Mit diesem Bild fahndete die Polizei nach Yusuf und seinem 16-jährigen Komplizen. Am 16. April sollen die beiden ein Sprengstoff-Attentat auf das Essener Zentrum der Religionsgemeinschaft Sikh verübt haben.

Die Geschichte einer islamistischen Radikalisierung

Mein Sohn, der Salafist - was die Mutter eines Terroristen erzählt

München/Essen - Der 16-jährige Sohn von Neriman Yaman sitzt im Gefängnis. Er soll einen religiös motivierten Bombenanschlag in Essen verübt haben. In ihrem Buch, das heute erscheint, erzählt die Mutter die Geschichte seiner islamistischen Radikalisierung.

Bei Yusuf war es immer die Sache mit dem Teufelchen und dem Engelchen. Als er im Grundschulalter war, störte er oft den Unterricht. Er war hyperaktiv, seine Lehrer vermuteten, er habe das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADHS). Doch die Ärztin, zu der Neriman Yaman mit ihrem Sohn damals ging, konnte nichts feststellen. „Ihr Sohn ist nun einmal sehr aufgeweckt.“ Als seine Mutter ihn dann abends ins Bett brachte, erzählte er ihr zum ersten Mal von dem Teufelchen und dem Engelchen: „Wenn ich in der Schule rumtobe oder störe, dann weiß ich, dass das falsch ist.“ 

Die Mutter dürfe nie aufhören, ihren Sohn zu lieben. Bitte. 

Aber manchmal, da sei das Teufelchen stärker und sage ihm, dass es egal sei und es viel lustiger wäre, jetzt einfach aufzuspringen und in der Klasse rumzulaufen. „Der Engel und der Teufel, die kämpfen miteinander, Mama. Verstehst du?“ Sie dürfe aber nie aufhören ihn zu lieben, bittet der Sohn. „Auch nicht, wenn mal das Teufelchen gewinnt.“

Wenn man heute mit seiner Mutter Neriman Yaman, 37, spricht, dann merkt man sofort, dass das Versprechen, das sie ihm damals gegeben hat, immer noch gilt. Aber man hört auch mindestens genauso viel Wut, Trauer und Verzweiflung über das, was ihr Sohn getan hat. Eine Tat, die ihr immer noch vollkommen unverständlich ist. Das ist doch nicht der Yusuf, den sie kannte. Heute erscheint ihr Buch „Mein Sohn, der Salafist“, das versucht eine Antwort zu finden. Wie wird aus einem intelligenten, aber etwas hibbeligen Jugendlichen, der gerne im Mittelpunkt steht, ein Terrorist – ein 16-jähriger Terrorist?

Das Buch-Cover. 

Gemeinsam mit einem gleichalten Komplizen soll er am 16. April dieses Jahres den Sprengstoffanschlag auf einen Sikh-Tempel in Essen verübt haben. Die Sikh sind eine religiöse Bewegung, die Elemente aus dem Islam und dem Hinduismus miteinander verbindet. Der selbst gebaute Sprengsatz explodierte, als dort gerade eine Hochzeit gefeiert wurde. Drei Menschen wurden verletzt, einer davon schwer. Ein 20-jähriger Mann wurde vor kurzem vor dem Amtsgericht Münster als Mithelfer zu 20 Monaten Jugendhaft auf Bewährung verurteilt. Der Prozess der beiden Hauptangeklagten steht noch aus. Ab Dezember soll Yusuf sich vor Gericht verantworten.

Sohn zu Mutter: „Ich habe ganz, ganz großen Mist gemacht“

„Das waren die zwei Wochen meines Lebens, an die ich nicht zurückdenken will“, sagt Neriman Yaman heute. Das Gefühl, das sie hatte, als sie von der Tat ihres Sohnes erfuhr? „Das kann man mit Worten gar nicht beschreiben.“ Schock, treffe es noch am besten: „Wir konnten nicht realisieren, ob wir das wirklich erlebt haben, oder ob es ein Albtraum war.“ Sie machte sich damals gerade für die Schule fertig. Sie hatte eine Ausbildung zur psychologischen Beraterin begonnen. Sie wusste nicht mehr weiter. Vielleicht würde sie dort lernen, wie sie mit ihrem radikalisierten Sohn umgehen soll, dachte sie. Dann ruft ihr Sohn sie in sein Zimmer. So elendig wie an dem Tag hätte sie ihn noch nie gesehen. „Ich habe ganz, ganz großen Mist gemacht“, sagt er und zeigt ihr auf seinem Handy die Nachricht über den Bombenanschlag auf den Sikh-Tempel.

