+
Eine gesunde Portion Theaternaivität und die Lust an einfachen, starken Zeichen prägen Andreas Kriegenburgs „Rheingold“-Inszenierung, hier eine Szene mit Fricka (Sophie Koch) und Wotan (Johan Reuter).

Kein ächzendes Gedankengebälk: „Rheingold“ am Nationaltheater

„Radikal“ nennt der aktuelle Mann im Regiestuhl sein Konzept. Doch schon einmal, 1987, beim vorvergangenen „Ring“, versammelte sich Münchens Wagner-Gemeinde zur Märchenstunde.

„Es war einmal“ krakelte Loge damals zum „Rheingold“-Vorspiel auf den Vorhang. Eine Erzählung, nichts weiter, augenzwinkerte Regisseur Nikolaus Lehnhoff – um im Nationaltheater dann eine 15-stündige Bildershow zu entfesseln. Augenfutter statt Thesenpapiere eben. Und das hat sich nun auch Andreas Kriegenburg vorgenommen. Doch er geht weiter – oder zurück? Keine Politik, keine Philosophie bei Münchens neuem „Rheingold“ jedenfalls, kein ächzendes Gedankengebälk. Aber auch: keine Opulenz, keine Kulinarik, kaum Pathos. Zurück zu den Theaterwurzeln – der will nicht die Welt spiegeln, geschweige denn verbessern, der will nur spielen.

Ein Überdruss an all den soziokritisch aufgedonnerten „Ringen“ schwingt da mit. An Wotanen mit Köfferchen, Alberichen mit Aktienpaketen und Rheintöchtern aus der Freisinger Landstraße. Aus einer lockeren Situation entwickelt Kriegenburg sein „Rheingold“. Schon vor dem Es-Dur-Wummern des Vorspiels herrscht Sommerpicknickstimmung im riesigen, lichten „Ring“-Zimmer von Bühnenbildner Harald B. Thor. Junges Volk in Weiß, dazwischen die Opernfiguren nebst Regisseur. Man formiert sich zur wogenden Leiber-Reihe, bildet den Rhein. Die Riesen stehen später auf gewaltigen Körperwürfeln, zwischen denen Wotan einmal fast zermalmt wird. Und Walhall? Ist Menschenformation oder nur Piktogramm: eine kreideweiß projizierte Zinnenreihe.

Am besten gelingt Nibelheim. Eine diffuse, in orangefarbenes Licht getauchte Vision aus Schweiß, Gewalt und Tod. Raumanzugswesen schwenken ihre Scheinwerfer – und blenden so einfach wie effektvoll ins Publikum, wenn sich Alberich in Schlange (ein brennendes Seil) oder Kröte (eine kauernde Tänzerin) verwandelt. Eine gesunde Portion Theaternaivität springt einem aus Kriegenburgs „Rheingold“ entgegen. Eine Lust an einfachen, starken Zeichen. Als ob eine Off-Theater-Produktion auf Opern-Konfektionsgröße genäht wurde. Jochen Schölchs Freimanner „Metropol“ auf Max-Joseph-Platz-Format gewissermaßen. Uneitel und bescheiden, fantasievoll und geradeaus ist dieses „Rheingold“, aber auch inkonsequent: Dass sich da eine Gruppe Twens die „Ring“-Geschichte erzählt, sie im Spiel Realität werden lässt, all das bleibt Kriegenburgs Interview-Behauptung. Zu wenig ist dieser Rahmen, ist diese zweite Ebene spürbar.

Viel entscheidender jedoch: Von einem Schauspielmann hätte man schon plastischere Figurenporträts erwartet. Wichtig sind die Menschen, nicht der theoretische Überbau, für solch Ansinnen möchte man Kriegenburg glatt das Theaterehrenzeichen verleihen. Doch dann dürfte ihm nicht so viel Konvention unterlaufen. Ausgerechnet Einspringer Johannes Martin Kränzle, ein Alberich weniger der Bariton-Dröhnung, sondern des textbewussten vokalen Floretts, als Wotan-Gegenspieler ein aasiger, neureicher Möchtegern-Intellektueller mit Zottelhaar, dieser Neuling also reißt das Geschehen schnell an sich. Und das nicht nach sechs Wochen Probenzeit, sondern nach zwei Tagen. Ein Alarmzeichen.

War’s im Grund alles Absicht? So wenig wie sich Kriegenburgs Regie in die Brust wirft, so wenig raumgreifend (und enttäuschend) bleiben viele Sänger. Schön, meist vokalgesund, aber zu kleindimensional. Für Johan Reuters sympathischen Schlenkerschritt-Wotan gilt das, für die Fricka von Sophie Koch, fürs Riesen-Duo Thorsten Grümbel und Phillip Ens. Die Erda von Catherine Wyn-Rogers ist dagegen aufreizend querbesetzt, keine orgelnde Urmutter, sondern eine glasklar formulierende, biegsam-stimmfrische Kassandra. Aga Mikolaj (Freia) gibt mit lyrischer Fülle eine Bewerbung für Größeres ab. Besser, balancierter als mit Eri Nakamura, Angela Brower und Okka von der Damerau lassen sich die Rheintöchter nicht besetzen. Und dass Stefan Margita Sieger beim Einzel-Applaus war, hat auch viel mit der Kollegenform zu tun: ein Rampen-Loge mit Laser-Tenor. Das ungarische Idiom freilich verlangt eher nach Münchens kundigen Korrepetitoren.

