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Schauspieler Matthias Brandt hat sein erstes Buch vorgelegt - eine Geschichtensammlung, in der er aus den Sechziger- und Siebzigerjahren seiner Bonner Kindheit erzählt. Offiziell keine Autobiografie, aber mit vielen wahren Momenten.

In einer Welt von Riesen

Der Schauspieler Matthias Brandt erzählt in seinem ersten Buch „Raumpatrouille“ autobiografisch geprägte Geschichten aus der Kindheit.

Vergessen wir für einen Moment, dass dieses Buch der Sohn von Willy Brandt geschrieben hat. Schöner Vorsatz – aber in Wahrheit völlig aussichtslos. Allein die Aufforderung, die Biografie des Autors auszublenden, macht das Dilemma deutlich, in dem sich Matthias Brandt, der Schauspieler, seit seiner Geburt befindet. Er war, er ist, er bleibt der jüngste Sohn des einstigen Bundeskanzlers (1913–1992). Und wenn er nun diese Sammlung von 14 Geschichten vorlegt, in denen der Leser ihn in die Bonner Jahre seiner Kindheit begleitet, dann kann der dabei nicht vergessen, dass die Streifzüge des Buben durch ein Elternhaus führen, in dem deutsche Geschichte geschrieben wurde.

Wer als erwachsener Mensch zurück an die Orte seiner Kindheit reist, der wundert sich, wie klein dort alles wirkt. War der Garten nicht breiter, das Klettergerüst nicht höher, der Weg zur Lieblingseisdiele nicht weiter? Brandt spielt mit dem umgekehrten Effekt. Der mittlerweile 54-Jährige hat die Verbindung zu seinem erst ein paar Jahre alten Ich nicht verloren. Das ist ein Glück. Plötzlich werden auch wir als Leser wieder so klein, dass eine Zinnsoldatenfigur fast die ganze Hand ausfüllt.

Es ist ein bisschen wie in „Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft“. Aus dieser Perspektive wirkt alles wie die Kulisse für einen Film, in die man erst hineinwachsen muss, und der Protagonist selbst wie ein Statist, den kaum einer bemerkt, der als Dreikäsehoch durch eine Welt von Riesen stolpert, die er erstaunlich gut versteht, obwohl sie ihm doch niemand erklärt. Der erste Satz ist sinnbildlich: „Keiner da.“

Durch die Kinderbrille werden die Sechzigerjahre wieder lebendig

Aus Langweile stellt der kleine Matthias allerlei Blödsinn an. Er, der sich heute beruflich längst als erfolgreicher Theater- und Fernsehschauspieler vom ewigen „der Sohn von“ emanzipiert hat, als Privatperson aber für viele noch immer erst aufgrund seiner Herkunft richtig interessant wirkt. Ob man seinen Geschichten glauben schenken darf? Denn nein, es ist keine Autobiografie, die er geschrieben hat. Ein Sprüchlein vorweg gibt die Richtung an: „Alles, was ich erzähle, ist erfunden. Einiges davon habe ich erlebt. Manches von dem, was ich erlebt habe, hat stattgefunden.“

Die vielen Details in „Raumpatrouille“ – der Titel Anspielung auf die Leidenschaft des jungen Brandts für Raumschifffahrt, wie sie in den Sechzigern die halbe Welt ergriff – lassen erahnen, dass gehörig viel Wahrheit in den Zeilen steckt. Ausflüge mit dem blauen Bonanzarad in den Park, eine Reise mit der Mama in deren norwegische Heimat, Besuche bei den Sicherheitsleuten vor dem Haus, oder den Nachbarn, Heinrich und Wilhelmine Lübke. Für den Buben nur ein nettes altes Ehepaar, das ihm das prachtvollste Stofftier schenkt, das es in der Spielwarenhandlung „Puppenkönig“ zu kaufen gibt – für den Rest der Republik der Bundespräsident samt Gattin.

Brandt lässt die Zeit durch seinen genauen, kindlich-verträumten Blick auf die Dinge wieder lebendig werden. Und schenkt denen, die mehr vom Willy wissen möchten, auf den letzten Seiten einen Einblick in die seltenen intimen Momente zwischen Sohn und Vater. Der übergroß. Angsteinflößend für den Buben. Dennoch sucht er dessen Nähe und wagt sich mutig ins väterliche Arbeitszimmer vor. Im Nickipullover, in den die Schweißtropfen kullern. Ein Vater, der nie anwesend und doch immer präsent war – es ist ein Dilemma, mit dem Matthias Brandt leben muss. Und der Stoff, aus dem berührende Geschichten sind. Man ahnt, man hofft, da folgt noch mehr. Matthias Brandt als Autor – eine weitere Rolle, die er exzellent beherrscht.

Matthias Brandt:

„Raumpatrouille“. Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln; 172 Seiten; 18 Euro.

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