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Der Andrang bei Klassik am Odeonsplatz ist immer riesig.

Interview mit Annette Dasch

Münchens schönster Konzertsaal

München - Interview mit Sopranistin Annette Dasch zu ihrem Auftritt bei Klassik am Odeonsplatz in München.

Am kommenden Wochenende ist es wieder einmal so weit, und der Odeonsplatz verwandelt sich in Münchens größten Konzertsaal. Nach dem Auftakt des Klassik-Open-Airs am Samstag mit den Philharmonikern übernehmen einen Tag später die Kollegen des BR-Symphonieorchesters. Mit dabei ist dann auch Sopranistin Annette Dasch, die das Solistenquartett bei Beethovens Neunter anführt.

Setzt so ein Großereignis unter freiem Himmel beim Singen zusätzliches Adrenalin frei?

Ein bisschen. Die Aufregung ist ja eh schon groß genug, wenn man auf die Bühne geht. Und wenn man dann noch die ganze Zeit damit rechnet: Wenn jetzt ein Tropfen Regen auf eine Geige fällt, und dann mittendrin unterbrochen werden muss. Das ist einfach kein schönes Gefühl. Ich habe zwei Sommer lang in Rheinsberg gesungen, „Figaros Hochzeit“ und ein „Orpheus“-Pasticcio. Und das war so aufreibend mit den Mücken, die man ständig eingeatmet hat und die in den Scheinwerfern wie Motten verbrutzelt sind; es roch die ganze Zeit nach verbranntem Tier. Danach habe ich mir gedacht: Eigentlich braucht man das nicht.

Das klingt ziemlich kritisch. Sprechen Sie hier als Sängerin oder auch als Zuhörerin?

Ich würde auch privat nicht unbedingt zu so einem typischen Klassik-Open-Air in die Berliner Waldbühne gehen. Wobei ich sagen muss, dass mir generell keine Klassik-Potpourris gefallen. Ganz egal ob Open Air oder nicht. Da stehen dann immer ein paar Sänger auf der Bühne, und der er eine singt Mascagni, der nächste Mozart... Das ist einfach nicht mein Ding – weder zum selber machen noch zum Zuhören. Deswegen habe ich mir eigentlich geschworen, so etwas nie wieder zu tun. Erst jetzt bin ich wieder schwach geworden.

Was gab den Ausschlag dafür?

Ich hatte einfach total Lust, etwas mit Daniel Harding zu machen und natürlich mit diesem Orchester. Was mich letztlich am meisten überzeugt hat, war aber, dass hier ein wirklich seriöses Konzept dahinter steht. Wir singen nicht nur den vierten Satz aus der Neunten und machen davor noch schnell „Carmina burana“ und den Walzer aus „Schwanensee“. Es ist ein gut durchdachtes Konzertprogramm, das eben zufällig als Open Air stattfindet.

Singt man unter freiem Himmel anders?

Ich kenne Beethovens Neunte ziemlich gut und kann das auch nur so singen, wie ich es eben singe. Daran herumzudoktern wäre keine gute Idee. Mit Elisabeth Kulman, Andrew Staples und Gerald Finley habe ich zum Glück drei Kollegen, die zwar alle eine große Stimme haben, aber eben trotzdem wissen, wie man schlank und gefühlvoll singt. Und wenn wir das alle zusammen hinkriegen, kann das eine sehr schöne Sache werden.

Der Odeonsplatz ist berühmt für seine gute Akustik. Die Frage bleibt, ob sich jedes Werk für ein Open Air eignet?

Nein, sicher nicht jedes Werk. Und es ist immer schwierig, wenn Dinge elektronisch verstärkt werden müssen. Ich habe als Berlinerin natürlich gewisse Sympathien für Events in der Waldbühne. Aber wenn ich die Wahl hätte, dort zu den Rolling Stones zu gehen oder zu den Berliner Philharmonikern, dann würde ich doch eher eine Karte für die Stones kaufen und mir Simon Rattle lieber in der Philharmonie anhören.

Waren Sie beim letzten Stones-Konzert?

Leider nicht, ich bin doch inzwischen Mutter. Da geht so etwas nicht mehr so leicht.

Die Rolling Stones gibt es schon etwas länger…

Stimmt. Und Sie werden es nicht glauben, ich war tatsächlich mal bei den Stones. Damals 1990 im Olympiastadion, frisch nach einer Weisheitszahn-OP mit einer Riesenbacke.

Zurück zu Beethoven. Der Schlusssatz der Neunten ist gleichzeitig die Europahymne. Hat man das angesichts der aktuellen Lage beim Singen auch ein wenig im Hinterkopf?

Ich habe die Neunte zuletzt unter anderem in Wien gesungen, am Tag nach den Terroranschlägen von Paris. Für mich hat es vor allem die Bedeutung, dass man sich auf die positiven Werte besinnen sollte, die uns als Europäer zusammenhalten. Und ich glaube, es gibt kaum einen Bereich, in dem sich die Menschen so selbstverständlich als Europäer fühlen wie in der Musikszene. Alle Orchester und Ensembles sind international zusammengesetzt, wir singen Tschaikowsky genauso wie Debussy, Beethoven oder Verdi. Da gibt es keine Berührungsängste.

Das Gespräch führte Tobias Hell.

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