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Mika Kaurismäki mit Martina Gedeck (li.) am Drehort von „The Girl King“. 

Regisseur im Interview

Mika Kaurismäki zu "The Girl King": „Jetzt sind die Frauen dran“

München - Mika Kaurismäki spricht im Merkur-Interview über seinen Film „The Girl King“, Königin Kristina von Schweden und unsere Situation heute.

Er spreche „ein bissel“ Deutsch, sagt Mika Kaurismäki und lächelt. Kein Wunder, dass es vor allem Bairisch ist: Der finnische Regisseur hat von 1977 bis 1981 an der Hochschule für Fernsehen und Film in München studiert. In seinem neuen Film „The Girl King“ erzählt er von einer der exzentrischsten Frauen der europäischen Monarchie: Kristina von Schweden (1626–1689). Im Interview schwärmt Kaurismäki von ihr.

Wieso Kristina?

Mika Kaurismäki: Ehrlich gesagt, war das erst einmal die Idee meines Produzenten; er hat mir das vor langer Zeit vorgeschlagen. Ich habe gleich zugesagt, weil sie ja auch unsere Königin war – von Finnland, nicht nur von Schweden. Ich wusste noch aus der Schulzeit ziemlich viel über sie. Was unser Geschichtslehrer erzählte, ist mir im Hinterkopf geblieben. Mein Leben lang habe ich etwas über sie gelesen und mich informiert.

Was hat Sie an ihr so fasziniert?

Kaurismäki: Na ja, normalerweise ist es doch der Wunsch von vielen, König oder Königin zu werden – besonders zu ihrer Zeit. Aber Kristina hat das anders gemacht, sie hat abgedankt. Außerdem fasziniert mich, dass sie schon als Kind mehrere Sprachen beherrschte, sich gebildet hat. Auch die tragische Geschichte ihrer Eltern: dass ihr Vater so früh gestorben ist, das schwierige Verhältnis zu ihrer Mutter. Kristina war eine sehr komplexe Person. Sehr stark einerseits, andererseits einsam und verletzlich.

Wie sehr beruht der Film auf Fakten?

Kaurismäki: Es gibt erstaunlich viele Dokumente über sie und von ihr. Sie hat Tagebuch geschrieben, Briefe. Mehrere Biografien wurden über sie verfasst. Es ist eigentlich alles belegt, was wir hier erzählen. Natürlich haben wir uns auch etwas künstlerische Freiheit herausgenommen.

Ist es wichtig, dass sie homo- oder bisexuell war – oder geht es um die Liebe?

Kaurismäki: Genau! Es spielt keine Rolle. Ich wollte keinen Film über lesbische Liebe machen, sondern schlichtweg eine Liebesgeschichte erzählen. Kristina hat über Ebba, ihre Kammerzofe, gesagt, sie sei die Liebe ihres Lebens. Sie hat zugleich gesagt, sie hasse Frauen. Weil die Frauen so schwach seien und sich dem Mann unterwerfen. Auch weil sie nicht so werden wollte wie ihre eigene Mutter. Und dann verliebt sie sich in eine Frau. Aber das war nicht ungewöhnlich, das war nicht skandalös. Damals war es üblicher, dass zwei Frauen eine intime Beziehung haben, als heute. Wahrscheinlich auch, weil die Männer im Krieg waren, da muss man sich anders behelfen ... (Lacht.)

Warum machen Sie einen historischen Film?

Kaurismäki: Ich wollte die Parallele zu unserer Zeit zeigen, es hat sich nämlich nicht sehr viel geändert. Wir haben immer noch Religionskriege; die jungen Leute haben genau dieselben Probleme wie Kristina und fragen sich: Was soll ich mit meinem Leben anfangen? Sie verspüren Unsicherheit bezüglich der Zukunft. Frauen kämpfen noch immer für Gleichberechtigung. Ich habe Kristina deshalb beim Dreh als moderne Frau von heute gesehen, nicht als jemanden aus dem Museum. Das hat mich gereizt. Eigentlich bin ich kein Fan von Kostümfilmen. Aber diese Komplexität und die Modernität dieser Frau – die haben mich interessiert.

Malin Buska bringt diese Zerrissenheit wunderbar herüber. Wann wussten Sie, dass sie die Hauptrolle übernehmen sollte?

Kaurismäki: Nun, ich hatte vorher viele tolle Schauspielerinnen getroffen, war mir aber nicht richtig sicher. Und dann habe ich diesen kleinen schwedischen Film – „Happy End“ – gesehen, in dem sie die zweite weibliche Hauptrolle spielt. Da habe ich gedacht: Die ist gut! Wir haben uns in Stockholm getroffen, ohne dass sie wusste, worum es geht – und ich war überrascht, wie gut sie Kristina kannte. Ihre Mutter und ihre Großmutter waren große Kristina-Fans. Sie ist aufgewachsen mit Kristina, ihr zweiter Vorname ist Kristina. Als sie Schauspielerin wurde, hat sie immer geträumt, einmal Kristina spielen zu dürfen.

Und Sie sehen sie und denken: Das ist Kristina. Das ist ja wie im Film ...

Kaurismäki: (Lacht.) Genau. Ich habe sie dann gar nicht getestet, ich wusste, sie ist die Kristina.

Die war eine Frau, die Bildung über alles stellte. Ihr Ideal war, dass Wissen zu Frieden führt – ein Irrtum?

Kaurismäki: Vielleicht, denn gelernt haben wir aus all dem Wissen ja doch nicht so viel, oder? Aber wenn man sich dann überlegt, dass ihr mit 13, 14 Jahren die Idee kam, den Dreißigjährigen Krieg zu beenden, und sie das geschafft hat, dann muss man sagen: Ihre Bildung war friedenstiftend.

Gleichzeitig hat sie Kunstraub begangen.

Kaurismäki: Das stimmt! Das ist ein großer Widerspruch, dass sie in dieser Hinsicht dann doch wieder gehandelt hat wie ihr Vater oder Napoleon. Aber das war normal: Krieg war ein Geschäft, das gehörte dazu. Deshalb führte man ja Krieg, um sich zu bereichern. Das hat mir allerdings nicht an ihr gefallen.

Das war wohl ihre männliche Seite.

Kaurismäki: Genau,   und  das  Gute  war ihre weibliche Seite. (Lacht.)

Was können heutige Frauen  von Königin Kristina lernen?

Kaurismäki: Dass sie tun sollen, was sie für richtig halten; nicht tun, was die anderen sagen, bei sich bleiben. Und andere respektieren. Es geht ja weiter mit dem Problem des Terrorismus, der Kriege ... Jetzt müssen eben die Frauen versuchen, die Welt ein bisschen zu verbessern. Die Männer haben’s vergeblich versucht, jetzt sind die Frauen dran. (Lacht.)

Das Gespräch führte Katja Kraft.

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