Foto soll Ausbildung von Terror-Verdächtigem in Syrien belegen

Neriman Yaman überzeugt ihn, sich zu stellen. Er sitzt jetzt in Untersuchungshaft in Iserlohn. Sie besucht ihn dreimal im Monat, für jeweils 40 Minuten. Wenn sie da ist, lasse er ihre Hände nicht mehr los, bis sie wieder geht. Er bereue seine Tat, sagt Neriman Yaman unter Tränen. Da sei sie sich ganz sicher. Nur, warum er das getan hat, darauf gibt er ihr keine Antwort. Er verstehe es selbst nicht mehr, sagt er ihr. Aber er habe niemanden verletzen wollen. Er will nicht gewusst haben, dass zu dieser Zeit Menschen in dem Tempel waren. Seine Mutter ist überzeugt, dass irgendjemand im Hintergrund die Jungs zu diesem Anschlag aufgestachelt haben muss: „Das sind doch noch Kinder!“

Die Mutter erzählt von ihrem Sohn manchmal, als wäre er ein Drogensüchtiger.

Wenn die Mutter von ihrem Sohn erzählt, dann klingt es manchmal, als würde sie über einen Drogensüchtigen sprechen, der im Entzug sitzt und bei dem sich der Nebel des Rausches gerade wieder auflöst. Sie wusste nicht, was damals in ihm vorgeht. Und Neriman Yaman wusste sonst sehr lange, was in ihrem Sohn vorgeht. Auch, wenn sein Verhalten in der Schule sie zur Verzweiflung trieb – sie haben doch immer miteinander geredet. Neriman Yaman ist selbst Muslimin. Während ihrer Jugend in Gelsenkirchen, wo sie heute noch lebt, rebellierte sie in Lederjacke und Jeans gegen ihre Eltern. Niemand in ihrem Umfeld sei je radikal gewesen, sagt sie. Manche seien gar nicht religiös, manche etwas strenger. Aber niemand habe einen je kritisiert, wenn man sich entschied, nicht zu beten oder zu fasten.

Die Autorin: Neriman Yaman. Ihr Sohn sitzt im Gefängnis.

Auch für ihren Sohn spielte Religion lange keine Rolle. Er hörte mit 14 lieber Gangster-Rap und rauchte Shisha-Pfeife. Als er einmal allein zuhause war, übertrieb er es. Er rauchte so viel, dass er umkippte. In Todesangst betete er zu Gott: Wenn er ihn rettete, würde er ein frommes Leben führen. Danach änderte er sein Leben. Er verschrieb sich dem Islam, ging zu den „Lies“-Ständen, wo gratis Korane verteilt werden. Schließlich kam er in Kontakt mit den Salafisten, einer ultrakonservativen Bewegung im Islam. Die Salafisten lehnen Grundgesetz und Demokratie ab, sie streben ein schariakonformes politischen System mit einem Kalifen an der Spitze an. Vielen Salafisten wird vorgeworfen, Terrorgruppen zu unterstützen. Oder zumindest mit ihnen zu sympathisieren.

Die Mutter ruft bei über 30 Moscheen an. Keine hilft.

