Ein Mime mit Genuss

- Ein Traum, was sonst? Von Richard Wagner selbst stammt der Hinweis, die "Ring"-Tragödie könne als ein Vorgang gesehen werden, der sich nirgendwo anders abspiele, als in Wotans Innerem. In seiner "Siegfried"-Deutung an der Bayerischen Staatsoper scheint David Alden den Versuch zu unternehmen, die beiden Extremzustände eines träumend enthemmten Bewusstseins zusammenzuführen: Wahrheitserkenntnis - und Unsinn. Da werden Schwerter im Abort gehärtet, ein Drache erweist sich als als überdimensionaler Comic-Oma-Kopf, Krankenschwestern sind nicht, was sie scheinen. Wie gehabt.

Wer allerdings erwartet hatte, Aldens teils charmanter, teils wieder nur leidlich überzeugender Flickenteppich werde sich zu den aktuellen zyklischen "Ring"- Aufführungen irgendwie entwickelt und vertieft haben, der sah sich enttäuscht. So also bleibt vor allem die Schlussszene des dritten Siegfried-Akts erschütternd schwach, füllen der so spektakulär wie abgasig brennende Mann im Asbest-Anzug oder der schräg in die Erde gebohrte Cadillac nicht die konzeptionelle Leere.<BR><BR>Gabriele Schnaut gewinnt dennoch mit feinem Minenspiel ihrer Brünnhilde Augenblicke der Lebendigkeit ab. Mit Jon Fredric West stand ihr ein Siegfried gegenüber, der - Hut ab - auch nach den mörderischen Stimm-Anstrengungen der beiden ersten Akte noch über ausreichend heldische Tenorkraft gebot. In den raren lyrischen Passagen überzeugte West weniger. Doch zu viel Lyrismus können sich die Sänger hier ohnehin nicht erlauben, sonst werden sie vom Bayerischen Staatsorchester unter Zubin Mehta zwar mit Verve, aber eben trotzdem an die Wand gedrängt.<BR><BR>Auch die beiden anderen großen Rollen sind neu besetzt: Der vorzügliche Ulrich Reß singt und spielt als Mime seine bisher zwielichtigste Partie; freie Höhe und klare Diktion machen das Zuhören zum Genuss, ein Noch-Mehr an schillernder Abgründigkeit wird dem Sänger zweifelsohne zuwachsen. Alan Titus ist stimmlich weiterhin ein überzeugender Wotan - die ungebrochene Vitalität seiner körperlichen Erscheinung verhindert aber jene berührend Lear-hafte Zerrissenheit, die sein Vorgänger John Tomlinson zuletzt dem scheiternden Gott eingehaucht hatte.<BR>

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