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Rudolf Wessely ist im Alter von 91 Jahren gestorben.

Schauspieler starb mit 91

Zum Tod von Rudolf Wessely: Das Theaterkind

München - München trauert um den Schauspieler Rudolf Wessely, der die Bühnen in München prägte und mit 91 Jahren gestorben ist. Unser Nachruf.

„Das Glück is’a Vogerl“, sang er noch als alter Mann. Und auch davon, dass er „halt a echts Wiener Kind“ sei. Das waren Zeilen aus seinem Liedprogramm, nachdem er hochbetagt 2011 sein Engagement am Bayerischen Staatsschauspiel beendet hatte und nur noch seine ganz eigenen Auftritte absolvierte.

Rudolf Wessely war ein Unermüdlicher, er konnte nicht aufhören, sein Geist war zu wach, die Spiellust nahm kein Ende, das Nachdenken über Gott und die Welt, den Kapitalismus und den Sozialismus, die hohe Schauspielkunst und das profane Sich-Verstellen – es ließ sich nichts abschließen. Klein, behend, schräg und immer sehr klug. Wer in München ins Theater ging, entkam ihm nicht. Er schien sein Leben im Theater zu leben. Denn er war immer auf der Bühne, in kleinen Rollen, in großen Partien, in den Klassikern ebenso wie in den modernen Stücken, in den „sicheren“ Nummern wie in den risikoreichen Uraufführungen. Er scheute keinen Misserfolg und war selbstbewusst genug, den Erfolg einer Aufführung auch sich zuzuschreiben.

„Lasst mich den Löwen auch spielen!“ Dieses berühmt-ironische Zitat aus Shakespeares „Sommernachtstraum“ passte im positiven Sinn einzigartig auf Rudolf Wessely. Und dennoch war er ein ganz und gar bescheidener Künstler. Alles, was er tat, stellte er in den Dienst der künstlerischen Sache, in den Dienst „seines“ Theaters, in den Dienst des Ensembles. Er war der typische Ensemblespieler. Ihn umgab nicht jener ausstrahlungsstarke Nimbus des Außergewöhnlichen. Vermutlich ein Grund, der ihn in der Rangfolge immer nach Rolf Boysen und Thomas Holtzmann stehen ließ.

Aber ohne Rudolf Wessely wäre das Theater Dieter Dorns arm gewesen. Wer sonst hätte in Dorns Inszenierung des „König Lear“ so grandios die Rolle des Narren übernehmen wollen und können, nachdem der charismatisch-geniale Heinz Bennent, der die Premiere gespielt hatte, irgendwann aus der Produktion ausstieg? Da gab es keine Eitelkeit, Rudolf Wessely stand immer bereit. Und Dieter Dorn lohnte es ihm nicht schlecht.

Von 1976 bis 2001 spielte Wessely an den Münchner Kammerspielen, zunächst, da er noch zum Wiener Burgtheater gehörte, als Gast. 1987 gab er die Burg auf, um sich ganz dem Dorn-Ensemble zur Verfügung zu stellen. Mit ihm wechselte er – da war Wessely immerhin schon 76 – noch einmal für zehn Jahre ans Bayerische Staatsschauspiel. Die Anzahl der Rollen, die er hier wie dort spielte, ist riesengroß. Für jeden, der das Theater in München verfolgt, wird Wessely immer in bester Erinnerung bleiben. Um nur einige der prägnantesten Figuren zu nennen: Tiresias in Heiner Müllers „Ödipus“, Willi in Becketts „Glückliche Tage“, der Rufer in Botho Strauß’ „Schlußchor“, Herbert und Frau in Achternbuschs „Der Stiefel und sein Socken“, Bernhards Weltverbesserer, Shakespeares Cymbelin, Lessings Nathan, Euripides’ Pheres in „Alkestis“, Wesselys letzte Rolle.

Ein Plan des Schauspielers blieb unvollendet: Zu gern hätte er – immerhin schon 85 Jahre alt – noch Brechts Galilei gespielt. Und zwar in kleiner Version, quasi als ein Versuch im Brecht’schen Sinn. Aber im Umkehrschluss: Im Mittelpunkt sollte nicht der Wissenschaftler stehen, der alles dürfen und frei forschen muss zum Segen der Menschheit, sondern jener, der aus Verantwortung vor der Menschheit der Forschung Halt gebieten sollte. Es wurde bereits für die Aufführung im Marstall geprobt, doch es reichte wohl nicht die Kraft, die der Schauspieler für dieses Projekt gebraucht hätte. Eine Premiere fand nicht statt.

Aber die Beschäftigung mit Brecht hatte ihn nun einmal sehr gereizt. Denn mit dem Brecht-Theater und überhaupt mit der marxistisch-leninistischen Ideologie war Wessely in seinen jungen Jahren maßgeblich konfrontiert. Das war jene Zeit, als der Schauspieler aus Wien kommend 25-jährig nach Ost-Berlin ans Deutsche Theater ging. Hier war er von 1950 bis 1958 am Haus des Intendanten Wolfgang Langhoff engagiert. Und hier geriet er in die Mühlen des Kultur-Stalinismus, der die junge DDR beherrschte. Trotzdem auf der Bühne unverkennbar: die Komik des jungen Darstellers, getragen von tiefer Menschlichkeit, Liebe und Erkenntnislust. In Ost-Berlin hatte Wessely die Bekanntschaft mit dem ebenfalls noch jungen Dramatiker Heinar Kipphardt gemacht. Der war so begeistert von dem Schauspieler, dass er ihm gleich ein Stück auf den Leib schrieb: die sozialistische Komödie „Shakespeare dringend gesucht“. Die Uraufführung 1953 im Deutschen Theater katapultierte Autor und Darsteller in den frühen Ruhm; die Theater im Westen lockten mit guten Angeboten.

Einen Schauspieler wie ihn sah man überall gern. Nach Berlin kamen Düsseldorf, Zürich, Wien, München – und Film und Fernsehen. Die Liste der TV-Krimis ist lang, denen Wessely durch seine Auftritte eine gewisse Würze verlieh. Unvergessen bleibt er als Alfred Pringsheim in der TV-Dokumentation „Die Manns“.

Am Montag ist der gebürtige Wiener Rudolf Wessely im Alter von 91 Jahren in München gestorben.

Sabine Dultz

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