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Im Kunstbau des Lenbachhauses wird die Schau junger Münchner Künstler gezeigt.

Schau im Lenbachhaus

Was tut sich in der Münchner Szene?

München - Das Lenbachhaus zeigt im Kunstbau eine Auswahl von jüngeren Künstlern, die in der Landeshauptstadt arbeiten.

Bei treuen Lenbachhaus-Besuchern löst der Titel „Favoriten“ Erinnerungen aus. 2005 hatte sich das Team dazu entschlossen, Münchner Kunst in einer Auswahl im Kunstbau vorzustellen. Nach 2008 ist nun „Favoriten III“ zu erleben, auf die schon im U-Bahn-Zugangsbereich eine Tafel mit vielen positiven Adjektiven und noch mehr Ls hinweist – „klllar“. Museumsdirektor Matthias Mühling seinerseits beruft sich auf die „Gründungsverfassung“ der Städtischen Galerie 1929, die sich um Münchner Kunst und Künstler kümmern sollte. Seitdem habe man sich immer mehr davon emanzipiert, dennoch sei „in Zeiten der Globalisierung die lokale Anbindung wichtig“. Das Publikum goutiert diese Strategie: Das Lenbachhaus gehört laut Mühling zu den fünf besucherstärksten Museen Deutschlands. Jetzt also „Favoriten III“ als dezidierte Schau auf die Münchner Szene, wobei die Schwerpunktsetzung schwergefallen sei.

Die Kuratorinnen Eva Huttenlauch und Stephanie Weber suchten zwölf in der Landeshauptstadt arbeitende Künstler aus (27 bis 46 Jahre alt). Auf den ersten Blick wird „klllar“, dass bei deren Produktion die Ebenen „heimisch“ und „international“ untrennbar verflochten sind – wie in vielen Regionen unserer Welt auch. Das kann langweilig werden, wenn man viele Ausstellungen sieht. „Favoriten“ beweist das hohe Niveau der Szene und zugleich, dass viele noch auf dem Weg sind zu ihrem Thema, zu ihrem Zugriff. Sie halten sich zu sehr auf ausgetretenen Pfaden auf. Natürlich: Kunst kann ohne Kunst nicht existieren, alles  Neue  wurzelt im Vorherigen. Genau das reflektieren  viele  Werke in dieser Präsentation. Fast alle Installationen – selbst Gemälde und Plastiken sind darin eingebettet – tasten das künstlerische und kulturelle Umfeld ab. Es gibt eine Art von Realismus, der sich aus einer kritischen Wirklichkeitszugewandtheit speist. Zumindest haben sich die Kuratorinnen vor allem für solche Arbeiten entschieden.

Das bewirkt eine große Unruhe in der Halle, die angefüllt ist mit Aussagen, Appellen, Mahnungen und Kritikpunkten. Niemand möchte ein Wischiwaschi-Künstler ohne Standpunkt sein. Da ist man als Betrachter dann froh, wenn einen Florian Huth mit seiner computergeschaffenen Filmprojektion in Waldesruh’ führt, Carsten Nolte mit dicken, bräunlich verfärbten Plastikrechtecken „Ich bin ein ungegenständliches Gemälde“ spielt, und Hedwig Eberle tatsächlich noch malt, intensiv, auch mal unsicher, rein gestisch.

Robert Crotla und Philipp Gufler gehören zu den Sammlern, den Nachfahren der Enzyklopädisten. Der eine zeigt uns unsere Kulturschattierungen von Caspar David Friedrich bis Catwoman, von Reform-Freikörperkultur bis Joint-Entspannung, von Rasputin bis Adenauer in ausgeschnittenen Zeitungsfotos, unterhaltsam – und zu oft gesehen. Der andere kombiniert Ähnliches bisweilen mit Text auf geschichteten Schleier-Fahnen oder geschichteten Filmen und Fotos. Ästhetisch uninteressanter, aber gedanklich raffinierter geht Anna McCarthy vor, die mit ihrem blauen Hoteleingang RivieraPark lockt, einen mit einem weißen Sarg ausbremst und mit ihrem versponnenen Revolutions-TV (gleichzeitig gestreamt) zum Grübeln bringt.

Wo sie auch Sinn und Unsinn unserer heutigen Medientechnik aufgreift, hinterfragt Beate Engl diese massiv. Das gelingt ihr wohltuend eigenwillig. Sie erinnert mit ihrer sympathisch altmodischen Apparatur „Agitator 2.0“ an Propaganda – die einst topmodern war. Moderne Kommunikationstechnik nutzen Babylonia Constantinides und Franz Wanner. Im runden Medienraum des Kunstbaus berichtet sie mit ruhiger Stimme und auf drei Bildschirmen über unsere Erde nach der atomaren Katastrophe. „Die Kultur der Spaltung“ vernichtet alles. Bilder und Texte werden klug und eindringlich kombiniert. Wie auch bei Wanner, der halbdokumentarisch gewissermaßen die Vorstufe dazu ausleuchtet: die Verquickung von (Un-)Freiheit der Wissenschaft mit Wirtschaft und Waffentechnik.

Zwischen Skurrilität und Fantastik spielt sich die Realität ab, die Stephan Janitzky, Andreas Chwatal und Flaka Haliti uns bieten. Janitzky versucht sich an einer Vanitas-Installation aus Geldscheinen, Design-Statussymbolen, Stickrahmen und Pfeifereien: das lätscherte Lebensgefühl heute. Chwatal baut sich seine schräge Welt aus Kleinplastiken – wilder Biesler bis Schwimmer, der vom Schwan verfolgt wird – und lavierten Zeichnungen. Er mixt die Motive so, dass uns alles bekannt und zugleich traumverzerrt vorkommt. Heiter sind hingegen Halitis Zeichnungen, ob die Krakel-Gesichter auf den Wolkenfotografien oder die aus Armiereisen. Kinder-Selbstporträts waren die Vorlage. Nun bezaubern uns die fröhlichen Kleinen. Aber wir können nicht ignorieren, dass sie feststecken. Kommt der blaue Sand vom Spielplatz, oder ist er doch Treibsand?

Bis 30. Oktober. Di. 10–20 Uhr, Mi.–So. 10–18 Uhr; U-Bahnhof Königsplatz; Eintritt: 10/ 5 Euro.

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