Yusufs Familie erkennt erst nicht, welcher fragwürdigen Bewegung er sich angeschlossen hat. Erst, als er immer aggressiver wird, nicht mehr mit sich reden lässt und schließlich eine Strenggläubige heiraten will, fangen sie an, nach Hilfe zu suchen. „Ich habe wirklich alles versucht“, sagt seine Mutter heute. Sie sei zu Beratungsstellen gegangen, Behörden, Moscheen. Niemand konnte oder wollte ihr helfen. Die Behörden sagten, sie seien an die Gesetze gebunden. Sie könnten Yusuf nur mit seiner Einwilligung therapieren. Der Verfassungsschutz schickte schließlich ein paar „Wegweiser“ – Sozialarbeiter, von einem Aussteigerprogramm für radikalisierte Jugendliche. „Das war sinnvoll“, sagt seine Mutter heute. „Aber es war zu wenig.“ Die Treffen, die alle ein bis zwei Wochen stattfanden, konnten kein ausreichendes Gegengewicht bieten. Die Mutter ruft bei über 30 Moscheen an, bittet um Hilfe. „Nicht eine Einzige hat gesagt: Bringen sie ihren Sohn mal mit, wir reden mit ihm.“ Seitdem ist sie auch privat in keine Moschee mehr gegangen. Die Enttäuschung sitzt zu tief. Das sei auch ein Grund gewesen, warum sie dieses Buch schreiben wollte. Sie will verhindern, dass es anderen Eltern ähnlich ergeht. Sie will etwas ändern. „Heute ist es mein Kind, morgen wird es ein anderes sein.“

Sie plädiert dafür, die Stände in Innenstädten, an denen Korane verteilt werden, zu verbieten. „Es ist traurig, dass ich das als Muslimin sagen muss.“ Doch ihr Sohn habe dadurch erst Kontakt zur radikalen Szene bekommen. Es müsse entschiedener gegen Hass-Prediger vorgegangen werden. Und es müsse Möglichkeiten geben, radikalisierte Jugendliche auch gegen deren Willen zu therapieren.

Wenn Kinder sich radikalisieren, können die Eltern irgendwann nichts mehr tun.

Der Tatort in Essen nach dem Sprengstoff-Anschlag.

Doch reicht das aus? Was können Eltern überhaupt tun, wenn sich ihre Kinder von ihnen abwenden und radikalisieren? Claudia Dantschke ist Leiterin von „Hayat“, einer Beratungsstelle für Angehörige von Menschen, die sich islamistisch radikalisieren. Sie hat das Nachwort in Yamans Buch geschrieben. Dort beschreibt sie, wie es Salafisten geschafft haben von einer wenig beachteten Gruppierung zu einer Art Pop-Stars der Islam-Szene zu werden, indem sie ihre Ansprachen auf Jugendliche zuschneiden. „Die Salafisten schaffen es, die Opferidentität vieler Muslime umzudeuten, ihnen ein neues Selbstbewusstsein zu geben und die Jugendlichen somit an sich zu binden“, sagt Claudia Dantschke. Die Verehrung mancher Prediger oder IS-Kämpfer steigere sich dabei in rational nicht nachvollziehbarem Maße: „Wir betreuen junge Mädchen im Alter von 14 oder 15 Jahren, die über die Mudschaheddin sprechen wie andere Mädchen über Justin Bieber.“

Wenn die Radikalisierung schon so weit fortgeschritten ist, helfe nur noch professionelle Unterstützung, so Dantschke. Dabei seien vor allem auch die Moscheen gefragt. Dass Neriman Yaman von ihnen keine Hilfe bekam, sei leider kein Einzelfall, sagt die Expertin. „Viele Moscheen lehnen die Verantwortung ab, sie sind überfordert und fürchten sich, argumentativ nicht gegen die Salafisten anzukommen.“ Den Eltern rät Dantschke sich so früh wie möglich einzuschalten, wenn die Kinder religiös werden. In der Suchphase sei es besonders wichtig ihnen zu zeigen, dass es im Islam unterschiedlichste Interpretationen gibt. Yusuf stieß damals jedoch sofort auf Prediger, die ihre Auslegung der Religion als absolut erklärten.

Neriman Yaman hütet sich davor, alle Salafisten als Terrorhelfer zu verurteilen. Aber es gebe eine fehlgeleitete Seite innerhalb des Islams, die versuche Menschen zu töten und eine andere Seite, die versuche Gutes zu tun. „Und beide nennen sich Muslime. Das passt einfach nicht. Islam bedeutet Frieden.“

Eva Casper

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