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Die Beine und das Tutu sind aus Abfall - der Nussknacker in Fredrik Rydmans Interpretation. 

Uraufführung in Stockholm

Der „Nussknacker“ tanzt jetzt Hip-Hop

Stockholm/München - Fredrik Rydman hat Tschaikowskys „Nussknacker“ mit Streetdance kombiniert - und kommt damit ins Deutsche Theater nach München. Wir waren bei der Uraufführung von „Nutcracker Reloaded“ in Stockholm.

Der Nussknacker ist kaputt. Statt Beinen hat er dürre Hölzer, und seine Füße bestehen aus zwei zerdrückten Plastikflaschen. Aber hey, der Oberkörper ist in Schuss. Er begutachtet seine roten Arme an den breiten Schultern und nickt selbstverliebt. Arme hoch, Arme runter, ein Knicks an der Ballettstange, Drehung, Sprünge, das geht. Noch besser aber geht es als R’n’B-Star. Dann tanzt der Nussknacker wie die Justins der Musikszene mit seinen Background-Tänzern in Lederjacken und roten Turnschuhen. In seinem größten Hit singt der Nussknacker: „Don’t go cracking my nuts“.

Das ist Fredrik Rydmans Interpretation vom „Nussknacker“ der Gegenwart. Er hat den Prinzen aus Pjotr Tschaikowskys Ballett gepackt, mit Streetdance gemischt und aktueller Thematik versehen. „Nutcracker Reloaded“ ist ein modernes Tanztheater, witzig und traurig zugleich. Und mit dem gebrochenen Traumprinzen, der sich selbst für den perfekten Typen hält, aber gleichzeitig deprimiert ist, weil sein Unterkörper aus Abfall besteht, auch ein bisschen skurril. Gerade wurde die Show im Dansens Hus in Stockholm uraufgeführt, im Januar kommen die Tänzer ins Deutsche Theater nach München.

Clara bekommt im Original – „Nussknacker und Mäusekönig“ von E. T. A. Hoffmann – von ihrem Patenonkel Drosselmeier einen Nussknacker zu Weihnachten geschenkt. Im Traum kämpft sie mit ihm und einer Armee von Spielzeugsoldaten gegen den Mäusekönig und reist ins Reich der Süßigkeiten.

Darth Vader und Super Mario spielen mit

Fredrik Rydman

Das märchenhafte Grundgerüst der alten Geschichte ist geblieben, in der Neuauflage von Rydman hat Clara allerdings ihre Eltern im Schneesturm verloren und lebt auf einer Müllhalde. Drosselmeier ist ein Organhändler – dargestellt als Dracula-Verschnitt – und sucht ein Herz für eine kranke Frau, die eine seltene Blutgruppe hat. Claras Blutgruppe. Um ihr Vertrauen zu gewinnen, kommt Drosselmeier mit einem Sack voller Spielzeug auf die Müllhalde. Darin befinden sich Darth Vader aus „Star Wars“ und die Videospielfigur Super Mario, bei deren Auftritt sich die Müllhalde mittels Projektionen zu Laserschwertern beziehungsweise zu einem Nintendo-Hintergrund verwandelt. Dem Nussknacker fehlen zwar die Beine, für Clara ist er trotzdem das Schönste, was sie je gesehen hat. Sie bastelt ihm Füße und ein Tutu aus Abfall.

Darth Vader und Super Mario sorgen dafür, dass das Publikum trotz der eigentlich traurigen Geschichte immer wieder lachen kann. Dafür sorgen auch Jörgen Thorson, der das Tanztheater regelmäßig mit witzigen Erläuterungen unterbricht, spielerische Details wie Zeitlupen-Bewegungen zum Höhepunkt der Show und ein Knoblauchbild, das aus Claras Glückskeks rollt. Ähnlich funktioniert Rydmans Choreografie: Berührendes Spitzballett wechselt sich mit Breakdance und Hip-Hop ab. Passend dazu erklingen die klassischen Töne des „Nussknacker-Marschs“ als stringentes Element, pur, gemixt und neu interpretiert. Außerdem haben die schwedischen Künstler Anna Ternheim und Danny Saucedo Lieder zur Inszenierung beigesteuert.

Rydman wurde durch „Swan Lake Reloaded“ bekannt

Bei letzterem, „Crackin’ my Nuts“, hat Rydman am Text mitgeschrieben, wie er am Tag nach der Premiere hinter der Bühne des Dansens Hus lachend erzählt. „Die Idee zum ,Nussknacker‘ ist in den vergangenen zwei Jahren gewachsen“, sagt Rydman, der in Deutschland mit „Swan Lake Reloaded“ bekannt geworden ist, einer Melange aus „Schwanensee“ und Streetdance. Er möge Tschaikowskys Musik einfach sehr gerne, erklärt der Choreograf, der seine Haare beim Reden immer wieder nach hinten streicht. So wie die Wand im Backstagebereich des Theaters aussieht – an jeder freien Stelle haben sich Künstler verewigt – muss es in Rydmans Kopf aussehen. „So eine Show ist ein Prozess, ich probiere immer wieder verschiedene Dinge“, sagt der 42-Jährige. „Ich wollte etwas erschaffen, was wir durch die Augen eines Kindes sehen, da in ihrer Welt alles möglich ist. Es ist eben ein Märchen.“

Bei so vielen Ideen ist es für die Tänzer bei den Proben nicht immer leicht, den Gedanken des Choreografen zu folgen. „Fredrik erwartet sehr viel“, sagt Ellen Lindblad, die als Clara auf der Bühne steht. Rydman gebe unzählige Dinge vor, von denen man sich die klaren Parts herauspicken müsse. Trotzdem oder gerade deswegen sagt die 25-Jährige: „Es macht viel Spaß, Teil seines Trips zu sein. Er ist verrückt.“

Diesen Spaß transportieren die Tänzer ins Publikum. So gekonnt, dass der Zuschauer fast vergisst, welche Gesellschaftskritik hinter Rydmans Interpretation des „Nussknackers“ steckt. Organhandel, Ideale der westlichen Welt, die Selfie-Kultur, Armut. „Es gibt die Diskussion über Bettler und Flüchtlinge, aber hinter all dem stehen Menschen“, sagt der Choreograf. Er habe im Radio von einem Bettler gehört, der sich so sehr über einen Teddybären gefreut habe, weil er ihn nach Hause zur Tochter schicken wollte. „Der Reporter ist zu diesem Mädchen gefahren, das auf einer Müllhalde in Rumänien lebt. Das hat mich sehr berührt.“

„Nutcracker Reloaded“

ist von 17. Januar bis 22. Januar 2017 im Deutschen Theater in München zu sehen. Telefon 089/ 55 234 444.

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