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Nur beim Malen und im Kino konnte Max Mannheimer den Nazi-Terror vergessen.

Gespräch zur Neuerscheinung

Max Mannheimer: Des Malers viele Kinder

„Da legst di nieder“, sagt er. Und: „Ick lach mir schief.“ Aus Max Mannheimer wird mit Sicherheit kein Angeber mehr. Wo andere längst den Höhenflug angetreten hätten und den eitlen Gecken gäben, bleibt er bescheiden und voller Selbstironie.

Mit verschmitzten Kommentaren auf Bairisch und Berlinerisch reagiert der 96-Jährige nun auf das Vorwort zum Buch „The Marriage of Colours“. Der umfangreiche Bildband ist ihm und seiner Malerei gewidmet. Und im Vorwort, einem Text über fünf Seiten, würdigt der Kunstkritiker Gottfried Knapp das Werk des gelernten Kaufmanns mit Worten voller Bewunderung und Hingabe. Schieflachen will sich Max Mannheimer jedoch nicht über den liebevollen Text, sondern über die immense Würdigung, die ihm darin als Maler widerfährt. „Das ist ein zu hohes Lob“, sagt er.

Fünf Konzentrations- und Arbeitslager hat er überlebt

Dass Mannheimer seit Jahrzehnten auch als Künstler unterwegs ist, wissen gar nicht so viele. Die meisten kennen ihn durch seine Vorträge. Seit Mitte der Achtzigerjahre tritt der jüdische Schoah-Überlebende als Zeitzeuge auf und berichtet an Schulen und Bildungseinrichtungen über seine Erlebnisse während des Nazi-Terrors. Bis auf den jüngsten Bruder Edgar wurde seine gesamte Familie ermordet. Dass Mannheimer malt, hängt freilich mit seiner Geschichte zusammen. Als er nach dem Krieg in Frankfurt am Main für die jüdisch-amerikanische Hilfsorganisation Joint Distribution Committee arbeitete und viele Überlebende betreute, kochte auch die eigene Vergangenheit in ihm hoch.

Fast 3000 Gemälde von Max Mannheimer dürfte es heute geben. Ein weiteres entstand beim Gespräch mit Kulturjournalistin Katrin Hildebrand.

Mannheimer bekam Angstträume und Depressionen. Eines Tages ging er zum Arzt. Eigentlich wollte er sich nur wegen einer Lebensversicherung untersuchen lassen. Im Behandlungszimmer aber begann sein Puls zu rasen und hörte nicht mehr auf. Die Hände, der Kopf und die Brille des Arztes hatten ihn an den NS-Mediziner an der Rampe von Auschwitz erinnert. Die Untersuchung wurde abgebrochen. „Nur im Kino konnte ich meine Vergangenheit vergessen“, sagt Mannheimer rückblickend. Und schließlich auch beim Malen.

Ein guter Zeichner sei er nie gewesen. „Als ich im Gymnasium einen Apfel malen sollte, sagte der Professor: Der sieht aus wie ein Kürbis.“ In der Schule im mährischen Nov Jicín, Neutitschein, wie es damals hieß, ließ sich der junge Max die geometrischen und künstlerischen Zeichnungen von einem Kumpel anfertigen. Im Gegenzug half er diesem bei den Aufsätzen für den Tschechisch-Unterricht. Dennoch begann der erwachsene Max seine künstlerische Laufbahn mit gegenständlicher Malerei. Ein Gemälde aus dieser Epoche ist im Band enthalten. Es stammt aus den frühen Fünfzigern und zeigt in einer Art spätimpressionistischem Stil die Wallfahrtskapelle St. Bartholomä am Königssee. „Kitsch as Kitsch can“, nennt es Mannheimer heute. Im Buch ist es als „Mein erstes Bild“ aufgeführt.

„Hoffnungsvoller Durchbruch“ malte Max Mannheimer in den Neunzigerjahren.

Fast 3000 Mannheimer-Werke dürfte es heute geben. Ihr Urheber weiß es selbst nicht so genau. Zahlreiche Bilder wurden verkauft. Und das obwohl Mannheimer seine Gemälde zunächst fast als seine Kinder betrachtete. „Irgendwann aber wurden es zu viele Kinder.“ Das Gros der Bilder hat mit dem Postkartenidyll des Frühwerks – Mannheimer hatte es von einem Esso-Kalender abgemalt – nichts mehr zu tun. Der Künstler orientierte sich kurz darauf vollkommen um. Der Anlass: Ende der Fünfzigerjahre vermachte die Malerin Gabriele Münter der Stadt München zahlreiche Bilder ihres ehemaligen Lebensgefährten Wassily Kandinsky. An der Vorbesichtigung nahm auch Max Mannheimer mit seiner damaligen Frau Elfriede, einer Kulturstadträtin, teil. „Als ich die Werke sah, dachte ich mir, man müsste abstrakt malen.“ Die meisten Gemälde in „The Marriage of Colours“ sind auch abstrakt. Farbschlieren zerfasern auf der Leinwand. Flecken und Kleckse laufen ineinander. Alles wirkt dynamisch, flüssig, wabernd und weich, trotzdem aber tief und wissend. Mit Kandinsky hat das nur mehr wenig zu tun. Max Mannheimer hat mit der Zeit eine ganz eigene Technik entwickelt. Er nennt es: die Farben vermählen. Oder ganz schnöde: „Ich gieße Farbe auf die Leinwand und wackle hin und her.“

Das Ergebnis sind ungegenständliche, expressiv und organisch wirkende Gebilde. Kaum zu glauben, dass diese eindringlichen Werke aus einer simplen Beobachtung resultierten. Diese kam ihm beim Heimwerken. Mannheimer bemalte ein Regal. Je nachdem, wie er die Bretter hielt, floss die dick aufgetragene schwarze Farbe hier- und dorthin. Das motivierte ihn später, Farben auf der Leinwand zu verteilen und sie durch „Hin- und Herwackeln“ in ihrer Bewegung zu beeinflussen. Signiert sind die meisten seiner Bilder übrigens mit „ben jakov“ – Sohn des Jakob. Zur Erinnerung an seinen in Auschwitz ermordeten Vater.

Heute, mit 96 Jahren, hat er diese Technik aufgegeben. Anstatt „rumzupanschen“, malt er am Tisch. Mit Edding, mit Aquarellfarben, mit Filzstiften. Noch immer sind die Bilder abstrakt. „Wenn ich mit einem Bild beginne, weiß ich noch nicht, was daraus wird“, erzählt Mannheimer. Die Formen, die er aufs Papier zaubert, entstehen intuitiv oder mit Hilfe einfacher Alltagsdinge. Das können auch mal Teller aus der Küche sein. Der Sinn des Malens ist für den Künstler noch immer der gleiche geblieben. „Es ist entspannend. Meine Vorträge sind eine traurige Sache. Damit ich keine Depressionen bekomme, male ich.“

Buch

Max Mannheimer: „The Marriage of Colours“. Hirmer Verlag, München, 143 Seiten; 39,90 Euro.

von Katrin Hildebrand

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