65 Galerien öffnen ihre Tore

"Open Art" in München: Zeit für Entdeckungen

München - Genau dafür ist die „Open Art“ in München gemacht: für Entdeckungen. Wenn von heute an bis 11. September mehr als 65 Galerien ihre Tore öffnen, dann ist das ein Ereignis auch für diejenigen, die sich sonst selten in die Kunstszene trauen.

Denn man lockt mit allem, was man zu bieten hat: mit Partys und Führungen, vor allem aber mit Hochkarätern und unbekannten Talenten.

Im Idealfall ist beides vereint: So wie bei Rotraut in Stefan Vogdts Galerie der Moderne. Hier ragt schon vor dem Eingang das pure Leben in Knallrot („Life Red“) in den Himmel. Glänzend und spiegelnd wie ein frisch polierter Ferrari verleitet die monumentale Skulptur auch den hartgesottenen Technikfreak zu Streicheleinheiten. Wie zwei überdimensionale Beine auf hohen Absätzen tanzt dieses roten Stück Verführung, glasklar und doch kurvig, elegant und ansteckend fröhlich. Zwei Schritte weiter, hinter der Eingangstür ergießt sich ein tiefleuchtendes Blau über den Besucher: Die Öffnungen dazwischen, die geschwungenen Formen und die satt glänzende Farbe flößen Respekt ein und faszinieren zugleich. Und richtig: So langsam erfasst man die Formen und erkennt einen abstrahierten Löwen, der tiefblau erhaben in den Raum schwingt und mit Freiraum und Ästhetik spielt.

Wer macht solche mutigen Objekte?

Wer macht solche mutigen Objekte, die mit ungeheuer frechen, wirkungsvollen Metallic-Lackierungen und den reduzierten Formen die klassische Moderne in die Gegenwart transportieren? Rotraut hat sich auf ihren Vornamen zurückgezogen, um eben nicht mit ihrer Biografie, sondern mit ihren Werken zu punkten. Dabei wäre ihr Leben genauso interessant wie ihre Kunst: Die im Jahr 1938 Geborene ist eine Schwester Günther Ueckers – der mit den Nagelobjekten. Er war es, der sie animierte, sich autodidaktisch der Kunst zu widmen. Mit 17 Jahren verließ sie die DDR und schloss sich dem acht Jahre älteren Bruder in Düsseldorf an. Der langwierige Holzschnitt war allerdings nichts für sie, bald schwenkte sie auf Malerei um. Ihre „Galaxien“ sind allerdings nicht weniger aufwändig. Eines der Reliefs (1970) beeindruckt auch in München: Die Strukturen aus Mehl und Leim, schwarz übermalt, werden durch Abschleifungen zum leuchtenden Sternenhimmel.

Im Jahr 1957 jobbte Rotraut als Au-pair beim Künstler Arman in Nizza. Dort lernte sie den jungen Mann kennen und lieben, mit dessen Werk sie sich kurz zuvor in einer Düsseldorfer Ausstellung völlig verbunden gefühlt hatte: Yves Klein, bekannt geworden mit seinen blauen Bildern. 1962 heiratete das Paar, wenige Monate später starb er an Herzversagen mit 34 Jahren. Der Sohn half Rotraut über den Verlust hinweg. 1968 fand sie ihr Lebensglück mit Daniel Moquay, zog nach Ibiza, später in die Nähe von Paris und lebt mit ihm seit 1982 in Arizona. Mit über 50 Jahren wagte Rotraut hier 1990 den Schritt zur gewichtigen Mega-Skulptur: 150 bis 900 Kilogramm wiegen die Objekte, die so federleicht erscheinen.

Dafür bemalt und beschüttet die Künstlerin – in Anlehnung ans Action Painting – zunächst intuitiv am Boden liegende Bildträger, wählt Einzelformen aus, scannt sie ein und projiziert sie als große Schnittmuster für ihre Aluplatten. Verstärkt durch ein Innengerüst und zusammengelötet werden die Metalle mit Folie umhüllt und lackiert. Das Ergebnis: „Meine Kunst zelebriert das Leben“, sagt Rotraut. Mit rudimentären Archetypen voller Energie, die je drei Mal gefertigt werden und als Grundform in den kleinen und großen Objekten immer wiederkehren.

