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Grelles Spiel zwischen Komik und Erschrecken, bei dem die Schauspieler zu höchster Form auflaufen: Szene mit (v.li.) Götz Schulte (Rudolf Höller), Charlotte Schwab (Clara) und Gundi Ellert (Vera). 

Premierenkritik

Im Keller der deutschen Lüste

München - Tina Laniks dichte, hochkonzentrierte Inszenierung von Thomas Bernhards „Vor dem Ruhestand“ feiert Premiere am Residenztheater - lesen Sie hier die Kritik.

Was für ein passender Zufall, dass die Premiere auf den Abend vor dem 1. Mai fiel! Denn es ist eine politische Walpurgisnacht, die Hausregisseurin Tina Lanik da am Münchner Residenztheater entfesselt. Beginnen lässt sie Thomas Bernhards Altnazi-Groteske „Vor dem Ruhestand“ (1979) aber gespenstisch ruhig: Während das Publikum ins Parkett strömt, liegen die Schauspieler schon ganz vorn an der Rampe vor dem Eisernen Vorhang. Wenn’s losgeht, erheben sich diese drei grauen Gestalten und klopfen Wolken von Staub aus ihren Gewändern. Dann verschwinden die Zombies durch eine Türe nach hinten, und aus dem Lautsprecher gellen ganz aktuell die Geister der Gestrigen: Aufnahmen eines Redners mit schwäbischem Akzent von einer Leipziger Pegida-Demo.

So aufgesetzt diese Zeigefinger-Geste wirkt – das, was folgt, ist eine doppelte Überraschung: Obwohl die Bernhard’sche Kunst-Sprache stark ausgedünnt, quasi zum psychologischen Realismus deformiert und ihr Irrsinn ganz in Gesten und Handlung übersetzt wurde, gelingt Lanik ein dichter, hochkonzentrierter und gar nicht pädagogischer Abend. Ein grelles Spiel zwischen Komik und Erschrecken, das direkt in den Keller der „deutschen Seele“ führt. Dorthin also, wo nicht nur das Nazi-Gedankengut eingemottet ist, sondern wo auch die ganzen Topoi, die Schnittmuster der dämonisierenden Nazi-Darstellung und des Schreckens-Kitzels lagern, die Bernhards Stück schrill und zitathaft ausstellt.

Dazu hat Bühnenbildner Maximilian Lindner tatsächlich eine Art Keller gebaut, eine schmale Fläche am vorderen Bühnenrand zwischen schwarzen eisernen Wänden. Links führt nur eine steile Leiter hinauf und hinaus aus diesem Bunker der verborgenen Lüste, in dem der einstige KZ-Kommandant Rudolf Höller, der auch im Nachkriegsdeutschland Karriere gemacht hat, mit seinen beiden Schwestern wie jedes Jahr den Geburtstag des SS-Chefs Heinrich Himmler feiert. In schweren Eisentruhen ist da die Vergangenheit versteckt, die einmal im Jahr hervorgeholt wird. Oder sind sie nur Spielzeuge eines perversen Trios, diese SS-Uniformen, KZ-Jacken, BDM-Kleidchen und Himmler-Bilder? Ist es bloß ein geschmacklos-frivoles Rollenspiel, was die drei Nostalgiker treiben?

Der Zuschauer sieht jedenfalls ein Zwischending aus Fetisch-Party und Sadomaso-Farce, das sich zum obszönen Nazi-Bacchanal steigert, zum hysterischen Hexensabbat, in dem das Politische mit dem Psychotischen untrennbar verschmilzt. Dass all das so überzeugend gelingt, liegt auch daran, dass die Schauspieler mit Volldampf zu höchster Form auflaufen: Gundi Ellert, nach Jahrzehnten wieder einmal am Residenztheater auf der Bühne, ist als Inzest-Schwester eine grandiose Mischung aus Hascherl und Megäre. In ihrem demütigen Zopfmädchen-Gehabe gegenüber dem Bruder in schwarzer Uniform blitzt die masochistische Wollust auf. Und wenn diese betagte Vera in Strumpfhosen und mit linkischen Verführungs-Posen einen auf Cellulite-Vamp macht, ist das von herrlich grotesker Komik.

Charlotte Schwab, die als die querschnittsgelähmte Schwester Clara zu erleben ist, fasziniert in ihrer fast stummen Rolle als fleischgewordene Negation von erstaunlicher Präsenz. In ihrem höhnischen Lachen flackert die gleiche Verrücktheit wie im Treiben ihrer Nazi-Geschwister, mit denen sie, die Sozialistin, die „Nazis raus“ an die Wand sprüht, in Abhängigkeit und Hass verbunden ist. Man wundert sich kaum, dass auch sie ihrem Bruder einen Zungenkuss gibt – und später von ihm aus dem Rollstuhl gezerrt und fast vergewaltigt wird.

Diesen Rudolf Höller gibt Götz Schulte als Zwischending aus Beamtenseele und Berserker, als unberechenbaren Borderline-Biedermann am Rande des Herzanfalls, der schließlich die Pistole zückt und das Gefühl der Macht über Leben und Tod auskostet. So problematisch es ist, politische Phänomene, die ja immer ökonomische Ursachen haben, psychologisch erklären zu wollen – der Abend regt doch dazu an, die bizarre Wahnhaftigkeit auch der gegenwärtigen „Überfremdungs“-Phobiker in den Blick zu nehmen: Wie schwach muss ein Identitätsgefühl ausgeprägt sein, das ausgerechnet durch jene ärmsten Schweine, die im Krieg alles verloren haben und in ihrer Heimat ständig in Todesgefahr waren, gleich das ganze Abendland bedroht sieht? Fast als körperliche Bedrohung empfand man dann den Hakenkreuz-Vorhang in Schwarz-Weiß-Rot, der am Ende die Bühne schloss. Vielleicht wirkte der lange Applaus auch deshalb etwas beklommen.

Alexander Altmann

Weitere Aufführungen

am 6., 21. und 31. Mai sowie am 5., 16. und 20. Juni;

Telefon 089/ 2185-1940.

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