Maximilian Schell als Jedermann 1980 bei den Salzburger Festspielen.

Nachruf für Maximilian Schell

„Ich fliege über dunkle Täler“

München - Trauer um Maximilian Schell, den großen Theater- und Filmschauspieler, den Regisseur und Autor – und den Liebenden

Einem Wiener muss man nicht immer alles glauben. Wenn er die Wahl hat zwischen einem guten Schmäh und der dann doch meist faden Wahrheit, tischt er die Lüge auf. So war das auch bei dem gebürtigen Wiener Maximilian Schell, der einem im Gespräch mit treuherzigem Augenaufschlag erzählen konnte, dass er nie hatte Schauspieler werden wollen und den Ruhm furchtbar fände. Dass er ein ganz einfacher Bursche sei, der im Grunde seinen Beruf nie gefunden hätte. „Ich bin ja nichts geworden“, sagte er noch 2012, als er seine Autobiografie „Ich fliege über dunkle Täler“ vorstellte (sehr lesenswerter Schmäh übrigens). Da war Schell immerhin schon 81 und erklärte, ohne mit einer Wimper zu zucken: „Ich bin nur Student.“

Es muss Schell einen Heidenspaß gemacht haben, in die Gesichter der Journalisten zu blicken, um zu beobachten, ob sie ihm den Schmäh abkauften oder nicht. In der Regel taten sie es, denn Schell war ein verteufelt guter Schauspieler auf und abseits der Bühne. Die Theaterbühne war seine Schule, dort war er mit seinem Charisma, seiner Grandezza, seiner Maßlosigkeit in seinem Element. Bevor er als Filmstar zu Ruhm kam, war er bereits als Komet durch die deutschsprachige Theaterszene geschossen. Intendanten, Kritiker und Zuschauer waren schnell auf den blutjungen, unverschämt gut aussehenden Hochbegabten aufmerksam geworden, der jedes Theater, jedes Stück regelrecht enterte mit seiner schier unendlichen Energie. Er hatte ein Faible für die zerrissenen, schwierigen, rätselhaften Charaktere. Heldenrollen oder jugendliche Liebhaber interessierten ihn nicht so sehr. Wenig erstaunlich, dass sein „Hamlet“ (1963) noch heute sagenumwoben ist. Schell und das Theater waren – trotz einer außerordentlichen Karriere im Film – füreinander geschaffen.

Zum Kino kam Schell, jedenfalls behauptete er das immer, rein zufällig. Angeblich wollte das US-Studio 20th Century Fox Kontakt zu Schells Schwester Maria aufnehmen, Mitte der 50er-Jahre bereits ein internationaler Star, und landete bei Maximilian. 1958 spielte er in seinem Hollywood-Debüt „Die jungen Löwen“ als sinistrer Nazi gleich neben drei Legenden: Marlon Brando, Montgomery Clift und Dean Martin. Und Schell war sehr stolz darauf, dass ihm die US-Kritik bescheinigte, allen die Show gestohlen zu haben. Von Brando lernte er während der Dreharbeiten Englisch und schnappte ihm gleich darauf eine begehrte Rolle vor der Nase weg: Als ebenso brillanter wie rücksichtsloser Verteidiger in dem Film „Das Urteil von Nürnberg“ über das NS-Kriegsverbrecher-Tribunal warf sich Schell mit einer irritierenden Selbstgewissheit in seine Rolle. Er spielte mit Weltstars wie Burt Lancaster, Judy Garland oder Richard Widmark auf Augenhöhe, so als wäre es das Normalste.

In Hollywood hielt man regelrecht die Luft an und überreichte ihm 1962 den Oscar als bestem Hauptdarsteller. Zu jener Zeit mehr als eine Sensation. Der Schweizer Staatsbürger Schell wurde immer wieder als Nazi gebucht und immer wieder gelang es ihm, aus den stereotypen Rollen etwas Besonderes zu machen. Denn Schell hasste die Nazis glühend, er hatte ihnen nie verziehen, dass er ihretwegen als kleiner Bub seine Geburtsstadt hatte verlassen müssen, als Hitler Österreich 1938 „heim ins Reich“ holte.

Die Schells zogen damals in die Heimat des Vaters, die Schweiz. Nun rächte sich Schell, indem er Nazis nicht einfach als brüllende Sadisten spielte, sondern, viel hinterhältiger, als scheinbar zivilisierte Uniformträger, die vermeintlich nur ihre Pflicht taten. Freundlich konnten sie sein, gar charmant, und umso unfassbarer war schließlich der Abgrund an Unmenschlichkeit, wenn der geballte Hass ausbrach.

Schell nutzte seine Popularität und das Geld, das er bekam, für eigene, hochambitionierte Filmprojekte. Er verfilmte eine Novelle von Turgenjew („Erste Liebe“) und Horvaths „Geschichten aus dem Wiener Wald“. Künstlerisch erfolgreich, kommerziell eher nicht. Theater spielte er ebenfalls weiterhin mit Leidenschaft. Beim Film verdiente er einfach Geld, jedenfalls lässt die Rollenauswahl in späteren Jahren darauf schließen. 1984 gelang Schell dann noch einmal ein regelrechter Coup: Er überredete die zurückgezogen lebende Sphinx Marlene Dietrich zu einem Dokumentarfilm. Zwar entzog ihm die Dietrich in letzter Sekunde die Dreherlaubnis. Aber Schell ließ sich nicht entmutigen, verwendete die Tonaufnahmen und schuf ein packendes Filmdokument, in dem sich zwei Diven nach allen Regeln der Kunst beharkten. Am Ende gewann natürlich die Dietrich nach Punkten, aber Schell verkaufte sich teuer und konnte ehrenvoll darauf verweisen, nicht zu Boden gegangen zu sein.

Um diese Zeit wurde der notorische Schwerenöter ein klein wenig sesshaft und lebte mit seiner ersten Frau und zwei Kindern in Amerika. Freilich vagabundierte er weiter über die Bühnen und Filmsets dieser Welt, wurde mit Preisen überhäuft und leistete sich 1990 die zickige Gemeinheit, den Deutschen Filmpreis für sein Lebenswerk abzuweisen – dafür sei er zu jung. Im Alter kümmerte er sich dann um seine dement gewordene Schwester Maria, obwohl die zwei ein nicht immer spannungsloses Verhältnis hatten. Maximilian war oft genervt, als „kleiner Bruder“ zu gelten. Nun verkaufte Schell seine Kunstsammlung, um die Familienalm in Österreich zu retten, als er erfuhr, dass Maria verarmt war. Die Annäherung der Geschwister hielt Schell 2002 im traurig-schönen „Meine Schwester Maria“ fest. Für Schell auch Gelegenheit, über seine Reise durchs Leben nachzudenken. In der Nacht zum 1. Februar ist Maximilian Schell, der Faun, der Schweizer, der Wiener, der Weltbürger, Fußballfan (Grashoppers Zürich), Autor, Regisseur, Ausnahmeschauspieler und hinreißende Schwindler, mit 83 Jahren in Folge einer Rückenoperation gestorben. Er hat wahrhaft gelebt.

Zoran Gojic

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