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Im Jahr 2021 könnte das erste Klassikkonzert auf dem ehemaligen Pfanni-Gelände am Münchner Ostbahnhof stattfinden. Für bis zu 250 Millionen Euro sollen dort ein großer Saal und einer für Kammermusik entstehen.

Der Zeitplan, die Fakten

Konzertsaal am Ostbahnhof: Scharfe Kritik aus CSU-Reihen

München - Die Entscheidung ist gefallen: Der neue Konzertsaal soll am Ostbahnhof in München entstehen. Das Kabinett beschloss den Saal im Werksviertel - gegen Widerstand aus der CSU-Fraktion.

„Die Entwicklung sucht ihresgleichen in Europa", findet Kultusminister Ludwig Spaenle.

Der Minister hat sich sehr feierliche Formulierungen aufgeschrieben zur „künstlerischen Perspektive“, die „perspektivisch annehmen lässt“, dass die Entwicklung „ihresgleichen in Europa sucht“. Auf Nachfrage wird Ludwig Spaenle dann aber auch sehr direkt: Jawohl, vor 2018 werde „klar sein, wie das Ding dann aussieht“. Das Ding, es wird im Werksviertel stehen und nicht in der Paketposthalle. Auf diesen Standort für den neuen Münchner Konzertsaal hat sich das Kabinett geeinigt.

Bayerns Kunstminister Spaenle (CSU) und die Kollegen für Bau und Finanzen hatten es so vorgeschlagen, weil der Neubau hier günstiger sei und schneller verwirklicht werden könne. Vor 2018 sollen die Verträge unterschrieben sein. Falls es optimal läuft – was bei öffentlichen Bauten selten der Fall ist – darf sich dann Ministerpräsident Horst Seehofer noch in seiner Amtszeit mit einem Spaten auf das Gelände am Ostbahnhof stellen. Ihm wäre das ein Herzensanliegen und der CSU eine Hilfe im Wahljahr. Wahrscheinlicher erscheint den Bau-Fachleuten aber 2019. Dann wäre ein erstes Konzert Ende 2021 möglich, so die offizielle Schätzung.

Kostenschätzung: 200 bis 250 Millionen Euro

Die Fakten: Bauträger wird der Staat, die Kosten werden auf 200 bis 250 Millionen Euro geschätzt. Die Stadt soll nicht mitzahlen, private Mäzene sind willkommen. Das Grundstück läuft über Erbpacht, 30 Millionen Euro über 50 Jahre. Wer die Säle (1800 Plätze im großen, 300 im kleinen) betreibt, ist offen. Hauptnutzer ist der Bayerische Rundfunk für seine drei Klangkörper Symphonieorchester, Rundfunkorchester und Chor, zu 90 Prozent ist der Sender Nutzer tagsüber, zu 30 Prozent abends.

Für das Votum der Regierenden war wohl auch die Sorge ausschlaggebend, die vielleicht spektakulärere Alternative Paketpost könnte absurd teuer werden. Für 45 Millionen Euro wäre diese Halle an der Arnulfstraße zu kaufen gewesen, auf bis zu 105 Millionen Euro wird die Sanierung geschätzt. Spaenle glaubt, dass der Bau nach wenigen Jahrzehnten abgerissen und für eine dreistellige Millionensumme neu errichtet werden müsse. „Einmütig“ habe das Kabinett daher das Werksviertel beschlossen.

Einigen CSU-Abgeordneten geht die Entscheidung zu schnell

Trotzdem könnte es noch mal Ärger geben. Der Kunstminister spricht von einer „Grundsatzentscheidung, die den Diskussionsprozess beendet“. Die CSU-Abgeordneten, darunter einige Fans der Paketposthalle, halten diesen Prozess jedoch für übereilt und wollen erst in einer Sitzung am 27. Januar beraten. Auffallend scharf kritisiert der zuständige CSU-Abgeordnete Oliver Jörg seine Minister: „Das ist ein Alleingang der Staatsregierung. Der Diskussionsprozess war noch nicht abgeschlossen.“ Es sei klar vereinbart worden, die Fraktion vor der Entscheidung einzubinden, sagte er unserer Zeitung. Zur Erinnerung: Am Geldhahn sitzt der Landtag, nicht Seehofer. In der Fraktionssitzung am Nachmittag kündigte daher Thomas Kreuzer an, Ende Januar das Thema ohne Zeitbegrenzung noch einmal diskutieren zu wollen. Spaenle beeilte sich daraufhin, CSU-Abgeordnete für heute zum informellen Mittagessen in die Landtagsgaststätte einzuladen.

