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Eine letzte, lange Zugabe: Am 25. Oktober macht José Carreras in der Münchner Philharmonie Station.

Am 25. Oktober in München

Der leise Kämpfer: José Carreras auf seiner letzten Tournee

München - José Carreras unternimmt seine letzte große Tournee – und führt seinen Feldzug gegen die Leukämie fort.

„Ein großes Trinkgeld“ nennt er die Jahre seit 1988. Oder besser doch eine große Zugabe? José Carreras lächelt. „Genau!“ Dabei bestimmt die überstandene Krankheit noch immer sein Leben, alles läuft aber jetzt in umgekehrter Richtung. Heute jagt Carreras die Leukämie, lässt sie bekämpfen mit seiner Stiftung, für die er weltweit Millionen gesammelt hat. Gerade wurde in Barcelona ein 10 000-Quadratmeter-Institut gebaut, europaweit wohl das bedeutendste seiner Art, das sich international auch noch mit anderen verknüpfen soll. Seine eigentliche Mission also? „Das Wort ist mir zu gewaltig.“

Pathos, raumgreifende Emotion, das gibt es für Carreras nur auf der Bühne. Hier, im persönlichen Gespräch, sitzt ein anderer. Ein bescheidener, zuvorkommender, fast zerbrechlich wirkender älterer Herr. Dezenter, perfekt sitzender Anzug. Wenn das Glas nur noch zur Hälfte gefüllt ist, schenkt er dem Gast sofort Mineralwasser nach. Die Antworten kommen sotto voce und gern mit feinem Witz. Am 5. Dezember feiert José Carreras 70. Geburtstag. Zeit, Abschied zu nehmen, wie er findet. Doch gemach: So schnell müssen die Fans nicht auf ihn verzichten.

José Carreras hat seine letzte Tournee begonnen

Gerade hat der Katalane seine finale Tournee begonnen. Wie lange sie dauert, vermag er selbst nicht zu sagen. Sicher ist nur, nach welchem Kriterium sie verläuft: „Ich möchte an jeden Ort, in jeden Konzertsaal, in jedes Opernhaus zurückkehren, wo ich einmal aufgetreten bin. Ich versuch’s einfach mal.“ Und auch die Sache mit dem Abschied von der Opernbühne sieht er nicht so eng. Vor einigen Wochen war Carreras in Wien noch einmal in „El Juez“ zu erleben, in einer Oper über einen Richter der Franco-Zeit, die ihm von Christian Kolonovitz auf den Leib und in die Kehle geschrieben wurde. Folgetermine gibt es (noch) keine. Und wenn einmal ein ähnlich interessantes Projekt des Weges kommt – wer weiß?

Die bevorstehende Schwelle zum achten Lebensjahrzehnt spielt Carreras herunter („Frauen gegenüber mag das vielleicht wichtig sein“). Hauptsache gesund genug, um ein normales Leben zu führen – wenn das bei einem Promi wie ihm überhaupt möglich ist. Der Elder Statesman unter den Tenören kommt, das ist Carreras nur zu bewusst, aus einer anderen, aus der goldenen Zeit der Oper. Als die Fans noch vor den Kassen campierten, als die Häuser noch nicht unter dem Spardruck ächzten, als auch die Vorbereitung auf eine Premiere etwas anders verlief. „Früher hatten wir zum Beispiel an der Scala drei Wochen Zeit, um musikalisch zu proben. Heute tüftelt man drei Wochen daran, ob man den Fuß nach außen oder nach innen dreht oder mit geschlossenen oder offenen Beinen sitzt. Ich glaube, meine Generation war in einer glücklicheren Situation, weil sie musikalisch solider arbeiten konnte.“

Und weil sich Superstars um die jungen Sänger kümmerten. Gleich auf drei konnte José Carreras in einer früheren Karrierephase vertrauen, auf den väterlichen Ratgeber Giuseppe di Stefano, auf Montserrat Caballé und auf Herbert von Karajan, der ihn für spektakuläre Debüts an prominenten Orten engagierte. Don Carlo, Radames, Alvaro, eigentlich alles stimmbandgefährdendes Rollenfutter für einen jungen Tenor. Doch mit solchen Argumenten sollte man Carreras nicht kommen. Er kenne keinen einzigen großen Namen, dessen Stimme von Karajan zerstört wurde. „Ich sage das jetzt ohne alle Arroganz: Meine größten Erfolge hatte ich mit Partien, vor denen mich mancher gewarnt hatte.“

Ein wenig lässt sich dieser feinsinnige Grande also doch aus der Reserve locken. Dass Carreras an die Decke geht, dass er laut wird (außer wenn es die Partitur erfordert) – man kann es sich trotzdem nicht vorstellen. Oder passiert es doch mal? Lange Pause, die Mundwinkel gehen nach oben. Natürlich, der Fußball, noch immer für ihn mehr als die wichtigste Sache der Welt. Und zuweilen gibt es da auch gewisse politische Themen. Er wolle hier jetzt keine große Diskussion beginnen, wehrt Carreras ab. „Aber was Europa mit den Flüchtlingen anstellt, ist... Ich mag das Wort jetzt nicht aussprechen. Sagen wir ,inakzeptabel‘. Ich fühle mich manchmal in der falschen Gesellschaft.“ Punkt, mehr gibt’s nicht zum Thema, keine Chance. Weniger mit Angst vor der eigenen Courage hat das zu tun, mit einer betont apolitischen Haltung, wie sie viele Künstler ängstlich bis feige einnehmen. José Carreras gibt offen zu: Wer auf allen Kontinenten für eine Stiftung wie die seine sammeln will, darf sich politisch nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Besser Diplomat als Meinungslautsprecher also.

Carreras ist dabei in dreifacher Mission unterwegs. Als Geldeintreiber, als Ermöglicher, als Mutmacher, und dies nicht nur für die Krebskranken. „Wenn die Menschen verfolgen, wie jemand seine Schlacht gegen die Krankheit schlägt, kann das Hoffnung bringen.“ Das gelte nicht nur für die Patienten, sondern auch für deren Umfeld. „Es ist eine Art moralischer Input für Familie und Freunde.“

Ob es zwei José Carreras gibt, einen vor der Leukämie-Diagnose und einen nach überstandenem Kampf, das lässt sich für ihn nicht so einfach beantworten. Im Grunde sei er derselbe Mensch geblieben – auch wenn er gewisse Dinge nun anders betrachte und Positionen korrigiert habe. Direkt nach der Genesung habe er sich sofort stark genug gefühlt, um dieselben Fehler zu begehen. Als die wären? „Auf gar keinen Fall“ werde er hier ins Detail gehen. Wieder dieses feine Lächeln. „Wenn Sie so wollen: Ich bin nun weniger egoistisch.“

Tourneetermine von José Carreras:

12.10. Berlin, 15.10. Leipzig, 17.10. Stuttgart, 20.10. Hamburg, 25.10. München/ Gasteig (Tel. 089/ 54 81 81 81), 31.10. Mannheim.

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