Klug und opulent: "Die Geschichte des Selbstporträts"

- Ein recht angenehmes Wohlleben hat er geführt, Bak, der Bildhauer. Auf einer Steinstele verewigte er sich mit ziemlich dickem Bauch - aber hübscher Frau. Auch die Inschrift kann Stolzes verkünden, denn Bak (1358- 1336 v.Chr.) war erster Bildhauer bei Pharao Echnaton. Der wahrhaft opulente Bildband "Die Geschichte des Selbstporträts" führt den alten Ägypter als eines der frühen Beispiele für die Selbstdarstellung von Künstlern an. Aber natürlich findet sich das, was allgemein als Selbstbildnis verstanden wird, erst mit Beginn der Neuzeit.

Omar Calabrese, der in Siena den Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaften inne hat, geht die Beschäftigung des Schöpfers von bildender Kunst mittels bildender Kunst denn auch vielfältig an. Maler und Bildhauer reflektierten mal ihr Handwerk oder ihre soziale Rolle, mal ihre "Göttlichkeit" oder ihre Virtuosität, mit optischen Tricks umzugehen, mal psychologisch Tiefsinniges oder Allgemeinmenschliches. Calabrese zeigt all das klug, gleichwohl bleibt er unterhaltsam - wozu naturgemäß die herrlichen und bestens gedruckten Bildbeispiele sehr viel beitragen. Da gibt es durchaus auch humorvolle Endeckungen zu machen: etwa die Nonne Guda, die sich hineinzeichnet in ein reich verziertes D des Guda-Homiliars (12.Jh.), ergänzt mit dem Schriftband "Guda peccatrix mulier scripsit quae pinxit hunc librum" (Guda, die sündige Frau, hat dieses Buch geschrieben und gemalt).

Maler im Versteck

Lange genossen es die Künstler, sich zum Teil hoch kompliziert in ihrem Werk zu verstecken. Berühmtestes Beispiel ist wohl Jan van Eyck samt seinem Gemälde von 1434, die "Arnolfini-Hochzeit". An der Wand hinter dem edlen, recht blasiert dreinschauenden Paar hängt ein konvexer Spiegel. "Johannes de Eyck fuit hic" steht in eleganten Lettern darüber. Dass Jan "hier war", ist klar, schließlich hat er das Bild gemalt - aber ist er auch der winzig kleine Mensch, den man mühsam in jenem Spiegel erkennt? Ein zeichentheoretisches Rätsel der augenzwinkernden Art. Da wird Albrecht Dürer, ein leidenschaftlicher Selbstdarsteller, schon viel deutlicher.

Er inszeniert ein fürchterliches Gemetzel, bei dem Menschen enthauptet, aufgespießt, gekreuzigt, gesteinigt oder vom Fels gestoßen werden. Mittendrin in der "Marter der Zehntausend" (1508) geht Dürer mit einem Freund völlig unbehelligt spazieren. Wie ein heutiger Demonstrant hält er dabei eine Schrifttafel hoch, die ihn als Schöpfer des Gemäldes ausweist. Dürer ist dabei nicht einfach eitel, er "spielt" in seinem "Stück" mit: als Berichterstatter. Im gleichen Moment, wo er bei uns Gefühle des Entsetzens und der Abscheu gekonnt auslöst, pocht er auf Distanziertheit und rationale Haltung dem Geschehen gegenüber. Er fordert vom Betrachter zwei gegensätzliche, aber notwendige und sich ergänzende Arten des Erlebens.

Noch schriller ist Caravaggios "Scherz", sich als Goliath zu porträtieren, und zwar gibt er dessen abgeschlagenem Kopf, an dem David hantiert, seine eigenen Züge (1599/ 1600). Ähnlich autoaggressiv ist auch Ernst Ludwig Kirchner (1914), als er sich als "Trinker" zeigt, mit fast kahl geschorenem Kopf und grün-lila changierender Gesichtshaut.

Grandioser aber sind die direkten Begegnungen mit den Künstler-Antlitzen. Wenn einem jener Mann der heiteren Farben aus totalem Schwarz entgegenblickt mit dem weisen, melancholischen Blick des alten Mannes, dann erleben wir einen Tintoretto (1587), der Mensch ist und doch erhabenes Genie. Und das schafft, zumindest wenn man das Buch durchblättert, keiner mehr so wie er. Selbst Vincent van Goghs Psychologie der fantastischen Farbkontraste und züngelnden Pinselstriche reicht an diese Intensität nicht heran.

Besonders spannend in dem Band sind die Selbstporträts der Malerinnen von Sofonisba Anguissola über Angelika Kauffmann bis Frida Kahlo. Sie alle stehen doppelt unter Druck. Sie müssen sich als Künstler beweisen, aber auch als ehrenwerte Frau - zwischen Muse, sprich: Karriere und Kind, Jugend und Alter.

Omar Calabrese: "Die Geschichte des Selbstporträts". Hirmer Verlag, München, 390 Seiten; 110 Euro.

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