Betty Beier

"Ich nehme Fingerabdrücke dieser Zeit"

München - So bedroht ist die Zugspitze: Betty Beier dokumentiert sich verändernde Landschaft durch Gipsabdrücke und macht den Klimawandel dadurch sichtbar.

Sandsack-Reste am Strand einer Insel in Alaska, eine Libelle auf der Zugspitze - zwei Beispiele dafür, dass sich die Erde verändert, unaufhaltsam und meist menschengemacht. Die Künstlerin Betty Beier will diese Entwicklung dokumentieren. Für ihr Erdschollen-Archiv sammelt die in Kenzingen im Breisgau geborene 48-Jährige weltweit Abdrücke von Böden, die jetzt neben Werken anderer Künstler in der Ausstellung „Planet Mensch“ der Eres-Stiftung zu sehen sind. Auf welche Spuren sie bei ihrer Arbeit gestoßen ist und in welcher Rolle sie sich als Künstlerin beim Thema Klimawandel sieht, erzählt Betty Beier im Interview.

Sind Sie eigentlich Künstlerin oder Wissenschaftlerin?

Eher Künstlerin. Oder vielleicht wissenschaftliche Künstlerin wie Maria Sibylla Merian. Die Kunst kommt aber auf jeden Fall zuerst.

Um eine Landschaft zu dokumentieren, fällt einem als Mittel zuerst die Fotografie ein. Wie sind Sie darauf gekommen, Landschaften in Abdrücken festzuhalten?

Ich bin Malerin und Bildhauerin. Die Fotografie stand da nicht im Vordergrund. Die Idee zu den Erdschollen entstand am Rieselfeld (heutiger Stadtteil Freiburgs; Anm. d. Red.). Ich habe die Baustelle dort beobachtet und bemerkt, dass die Landschaft zum Abfallprodukt wird. Ich wollte nichts wegnehmen, also habe ich Abdrücke gemacht. Jemand hat einmal gesagt, meine Arbeit sei eine Art dreidimensionale Fotografie.

Kann man sagen, dass Sie menschliche Fußabdrücke in der Landschaft dokumentieren?

Genau richtig, so kann man es sagen. Ich dokumentiere, nicht, was der Mensch auf der Erde veranstaltet, sondern welche Spuren er dabei hinterlässt.

Wie gehen Sie dabei genau vor?

Am Anfang steht immer ein Bericht in einer Zeitung oder Zeitschrift, zum Beispiel über eine umstrittene Baustelle und die davon Betroffenen. Das bewegt mich. Dann beobachte ich die Landschaft und nehme dort Erdoberfläche ab, wo sie spricht, wo sie unverkennbar ist.

Betty Beier auf der Zugspitze

Künstlerin Betty Beier macht den Klimawandel durch ein Erdschollen-Archiv sichtbar

Wie muss man sich das konkret vorstellen?

Ich nehme einen Gipsabdruck des Bodens, an dem die Erde kleben bleibt. Mit Kunststofftechnik ziehe ich dann die Erdoberfläche und alles was darauf ist vom Gips ab. Als letzten Schritt stelle ich die Landschaft wieder so her, wie sie mir begegnet ist. War sie nass und glitschig, sieht sie danach auch so aus.

Wenn Archäologen in 2000 Jahren darüber rätseln, welche Vorgänge eine bestimmte Erdschicht zeigt, können Sie also in Ihrem Archiv der Erdschollen nachsehen?

(Lächelt.) Ich nehme schon Fingerabdrücke dieser Zeit. Das sieht man zum Beispiel an der Arbeit im Altenwerder Hafenbereich. Altenwerder war früher eine Insel, deren Umgebung 1997 mit Elbsand zugeschüttet wurde. Vorher habe ich dort Abdrücke gemacht, die jede Menge Zivilisationsmüll dokumentieren, ich habe zum Beispiel Messer und Gabeln gefunden. Bis 2001 habe ich jede Phase der Veränderung von Altenwerder festgehalten.

Dokumentieren Sie für die nachfolgenden Generationen oder um auf die Eingriffe der Menschen in die Natur aufmerksam zu machen?

Mir ist aufgefallen, dass der Boden von den meisten Menschen gar nicht gesehen wird. Mich bewegt aber, was auf dem Boden passiert. Ich denke also, es ist ein Festhalten und Bewahren, aber auch ein Aufzeigen. Das ist ja die Aufgabe von Kunst: Die Zeit festzuhalten und Wahrnehmungen weiterzugeben.

Ist auch Anklage dabei?

Ich hoffe nicht, dass ich so ankomme, als wollte ich mit dem Finger auf jemanden oder etwas zeigen.

Bei Ihrem Projekt Kivalina dokumentieren Sie den durch den Klimawandel bewirkten Untergang der gleichnamigen Insel in Alaska - ist das nicht frustrierend?

Wenn ich dort bin, merke ich schon, wie die Landschaft und die Menschen leiden. Dann frage ich mich: Kann ich das überhaupt? Die Arbeit dort hat mich schon verändert. Ich kann zum Beispiel kein Auto mehr kaufen. Gleichzeitig will ich aber auch aktiv werden.

Inwiefern?

Ich bringe die Geschichte Kivalinas in den öffentlichen Raum, indem ich mit den Erdschollen in Städten unterwegs bin. Dazu habe ich ein Fahrrad mit Anhänger.

Und wie reagieren die Menschen darauf?

Viele wollen wissen, was das ist und sind interessiert. Jemand hat aber auch schon gesagt: „Die sind zu viele“, und hat damit die Überbevölkerung angesprochen. Nicht „wir sind zu viele“, sondern „die“. Solche Reaktionen gibt es auch.

Das Gespräch führte Veronika Stangl.

Bis 14. Dezember, in der Eres-Stiftung, Römerstraße 15;

Telefon 089/ 388 790 79.

Betty Beier referiert am 28. September um 17 Uhr

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