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Dieser Mann wird nie fertig mit seiner akribischen Arbeit: Kirill Petrenko führte sein Bayerisches Staatsorchester bei Tschaikowskys Fünfter zur Höchstleistung.

Konzertkritik

Versessen auf jedes Detail

Kirill Petrenko dirigierte beim Akademiekonzert im Münchner Nationaltheater Ligeti, Strauss und Tschaikowsky - die Kritik

Eine halbe Stunde noch, und von drinnen, aus dem noch geschlossenen Auditorium des Münchner Nationaltheaters, weht Tschaikowskys Fünfte ins Foyer. Später hört man Diana Damrau mit einem Häppchen aus Strauss’ „Vier letzten Liedern“: Obwohl beides ausgiebig geprobt und mehrfach auf der Europatournee im Konzert gespielt wurde – Kirill Petrenko ist noch nicht fertig damit. Überhaupt, so steht zu befürchten: Der Mann wird nie zu Ende kommen mit dem, was vor ihm auf dem Pult liegt. Immer noch ein Detail, ein Sforzato, ein kleines Crescendo, ein Mittelstimmendurchgang, der entdeckt werden will, an dem gepuzzelt werden muss.

Weit, sehr weit ist Petrenko mit seiner manisch-perfektionistischen Haltung gekommen, man staunt darüber gerade in diesem Akademiekonzert. Nicht nur, dass das Bayerische Staatsorchester dank seines Generalmusikdirektors in Bestform glänzt. Diese Genauigkeit, diese stufenlose Flexibilität, diese Wendigkeit, dieser unverschleierte, offensiv ausgespielte Klang: Souverän rangiert da ein, und das ist nicht despektierlich gemeint, Opernensemble auf Augenhöhe mit den First-Class-Kollegen aus der reinen Symphonik. Ob Tschaikowskys Schlager jemals so detailversessen, so mikrokosmisch genau gedeutet wurde?

Petrenko, das ist schon in der flüssigen, rhetorisch phrasierten Einleitung zu spüren, will das Stück von allem Sentiment befreien, auch von Querverweisen auf Tschaikowskys Biografie. 50 Minuten absolute Musik also. Fortissimo-Momente sind nicht als Überwältigung inszeniert, sondern als strukturell-logische Aufgipfelung. Lyrische Passagen driften nie ins Gefühlige, bleiben liedhaft, natürlich, schlicht. Der Walzer des dritten Satzes wird nicht nonchalant verschlenzt, dafür sind viele instrumentale „Störmanöver“ hörbar. Das Finale schließlich: kein Triumph, kein Durchbruch, sondern ein in den kristallscharfen Furor getriebener Abschluss.

Auch wenn Petrenko messianische Verehrung genießt und Blasphemie gewittert werden kann: Von der extremen Ausarbeitung zur Überkontrolle ist es hier nicht mehr weit. Das Staatsorchester wird von seinem Chef am derart kurzen Zügel geführt, dass so etwas wie Freiheit des Spiels fast nicht mehr möglich ist. Elemente des Vorführens, des „Gemachten“, auch der Dressur werden spürbar – was allerdings dem Wiederholungseffekt einer solchen Tournee geschuldet sein kann.

Vor der Pause begreift Petrenko Strauss’ Weltabschiedslieder in Verwandtschaft zu den verhaltenen, behutsamen Tonumkreisungen von György Ligetis Zehnminüter „Lontano“. Keine amorphe Masse, selbst im leisesten Piano sind Zutaten hörbar. Und dies eben auch bei Strauss, dessen Kulinarik sich Petrenko verweigert. Vielleicht auch, weil mit Diana Damrau keine üppig timbrierte Sopranistin singt, sondern eine lyrische Feinzeichnerin.

Sehr verhalten, sehr intim werden die Lieder realisiert. Die Stimme der Damrau ist weniger Hauptsache, sondern zusätzliches Klangelement. Umdenken, neu justiertes Hören verlangt das: Im Gegensatz zu anderen Strauss-Liedern, die Diana Damrau einst in München mit Christian Thielemann gesungen hat, fehlen ihrer Stimme für die gehaltvoll instrumentierten „Vier letzten Lieder“ wohl doch ein, zwei vokale Dimensionen. Vieles zum Nachgrübeln nimmt man also aus diesem heftig bejubelten Abend mit – Besseres kann einem Konzert doch nicht passieren.

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