Damit eroberte sie sich auch in und um München ein Publikum, das in der Galerie der Moderne immer mehr in den Vordergrund rückt: „Die Sammler von heute wohnen in neuen Häusern, in einer neuen Architektur mit viel Glas“, resümiert Felicitas Vogdt. Hier hat Kunst an den Wänden weniger Platz, die Skulptur gewinnt mehr an Bedeutung, für Innen- und Außenräume. Zudem macht Vogdt eine Vorliebe für „Abstraktion mit einem Hang zur Figur“ aus, die auch Rotraut genau trifft.

Die junge Galeristin stieg nach dem Kunstgeschichts-Studium vor drei Jahren ins Geschäft ihres Vaters ein: Im Jahr 1977 zur Galeriegründung legte Stefan Vogdt den Schwerpunkt auf Design und war auch beim Aufbau der „Neuen Sammlung“ beteiligt. Über Architektur und Fotografie spannte sich bald der Bogen bis zur Malerei und nun eben bis zur Skulptur. Damit besetzt die Galerie eine Nische. „Trotzdem ist das kein Garant dafür, dass es immer läuft“, resümiert Felicitas Vogdt.

Mit ihr wird sich die Galerie sicher weiter verändern: Sie will mehr junges Publikum – also die Käufer von morgen. Und mehr junge Kunst. Dementsprechend lautet ihr Wunsch für München: eine Messe für zeitgenössische Kunst. Da brodelt auch schon etwas hinter den Kulissen. Weitere Entdeckungen werden folgen.

Freia Oliv

Bis 19. Oktober

Kurfürstenstraße 5; Telefon 089/ 27 168 57.

Alles Wichtige zur „Open Art“

Münchens Galerien haben im Rahmen der „Open Art“ von heute bis 11. September zu folgenden Zeiten geöffnet: Freitag, 18–21 Uhr, Samstag und Sonntag, jeweils 11–18 Uhr.

Der Infostand befindet sich im Kassenraum der Hypo-Kunsthalle, Theatinerstraße 8, und ist jeweils von 10–18 Uhr zugänglich. Den Katalog gibt es hier ebenso wie in den teilnehmenden Galerien. Weitere Informationen unter anderem zum Rahmenprogramm und zu Führungen gibt es telefonisch unter 089/ 29 20 15 oder im Internet unter www.openart.biz

fo

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Teo gegen den Rest der Welt

Perm - Messias oder Scharlatan? Genie oder Blender? Teodor Currentzis mischt gerade die Klassikszene auf. Manchmal schießt er dabei übers Ziel hinaus wie mit seiner …
Teo gegen den Rest der Welt

„Ich bin und bleibe ein Träumer“

Lambert Wilson spielt den Forscher Jacques-Yves Cousteau – und erkennt viele Parallelen zu seinem eigenen Leben. Wir trafen ihn zum Interview.
„Ich bin und bleibe ein Träumer“

Marco Comin: „Mich macht ein Missverständnis traurig“

München - Zum Ende dieser Spielzeit verlässt Chefdirigent Marco Comin das Gärtnerplatztheater. Gern wäre er geblieben, er passt allerdings nicht zur stärkeren …
Marco Comin: „Mich macht ein Missverständnis traurig“

Vergessene Wörter: „Bei Backfisch dachte ich an Fischstäbchen“

Fanden Sie es noch dufte, zum Schwofen zu gehen? Haben Sie Musik auf Schallplatte oder im Walkman gehört? Dann kennen Sie Begriffe, die vom Aussterben bedroht sind. …
Vergessene Wörter: „Bei Backfisch dachte ich an Fischstäbchen“

Kommentare