Die dekadente Salongesellschaft kommt aus ihrem Luxusgefängnis nicht mehr heraus. Da hilft auch die Hilfe von außen nichts. Foto: Monika Rittershaus

Schampus und Schauder

Kritik: "The exterminating Angel" bei Salzburger Festspielen

Salzburg - „The exterminating Angel“ von Thomas Adès nach einem Film von Luis Buñuel wurde bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt. Hier lesen Sie die Kritik.

Für den vorübergehenden Genuss mag das ja taugen. Aber als Dauerzustand? Eingesperrt im Luxus zwischen Salzach und Mönchsberg, pausenlos Schampus, Mozartkugeln, Nockerln, Hirschhornknöpfen plus Neondirndln ausgesetzt? Das, was Luis Buñuel in seinem Film „El ángel exterminador“, mit seinem „Engel der Vernichtung“ (der deutsche Titel „Der Würgeengel“ trifft’s nicht ganz) als kafkaesken Laborzustand abbildete, könnte man sich locker unter Salzburger Vorzeichen denken. Und doch ist das alles viel mehr. Nicht nur Spiegel ist der Film von 1962, sondern surrealistische Verzerrung einer auf sich selbst zurückgeworfenen, an Fassung, Glauben und Zuversicht verlierenden Gemeinschaft ohne Ausweg. Der Logik sperrt sich das – und bietet trotzdem, unsere Tagesaktualität im Hinterkopf, eine Menge düstere Parallelen.

Vor allem aber taugt die Vorlage für eine Oper. Erst recht hier, wo die Salzburger Festspiele mit „The exterminating Angel“ im Haus für Mozart ihren Premierenreigen starteten. Der ist heuer, im Sommer vor dem Amtsantritt von Intendant Markus Hinterhäuser, dünn ausgefallen. Die Uraufführung des Zweistünders von Thomas Adès bietet Kost, die das Gala-Publikum nicht zum Ausgang oder in den Infarkt treibt. Der Brite, mit einigen Orchester- und Kammermusikwerken sowie nun drei Opern gut im Geschäft, genießt nicht nur dank der Förderung von Simon Rattle den Status als Everybody’s Darling. Adès ist ein immenses Talent, was den Umgang mit Sing- und Instrumentalstimmen betrifft, aber eben kein Strukturenzerstörer. Der 45-Jährige erweist sich in dieser dritten Oper, die mit London, New York und Kopenhagen koproduziert ist, als Virtuose. Die Klangfantasie betrifft das und das Herstellen emotionaler Zustände. Adès kann gut bedienen, was nichts Schlechtes sein muss. Richard Strauss hat darauf eine Weltkarriere gebaut.

Musik ständig am Rande des Nervenzusammenbruchs

Buñuels klaustrophobische Vision stülpt Adès gewissermaßen nach außen. Eine Musik ständig am Rande des Nervenzusammenbruchs. Wenige Ruhe-Inseln gibt es: tonale Arien- und Duettverdichtungen, in denen Luft geholt wird fürs nächste Außer-sich-Sein. Die Überlagerung verschiedener Befindlichkeiten dieser dekadenten Salongesellschaft treibt Adès in fratzengrelle Kakophonie. Das Radio-Symphonieorchester des ORF, vom Meister selbst gelotst, macht da beherzt mit. Glockengeläut vom Band lässt Salzburg hereinhallen. Zugleich schaffen diese wiederkehrenden Töne, ebenso wie die oft gebrauchten Walzer und Ostinati, ziellose Kreisbewegungen. Wienerisches hört man heraus, spanisches Kolorit, Ragtime, eine Prise Weill – auch im Zitieren ist Adès virtuos.

