Menschliches sichtbar machen

- Wer könnte behaupten, dass ein Bühnenabschied nicht schmerzlich ist. Aber wenn er denn ansteht, dann soll's wenigstens in einem Fest gefeiert sein. Und ein Fest war diesmal John Crankos "Der Widerspenstigen Zähmung" im Münchner Nationaltheater: ein hinreißend richtig besetzter Abend, inspiriert außerdem von einem Gast (ach, allzu selten!), Stuttgarts Sue Jin Kang als Katharina. Schöner hätte es sich Jürgen Wienert, seit 32 Jahren am Haus, nicht wünschen können. Die stattliche Präsenz seines Baptista, überhaupt das Theater-Gespür, das seinen Väter- und Herrscher-Rollen immer eine sehr menschliche Dimension verlieh, wird dem Bayerischen Staatsballett fehlen.

<P>32 Jahre Ballett<BR>am Nationaltheater</P><P>Wenn schlecht getanzt, kann "Zähmung" ein ziemlich zäher Ladenhüter sein. Wenn gut (vom gesamten Ensemble) wie hier, mit einem engagierten Myron Romanul am Pult, ist es: eine rasante, liebenswerte, mit schrägen Comic-Momenten gespickte  Komödie um Baptistas widerspenstige Tochter Katharina, die in Petrucchio ihren Meister-Dompteur findet. Und die aparte Koreanerin Sue Jin Kang, in diesem Ballett "wie zu Hause", hat alle Kampf-Gesten, Attacken, Abwehr-Griffe gegen ihren Dompteur parat.</P><P>Nur den brisantesten Moment, dieses allmähliche Hinschmelzen des spröd-jungmädchenhaften Widerstandes hätte man gerne deutlicher gesehen. Dafür bravourös die Leichtigkeit, mit der sie sich in die riskanten, oft geflogenen Cranko-Hebungen wirft. Und bravourös aufgefangen, gestützt von Kirill Melnikow, der überhaupt in Glanzform war. Technik, Tanz und Darstellung waren bei ihm eins. Und alles so selbstverständlich-gelöst. </P><P>Bianca, im Grunde eine undankbare Rolle, blühte bei Kusha Alexi in zarten neuen Farben auf. Und mehr Harmonie war nie wie in den Pas de deux mit Roman Lazik. Crankos Bewegungs-Vertracktheit wandelt sich bei den beiden in lyrische Eleganz. Amilcar Moret Gonzales gab seinem Gitarren-Hortensio den ehrlich gemeinten Charme des südländischen Lovers, und Norbert Graf seinem Gremio die Poesie des hellsichtigen Clowns. Hinter der Maske der Rolle immer das Menschliche sichtbar machen _ genau dann ist John Cranko verstanden.</P><P>Es war eben Cranko, der 1971 Jürgen Wienert nach München holte. Ein Charakterdarsteller von imposant-stilsicherer Form, ob Graf Capulet in "Romeo und Julia" oder Radscha in "Bayadè`re", ob in modernen Stücken von Gerhard Bohner oder von Hans Kresnik. Mehr als verdient das Blumen-Bouquet von Ballett-Chef Ivan Liska und der hörbar herzliche Applaus von Publikum und allen Tänzerkollegen. </P><P><BR> </P>

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