verglichen, bei denen es kaum noch Unterschiede gibt. Genau das sagt aber sinngemäß die AfD. Sie sei, um im Bild zu bleiben, die einzige Partei, die ein ganz neues Modell entwickelt.

Na ja – wenn wir uns die politische Landschaft anschauen, dann ist das ja auch alles nur noch ein einziger Baaz. Angela Merkel macht die Politik der SPD, die Grünen koalieren mit der CDU, die SPD schaut dumm aus der Wäsche, und da muss ich sagen: Selbst schuld! Wenn eine Volkspartei nicht hört, was das Volk bewegt, dann ist sie die längste Zeit Volkspartei gewesen.

Ist dann die AfD die neue Volkspartei?

Sie wird auf jeden Fall eine bedeutende politische Kraft bleiben, im Gegensatz zur NPD, deren Abgeordnete nur pöbeln wollten. Die AfD muss man argumentativ entzaubern. Und nicht in die rechte Ecke stellen. Weil sie Fragen stellt, die in die Mitte der Gesellschaft gehören. Wir brauchen beispielsweise ein Islamgesetz. Diese Religionsgemeinschaft muss zur Körperschaft öffentlichen Rechts werden, dann hat sie nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten. Wir können es nicht zulassen, dass die Saudis und Erdogan in Deutschland Stiftungen unterhalten und islamische Verbände unterstützen. Die AfD kommt jetzt damit, ich erzähle das seit 15 Jahren.

Kabarett als Weckruf?

Ja, warum nicht? Aber das verkauft sich nicht. Kabarett ist opportunistisch geworden.

Auch einige Ihrer Kollegen thematisieren mittlerweile den politischen Islam...

Wenn Sie Dieter Nuhr meinen – der wird dafür als Hassprediger bezeichnet, und manche Kollegen freuen sich auch noch darüber. Im Kabarett ist jeder für seine Themen selbst verantwortlich. Und natürlich wird die Auswahl auch vom erhofften Erfolg bestimmt. Ich habe es mir und meinem Publikum nie leicht gemacht. Es ist töricht, die gesellschaftliche Mitte in die rechte Ecke zu stellen, auch auf der Comedybühne, wo gesagt wird, die AfDler seien doof, die könnten noch nicht einmal richtig schreiben. Wir haben aber keine Rechtschreibkrise, sondern brennende Flüchtlingsheime. Und wir haben 20 Prozent Deutsche, die abgehängt sind oder sich so fühlen und um die man kämpfen muss.

Auch in Ihrem neuen Programm geht es um Glaube und Religion. Wollen Sie Trost spenden in unruhigen Zeiten?

Unbedingt! Das hat auch damit zu tun, dass ich mir unheimlich gern die Seele aus dem Leib spiele. Ich biete nie fertige Inszenierungen, ich bin ein Entwicklungskünstler. Die Premiere ist nur eine Momentaufnahme. Dann geht es weiter wie in der Automobilindustrie mit dem KVP, dem kontinuierlichen Verbesserungsprozess...

Wo’s dann irgendwann breitere Zierleisten gibt?

Bei mir gibt’s die Tieferlegung! Das neue Programm ist auch ein bisschen ein Best of. Das Ergebnis eines Destilliervorgangs. Wenn „Rebers muss man mögen“ ein gut gelagerter Wein war, dann ist „Amen“ hochprozentig.

Das Wort „Amen“ hat auch etwas Kategorisches. Der Kabarettist als Welterklärer?

Ich möchte schon auch ein paar Dinge erklären, aber ich bin Kabarettist, kein Prediger. Ich will gut unterhalten. Ich bin nicht wie manche Theaterintendanten, die sich ein anderes Publikum wünschen. Ich spiele für die, die da sind.

Sie leben seit 20 Jahren in München. Inwieweit hat sich aus Ihrer Sicht die Stadt verändert?

Da möchte ich von Haidhausen sprechen, wo ich lebe. Das hat sich extrem verändert. Es wird immer schicker, hipper, teurer, lebendiger – und man wird nachts immer öfter aus dem Schlaf gerissen. Wir sind ja so tolerant und haben die Raucher aus den Kneipen verbannt, die sind aber draußen nicht leiser als drinnen. Die Nachbarn interessieren keinen mehr. Das Einzige, was interessiert, ist Party und das Recht zu feiern. Das sind Werte, die ich nicht verteidigen muss.

Das klingt nach Wut...

Na ja, abgesehen vom Lärm ist dieses Viertel schon so, wie die Welt sein sollte. Bei mir im Haus leben Menschen aus Wladiwostok, aus Großbritannien, der Schweiz, den USA und der Türkei. Und wenn ich aus dem Haus rausgehe, finde ich gegenüber ein israelisches Café und nebenan einen japanischen Bäcker, der die besten Croissants weit und breit macht. Es gibt das Fresh House, wo man Fleisch bekommt, das halal ist (nach islamischem Recht erlaubt, Red.). Und wenn ich einen Schweinsbraten mag, dann gehe ich zur Metzgerei Vogl.

Ihre persönliche Lebenszwischenbilanz?

Meine Frau und ich haben es geschafft, unsere Kinder anständig großzuziehen und dabei ein Paar zu bleiben. Körperlich bin ich letztens an meine Grenzen gestoßen, ich hatte bei einer Skitour einen Unfall. Ich habe mir das Schlüsselbein zerlegt, an der Brecherspitz. Die Lesebrille fürs Handy war im Rucksack, aber wegen der Verletzung kam ich nicht dran. Ich hatte eine halbe Stunde, um über alles nachzudenken, dann kam ein Bergkamerad des Weges, und alles war gut. Ich habe viele Sachen solo gemacht, nicht nur Kabarett. Skitouren werde ich wohl künftig nicht mehr alleine unternehmen.

Das Gespräch führte Rudolf Ogiermann.

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