Regisseur Tom Cairns hat Buñuels Skript auf ein bühnentaugliches Libretto gebracht. Mit der raffiniert tänzelnden Kinogroteske hat die Oper wenig zu tun. Die schwitzt, sogar bei kleinen Absurditäten („Es gibt keine Kaffeelöffel!“), und konfrontiert mit Drastik und Dezibelwerten. Manchmal, im Hervorbringen immer neuer Effekte und Exaltiertheiten, ermüdet das Trommelfell unter dem Dauerfeuer. Was der beherzten Dramatik von Adès vielleicht fehlt, sind Kontraste, Widerparts, auch das Hineinhören in Charaktere, statt sie zur Entäußerung zu zwingen.

Typisch für eine Uraufführung und deswegen akzeptabel ist die Inszenierung von Tom Cairns: werkdienlich, ermöglichend, ohne doppelten Boden. Ein großer drehbarer Holzrahmen markiert den Salon, vor allem dessen Grenze nach außen. Die feine Gesellschaft erleidet ihre Stunden des Grauens auf schickem Mobiliar. Irgendwann versuchen Passanten die Rettung; der Salzburger Bachchor findet sich hier wie selbstverständlich in die kurzen Kollektivnummern hinein.

Entlarvende Nahaufnahmen eines Films müssen in der ständigen Totalen einer Aufführung naturgemäß entfallen. Als Alternative gibt es den bestmöglichen Kniff: eine Besetzung, die sich aus Veteranen speist. John Tomlinson oder Thomas Allen füllen die Bühne durch bloße Anwesenheit – eine Augenbraue gehoben, das ersetzt jeden Regie-Einfall. Tomlinson treibt den Gestus der Musik weiter in die bizarre Deklamation. Anne Sofie von Otter ist ganz Grande Dame, die ihre Derangierung ungläubig erlebt. Charles Workman und Sally Matthews tragen eher vorsichtig dramatische Farben auf. Auch die übrige Besetzung überzeugt nicht nur in den Jungmännerpartien. Amanda Echalaz muss als Herrin des Hauses ständig im 200 000-Volt-Bereich operieren und hart am Feueralarm. Für Audrey Luna hat Adès wieder eine seiner Rollen in Weltrekordhöhe geschrieben: noch ein, zwei Töne weiter, und nur noch Fledermäuse hätten Spaß daran. Mordsmäßig Effekt macht dies alles, Teile des jubelnden, pfeifenden Publikums riss es von den Sitzen. So lässt man sich in Salzburg die Neutöner gern gefallen.

Weitere Aufführungen am 1., 5. und 8. August; Telefon 0043/ 662/ 8045-500.

Die Handlung

In der Villa von Edmundo und Lucía de Nobile treffen sich Gäste zum Dinner. Die Diener flüchten. Ab jetzt geschehen seltsame Dinge. Es gibt einen todkranken Gast, ein junges Liebespaar und vieles mehr. Allen wird klar, dass sie den Salon nicht verlassen können. Menschen von außen und die Polizei wollen helfen. Die Lage spitzt sich zu. Ob ein Opfer helfen kann? Plötzlich erkennt Leticia, dass sich alle in der Pose und am Ort zu Beginn der Gefangenschaft befinden. Als sie beginnt zu singen, was sie am Anfang der Merkwürdigkeiten verweigerte, ist der Bann gebrochen. Oder doch nicht?

Die Besetzung

Dirigent: Thomas Adès.

Regie: Tom Cairns.

Ausstattung: Hildegard Bechtler.

Video: Tal Yarden.

Choreografie: Amir Hosseinpour.

Chor: Alois Glaßner.

Darsteller: Amanda Echalaz (Lucía), Audrey Luna (Leticia), Anne Sofie von Otter (Leonora), Sally Matthews (Silvia), Christine Rice (Blanca), Sophie Bevan (Beatriz), Charles Workman (Edmundo), Frédéric Antoun (Graf Raúl), Ed Lyon (Eduardo), Thomas Allen (Alberto Roc), John Tomlinson (Doktor Carlos Gonde) u.a.

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