+
Den „Verkauften Großvater“ inszenierte Michael Lerchenberg, der vorzeitig kündigt, heuer.

Interview

Lerchenberg und Wunsiedel: Knüppel aus dem Sack

Wunsiedel - Michael Lerchenberg, noch Intendant der Luisenburg-Festspiele, spricht im Merkur-Interview über seinen Streit mit dem Stadtrat von Wunsiedel.

Ist er der Stadt zu erfolgreich gewesen? Ist es der ewige Argwohn der Franken den übermächtigen Oberbayern gegenüber? Jedenfalls haben es einige Wunsiedler mit ihren Intrigen geschafft, ihren langjährigen Intendanten der Luisenburg-Festspiele, im ältesten deutschen Freilichttheater zum vorzeitigen Aufgeben zu bringen (wir berichteten). Schauspieler, Regisseur und leidenschaftlicher Luisenburg-Intendant Michael Lerchenberg (63) verlässt den Posten, den er seit 2004 innehat, nach Ende der Spielzeit 2017.

Muss das sein? Wer will’s denn besser machen? Was hat der Stadtrat gegen Sie?

Keine Ahnung. Seit zwei Jahren werden mir immerzu Knüppel zwischen die Beine geworfen. Schlimm war auch die Intrige gegen meine Frau (die Tänzerin und Choreografin Eva-Maria Lerchenberg-Thöny, Anm. d. Red.). Man hat mir Vetterleswirtschaft vorgeworfen, dabei ist sie eine ausgewiesene Künstlerin und hat mit ihrer Inszenierung von García Lorcas „Bluthochzeit“ als Tanztheater in diesem Sommer größten Erfolg gehabt. Jedes Kinderstück, das sie bei mir inszeniert hat, kam außerdem glänzend an.

Man hat auch versucht, Ihnen einen Strick daraus zu drehen, dass Sie Zweitnamen verwenden, wenn Sie zum Beispiel als Bühnenbildner arbeiten oder Ihre Frau als Autorin.

Ja,  das  ist  die  pure Ahnungslosigkeit, denn das ist in der Branche schließlich überall üblich und keinesfalls, wie behauptet wurde, eine „Verschleierung“.

Mit dem Stadtrat und vor allem dem Bürgermeister Karl Willi Beck lief alles lange gut.

Ja, die standen hinter mir. Aber die CSU kann nicht mehr allein  regieren,  seit ihr drei Sitze fehlen. Und da ging’s los, auf tiefstem Niveau, sodass ich mich inzwischen für die Stadt Wunsiedel schäme. Was mich wirklich stört, ist, dass Ahnungslosigkeit herrscht und dass  meine  Arbeit  nicht wertgeschätzt wird.

Waren denn die Stadträte nie in Ihren Aufführungen? Dann müssten denen doch das abwechslungsreiche Programm, die oft sehr guten Schauspieler, das begeisterte Publikum und die doch gute Auslastung aufgefallen sein.

Michael Lerchenberg und seine Frau Eva-Maria Lerchenberg-Thöny, die man in Wunsiedel anfeindete.

Über 90 Prozent bei 190 000 Plätzen. Wenn es ihnen in den Kram passte, standen sie hinter dem ,Leuchturm Luisenburg-Festspiele‘, aber geholfen haben sie, wenn es eng wurde, selten. Wenn ich nicht einen so guten Draht zur Staatsregierung hätte, die finanziell eingesprungen ist, und nicht so gut vernetzt wäre, was auch mit meiner Tätigkeit auf dem Nockherberg und meiner Rolle als Stoiber-Double zusammenhängt – es hätte schiefgehen können. Wunsiedel hat auch davon profitiert, dass so viel Publikum aus München und Oberbayern gekommen ist.

Jeder Intendant, haben Sie mir erzählt, darf sich als Abschiedsvorstellung ein Stück aussuchen. Sie haben sich für Thomas Bernhards „Theatermacher“ entschieden. Das hat schon im Vorfeld wieder Ärger gegeben. Vor ein paar Tagen hat der Stadtrat bis in die Nacht hinein darüber diskutiert. Das Stück um einen frustrierten Theatermacher in der Kleinstadt Utzbach könnte ja wohl von Theatermacher Lerchenberg zu einer Abrechnung mit Wunsiedel werden.

Ja, die dachten, ich würde das Stück in diese Richtung verschärfen, und hatten Angst, dass  alle  Welt über Wunsiedel lacht. Als ob ich einfach so in dem Stück herumfuhrwerken könnte! Und: Es reicht auch so.

Mit elf zu zehn Stimmen darf das Stück nun aber aufgeführt werden. Lerchenbergs härtester Verhinderer, Franz Rattler, gehört zu jenen, die es angemessen fanden, dem Intendanten den Abgang bereits für diesen Herbst nahezulegen. Das geht aber deshalb nicht, weil man das Geld für die dann fällige Abfindung nicht hat.

Und welcher Nachfolger könnte denn die unterschriebenen Verträge für 2017, ohne die Luisenburg zu kennen, schon in ein paar Monaten umsetzen?

Bis Weihnachten soll ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin gefunden sein. Glauben Sie, dass sich das jemand traut?

Bestimmt. Auf eine Ausschreibung wird es so um die 60 Bewerbungen geben. Aber welche Qualifikation die für diese komplizierte Aufgabe haben, steht in den Sternen.

Um Sie muss man sich keine Sorgen machen, abgesehen von der „Gräte“, die Ihnen noch lange im Hals stecken wird, wenn Sie an das bittere Ende Ihrer Luisenburg-Zeit denken: Sie können spielen, auf der Bühne und beim Fernsehen, können inszenieren, schreiben...

...und mit meiner Frau, wie gerade jetzt, einen ausgiebigen Segelturn auf der Ostsee Richtung Dänemark machen.

Das Gespräch führte Beate Kayser.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Männer“ mit „Currywurst“

Herbert Grönemeyer veröffentlicht auf CD-Box „Alles“ sein Gesamtwerk.
„Männer“ mit „Currywurst“

Garretts Geigen-Feuerwerk in der Olympiahalle

München - Auf seiner neuen Tournee heizt David Garrett seinen Fans in München ordentlich ein. In der Olympiahalle präsentiert der Geigen-Virtuose Rockklassiker im neuen …
Garretts Geigen-Feuerwerk in der Olympiahalle

Elf Bücher, die Sie zu Weihnachten verschenken und lesen sollten

Manche behaupten, ein Buch sei ein einfallsloses Weihnachtsgeschenk. Stimmt nicht. Unsere Autorin hat in diesem Jahr bezaubernde, starke, mutige Bücher gelesen, die auf …
Elf Bücher, die Sie zu Weihnachten verschenken und lesen sollten

Neues Album: Die Rolling Stones kommen nach Hause

München - Elf Jahre mussten Fans der Rolling Stones auf neuen Stoff warten, jetzt haben die Altrocker ihr neues Album „Blue & Lonesome“ rausgebracht - wir verraten euch …
Neues Album: Die Rolling Stones kommen nach Hause

Kommentare