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Sie sind selbst beim Blödsinn-Machen triebgesteuert: die Männer, die Wolfgang Pregler, Michael Thomas, Michael Tregor, Nabil Saleh und Georg Friedrich (v. li.) darstellen.

Sexkrüppel-Reigen

München - Das Projekt „Böse Buben/Fiese Männer“ von Dokumentarfilmer Ulrich Seidl hatte an den Kammerspielen Premiere. Liefert es den Beweis, dass das starke Geschlecht verloren ist?

Ausgerechnet! Ein Stück über Männerrituale hat Premiere an einem Abend, an dem eines der wichtigsten dieser Rituale stattfindet: Fußball, Europameisterschaft und obendrein Deutschland gegen Italien. Ein herrlicher Fehlpass für die Münchner Kammerspiele und für Ulrich Seidls Projekt „Böse Buben/Fiese Männer“, das in Kooperation mit den Wiener Festwochen entstanden war. Herrlich, weil sich das Theater gegen das Massenspektakel gestemmt hat – und doch zur Hälfte gefüllt war. Auch mit Männern. Sie erbrachten schon mal den Beweis, dass das starke Geschlecht noch nicht verloren ist, so wie das Seidl mit seinem Sexkrüppel-Reigen auf der Bühne glauben macht.

Der österreichische Regisseur ist bekannt geworden als Dokumentarfilmer, der ins Abgründige des Alltags hineinleuchtet: von „Tierische Liebe“ über „Models“ bis „Im Keller“ (!), der bald fertig wird. Nach seinem Theaterprojekt 2004, „Vater unser“, hat er sich nun „Bösen Buben/Fiesen Männern“ gewidmet. Das Rückgrat der Produktion bildet das Buch „Kurze Interviews mit fiesen Männern“ von David Foster Wallace, ergänzt durch Texte aus dem Ensemble, wie es im Programmheft heißt. Seidl versucht, Realität und Fiktion zu mischen – ununterscheidbar –, was gelingt. Und was ebenfalls für die Laiendarsteller René Rupnik und Nabil Saleh zutrifft.

Duri Bischoff hat dafür einen dieser Trostlos-Keller mit Dämmplatten, Rohren, Entlüftungsschächten, Pförtnerkabuff und Spindtüren auf die Schauspielhausbühne gebaut. Hier unten treffen sich sieben Männer zu Spielchen zwischen Geheimbündelei und Selbsthilfegruppen-Gerede. Der einzige Keller-Eingeborene scheint Rupnik zu sein. Er ist schon da, säubert umständlich mit Schäuferl und Beserl den Boden – und bleibt auch da: auf seinem „Thron“, umgeben von mächtigen Stößen aus Pornoheftln. Den Vorschriften der Gruppe unterwirft er sich nur minimal. Ihren einarmigen Trainer spielt Lars Rudolph, der mit den Pfeifferl-Signalen einen Teil der klanglichen Untermalung des zweieinhalbstündigen Abends besorgt. Der andere besteht aus meist deutschem Liedgut, das insbesondere Wolfgang Pregler sanft und sicher anstimmt.

Regisseur Ulrich Seidl lässt die Mannen sich nach Vorsprech-Manier in einer ersten Runde vorstellen. Und auch später wird das Publikum stets mit einbezogen, ist immer direkter Partner. Man lernt den Verklemmten (Georg Friedrich) kennen, den Korrektling (Pregler), den Möchtegern-Playboy (Michael Tregor), den Kraftlackl (Michael Thomas), den stets potenten Ausländer (Nabil Saleh) und den Bankangestellten mit Hang zur Schusswaffe (Rudolph). Und man lernt sogleich, dass unter ihnen keiner ist, der für sich und andere ein gutes Leben geschaffen hat.

Warum das so ist, wird mit René Rupniks Vorstellung, die gleichzeitig seine erste Rede ist, klar. Was aus dem Schwall von Wissen, Halbwissen, Erinnerungsfetzen und Selbstanalysen herausragt, ist: der Schwanz. Um Gott Priap tanzen diese Männer zeit ihres Lebens besessen, egomanisch und saudumm, bis kaum mehr etwas übrig bleibt vom Leben – außer jenem Surrogat im Keller. Das ist tieftraurig und abstoßend. Aber Seidl und seine Schauspieler verschaffen ihren Figuren mal Charme, mal Not, mal Melancholie oder Selbsterkenntnis, sodass man als Zuschauer nie total zurückprallt. Triebfixiertheit ist ja auf dem Theater schnell langweilig, die Crew jedoch umschifft das dramaturgisch geschickt. Wobei der Humor der eigentliche Retter ist. Und er wird vielfältig eingesetzt: Es gibt versponnene Skurrilitäten, säuischen Brachialwitz auf Österreichisch, Situationskomik und natürlich auch Schoten aus Wallaces „Interviews“. So muss beispielsweise der Kraftlackl das Schicksal ertragen, auf dem Beischlafhöhepunkt stets zwanghaft „Sieg den Kräften der Sozialistischen Partei Österreichs“ brüllen zu müssen.

Hier spürt man im Kleinen, dass Ulrich Seidl (und Autor Wallace) die soziopolitischen Unterströmungen der sexuellen Verhaltensmuster interessieren. Das wird in der manipulativen Perfidie der Männer deutlich, die Frauen „rumkriegen“ wollen. Die Strategie des Tricksens gipfelt in der widerlichen Rabulistik des Intellektuellen – von Pregler sicher serviert –, der Holocaust und Vergewaltigung verquickt – und als lebenstärkende Erfahrung für das Opfer hindreht. Die Wirkung wäre noch stärker gewesen, wenn der Regisseur den Abend gestrafft hätte, etwa um die Fremdenhass-Szene, die wie ein Fremdkörper in dem Gesamtkonzept wirkt.

Herzlicher Applaus für Darsteller und Regieteam.

Von Simone Dattenberger

Nächste Vorstellungen am 30. Juni, 2.,15., 22. Juli, Karten unter Telefonnummer 089/23 39 66 00.

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