Und auch der Mann im Graben ist eine Querbesetzung. Den Konversationston des „Rheingolds“, dieses geschärfte, doppelbödige Parlando blendet Kent Nagano fast vollständig aus. So wenig wie Kriegenburg das Boulevardhafte des Stücks bedient, so wenig ist Nagano der Richtige für Wagners musikalisches Klipp-Klapp-Theater. Der Kontakt zu den Sängern reißt oft ab. Kleine Pannen passieren, vieles tönt fahrig, unentschlossen. Doch es gibt auch manches zu bestaunen. Das subtil strukturierte Vorspiel zum Beispiel. Die zart aufglühende Liebeslyrik. Überhaupt einen schwebeleichten, sorgsam austarierten Kammermusikton: In Richtung Debussy scheint in solchen Momenten das klangbewusste Staatsorchester abzubiegen. Um dann doch, man muss dafür gar nicht weit zurückdenken, sträflich unterfordert zu bleiben.

Eine Prognose? „Ring“-Revolutionen fühlen sich anders an – waren aber auch gar nicht beabsichtigt. Aus den Ovationen nach dem „Rheingold“ ist da auch eine Riesenportion Erleichterung herauszuhören. Füllt sich Kriegenburgs Rahmen mit den passenden Sänger-Schwergewichten, dann hat packendes Theater beste Chancen, man denke nur an die Papierform der „Walküre“-, „Siegfried“- und „Götterdämmerungs“-Besetzung. Keine üblen Aussichten wären das.

MARKUS THIEL

Nächste Vorstellungen

am 8. und 12. Februar; (ausverkauft).

Die Besetzung

Dirigent: Kent Nagano.

Regie: Andreas Kriegenburg.

Bühne: Harald B. Thor.

Kostüme: Andrea Schraad.

Choreographie: Zenta Haerter.

Darsteller: Johan Reuter (Wotan), Levente Molnár (Donner), Thomas Blondelle (Froh), Stefan Margita (Loge), Johannes Martin Kränzle (Alberich), Ulrich Reß (Mime), Thorsten Grümbel (Fasolt), Phillip Ens (Fafner), Sophie Koch (Fricka), Aga Mikolaj (Freia), Catherine Wyn-Rogers (Erda), Eri Nakamura, Angela Brower, Okka von der Damerau (Rheintöchter).

Die Handlung

Alberich verflucht die Liebe und gerät so in Besitz des Rheingoldes. Daraus schmiedet er einen Ring, der maßlose Macht verleiht. Sein Gegenspieler ist Wotan, der sich, als er die Riesen Fasolt und Fafner für den Bau seiner Burg bezahlen muss, bei Alberich bedient: Er raubt das Gold, um es den Riesen zu geben – und nimmt sich den Ring für den Eigenbedarf.

Alberich verflucht den Ring. Die Riesen verlangen auch diesen Zauberreif, auf den Wotan, von Erda ermahnt, verzichtet. Der Ring fordert sein erstes Opfer: Fafner erschlägt Fasolt.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Elf Bücher, die Sie zu Weihnachten verschenken und lesen sollten

Manche behaupten, ein Buch sei ein einfallsloses Weihnachtsgeschenk. Stimmt nicht. Unsere Autorin hat in diesem Jahr bezaubernde, starke, mutige Bücher gelesen, die auf …
Elf Bücher, die Sie zu Weihnachten verschenken und lesen sollten

Neues Album:Die Rolling Stones kommen nach Hause

München - Elf Jahre mussten Fans der Rolling Stones auf neuen Stoff warten, jetzt haben die Altrocker ihr neues Album „Blue & Lonesome“ rausgebracht - wir verraten euch …
Neues Album:Die Rolling Stones kommen nach Hause

Sommernachtstraum 2017: Diese Bands und Künstler sind dabei

München - Da wird es uns doch gleich warm ums Herz bei den kalten Temperaturen. Die Bands für den Sommernachtstraum 2017 stehen fest. Und der Headliner ist ziemlich …
Sommernachtstraum 2017: Diese Bands und Künstler sind dabei

Gerd Steinbäcker: „Fürs Liedermachen bin ich zu alt“

München - Gerd Steinbäcker, Ex-Mitglied des österreichischen Pop-Trios S.T.S. hat ein neues Album veröffentlicht - und will sich von dem Stil gleich wieder verabschieden
Gerd Steinbäcker: „Fürs Liedermachen bin ich zu alt“

Kommentare