Auch wenn der Beschluss hält – einem geht es eigentlich zu langsam. Seehofer warf gestern Spaenles Zeitplan schon eine Stunde nach dessen Pressekonferenz über den Haufen. Im ersten Quartal 2016 will Seehofer alle Beteiligten in der Staatskanzlei zusammenholen, um den Behörden Beine zu machen. „Ich sehe nicht ein, dass der Bebauungsplan erst 2017 fertig ist“, sagte er am Nachmittag im Landtag. „Dafür fehlt mir jedes Verständnis.“ Er will den Spatenstich früher vornehmen – am liebsten höchstpersönlich.

Den Mitbewerbern von der Paketpost-Fraktion hat es nach dem gestrigen Votum – fast – die Sprache verschlagen. Die Entscheidung der Politik wolle man „jetzt gar nicht kommentieren“, teilte Karlheinz Gröbmair für die Gruppe um den Anwalt Josef Nachmann unserer Zeitung mit. „Wir analysieren die neue Situation mit der gebotenen Sorgfalt und werden uns danach erklären.“ Bis zuletzt hatte sie versucht, bei den Verantwortlichen Druck zu machen. Doch sogar die Tatsache, dass man für das Postverteilungszentrum ein Ersatzareal im Münchner Westen gefunden hatte, konnte die Kabinettsmitglieder nicht umstimmen.

Mariss Jansons zeigt sich erleichtert

„Wichtigster Punkt ist die erstklassige Akustik", mahnt Mariss Jansons.

Nicht ein vom Herzen fallender Stein, vielmehr ein Murenabgang ist auf Seiten des Bayerischen Rundfunks zu registrieren. Für Mariss Jansons, Chefdirigent des BR-Symphonieorchesters, dürfte das Kabinettsvotum das I-Tüpfelchen auf seinem derzeitigen Urlaub sein. „Nach so vielen Jahren der Gespräche und mancher Enttäuschung“ freue er sich sehr über die Entscheidung, teilte er mit. Jansons verhehlt nicht, dass sein Favorit eigentlich der Finanzgarten war. „Leider wird es dort nicht geschehen. Deshalb hatte ich mich zuletzt für den Standort Werksviertel ausgesprochen, denn dort sehe ich ein außerordentliches Potenzial und die reelle Möglichkeit, einen fantastischen Konzertsaal in vielversprechender Umgebung mit zahlreichen Zusatzangeboten, die vor allem auch für junges Publikum attraktiv sind, verwirklichen zu können.“ Der wichtigste Punkt dürfe dabei aber nicht vergessen werden: „eine erstklassige Akustik!“

Trotz aller Erleichterung ist bei Orchestermanager Nikolaus Pont sanfte Ironie spürbar darüber, „dass nach einer ausführlichen Diskussion begonnen werden kann, an einem konkreten Projekt zu arbeiten“. Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) hat betont, dass man den Planungen des Freistaats keine Steine in den Weg legen wolle: „Die Stadt München steht selbstverständlich zu ihrer Zusage, die Bemühungen des Freistaats nach Kräften planungsrechtlich zu unterstützen.“ Und sogar der Konzertsaal-Verein, der in jüngster Zeit recht wenig Laut gegeben hatte, meldete sich zu Wort: „Das Werksviertel bietet als einziger Standort die realisierbare Chance, das neue Konzerthaus rechtzeitig vor Beginn des Gasteig-Umbaus Anfang der Zwanzigerjahre in Betrieb zu nehmen.“

Mike Schier

Mike Schier

E-Mail:mike.schier@merkur.de

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Markus Thiel

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