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Kirill Petrenko beim Akademiekonzert im Nationaltheater

Akademiekonzert im Nationaltheater

Grand mit drei Buben

Kirill Petrenko, Christian Gerhaher und Peter Seiffert mit Mahlers "Lied von der Erde"

Wer das Werk nach Typen besetzt, kommt automatisch auf dieses Duo. Hier der bacchantische, mit seinem Vokalmaterial verschwenderisch umgehende, immer großer Bub gebliebene Tenor, dort der sorgsam abwägende, noch in der Sekunde des Singens schlüssig hinterfragende Bariton: Besser als mit Peter Seiffert und Christian Gerhaher lässt sich Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ wohl tatsächlich nicht denken. Dass sich Instinktsänger Seiffert beim Akademiekonzert im Münchner Nationaltheater sehr auf die Lotsendienste von Kirill Petrenko verlassen muss, schmälert die Wirkung kaum – noch immer glücken dem 62-jährigen Ex-Lohengrin nicht nur einschüchternde Töne, sondern auch feiner gezeichnete Reminiszenzen an die lyrische Vergangenheit.

Gerhaher hat inzwischen eine bestechende Stufe der Interpretation erreicht. Texttreue und Tiefenschürfen ist das Eine, auch, wie er das alles (erst recht in der unangenehm hohen, eigentlich für Mezzosopran vorgesehenen Lage) technisch bewältigt. Doch dann gelingt noch ein Paradox. Einerseits ist Gerhaher an der Rampe als lyrisches, dem Wort verpflichtetes Ich präsent, andererseits passt er seinen Gesang wie eine zusätzliche Orchesterstimme ins Geschehen ein. Was Wort, was „nur“ Klang des Menschen, dies überschneidet sich hier auf frappierende Weise in einem Werk, das ja Symphonie sein will und zugleich ins Riesenhafte gesteigerter Liedzyklus. Dass Petrenko mit dem Bayerischen Staatsorchester das Elegische der Partitur eher eliminiert und ihre im Doppelsinn unerhörte Modernität erfahrbar macht, stützt dies alles noch. Überraschend etwa im „Abschied“ die zügigen Tempi – und eine Profilierung der einzelnen Schichten, die dieses Werk fast skelettiert.

Ähnliches passierte schon zuvor in Felix Mendelssohn Bartholdys dritter Symphonie, der „schottischen“. Kaum eine Spur von hübschem Tongemälde: Petrenko und das Staatsorchester agieren, als ob da einer die Nebel Britanniens weggeblasen hat, damit sich Struktur und Klangmixturen im gleißenden Licht präsentieren. Im Vivace, auch im Finale verlangt Petrenko, dieser so straffe Organisator, fast Grenzwertiges. Plötzliche Kulissenwechsel gibt es, auch Akzente, die wie ein rechter Haken platziert werden. Und das Erstaunliche: Das Staatsorchester folgt seinem Chef mit solcher Hingabe, Leidenschaft und Präzision, sodass es auf Augenhöhe mit den First-Class-Kollegen aus der reinen Symphonik gehoben wird.

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