Die Operette zum Börsenkrach

- "Operette ist das Schwerste überhaupt. Sie gilt als die Krönungsdisziplin des Musiktheaters." Der das sagt, wird von Gärtnerplatz-Intendant Klaus Schultz gerade darum immer wieder gern engagiert als Spezialist fürs vermeintlich Leichte: Regisseur Franz Winter. Nach Kálmáns "Csárdásfürstin", Zellers "Vogelhändler" und Léhars "Lustiger Witwe" jetzt also "Die Fledermaus" von Johann Strauß. Am Sonntag ist Premiere. Das Ehepaar Eisenstein singen Ruth Ingeborg Ohlmann und Wolfgang Schwaninger. Es dirigiert Ekkehard Klemm.

<P>Sie bedienen nicht immer jedermanns Geschmack. Publikumsproteste in der Premiere gehören fast schon dazu, möglicherweise auch die mancher Theaterleute. Sind Sie da schon einmal mit dem "Richard"-Zitat vom "Winter meines Missvergnügens" konfrontiert worden? </P><P><BR>Winter: Nein. Aber das liegt daran, weil die Opernleute Shakespeare nicht so kennen. <BR><BR>"Die Fledermaus" ist im Repertoire beider Münchner Opernhäuser zu finden. An der Bayerischen Staatsoper ist es die Leander-Haußmann-Inszenierung, die derart missraten war, dass sie nachträglich aufgemöbelt werden musste. Und auch am Gärtnerplatz gab es eine Produktion, die nicht sonderlich heiter stimmte. Warum ist "Die Fledermaus" so schwer zu inszenieren? <BR><BR>Winter: Weil die Erwartungshaltungen an dieses Stück falsch sind; das ist nicht nur ein Silvesterjux. Und weil man den Feydeau`schen, bösartigen Hintergrund nicht richtig einschätzt. <BR><BR>Und der wäre? <BR>Winter: Der Racheakt, den hier Falke an Eisenstein vornimmt, dieses Spiel mit der Fledermaus, das ist eine zutiefst bösartige Sache, an der Eisenstein zugrunde geht. Die Operette wurde 1874 uraufgeführt. Man muss wissen, dass es 1873 den großen Börsenkrach gab. Darum das Lied "Glücklich ist, wer vergisst. . .", dessen Text sich auf das Pleite-Geschehen an der Börse bezieht. Eisenstein ist ein Spekulant, der ganz schreckliche Geschäfte gemacht hat - und jetzt ist das Geld weg. Darum wird er eingesperrt, wird in Beugehaft genommen. Da macht sein Satz also Sinn: "Jetzt, wo mir die Felle davon schwimmen, bist` mir noch bös`?" <BR></P><P>Das ist gar nicht so unaktuell. </P><P><BR>Winter: Die Situation ist heute durchaus ähnlich. Es gibt, wie wir beinahe täglich lesen können, sehr viele Leute, die falsche Angaben über ihre Geschäfte machen. Ja, ich nehme die Geschichte der "Fledermaus" sehr ernst. Denn nur wenn man das alles nicht bedenkt, eiert man durchs Stück und findet keinen roten Faden.</P><P><BR>Sie haben eine eigene Textfassung angefertigt? </P><P><BR>Winter: Ich bin zurückgegangen auf die zwei Fassungen, die es gibt, die damals von der Zensur verboten wurden. Und ich habe mir eine Rohübersetzung aus dem Französischen von dem Stück machen lassen, das der "Fledermaus" zugrunde liegt und das damals in Paris mit größtem Erfolg gespielt wurde. Daraus habe ich einige Passagen übernommen. Die Rollen bekommen dadurch ein anderes Gewicht. </P><P><BR>Welche Rolle spielt bei all dem noch die Musik? </P><P><BR>Winter: Sie gehört zum Größten überhaupt. Sie verschafft dem Werk jene Dimension, die dafür sorgt, dass wir es nicht satt kriegen können. Es ist eine ganz und gar wienerische Musik. Die musikalischen Wurzeln der "Fledermaus" liegen bei Schubert, Lanner, Strauß Vater. Und: Johann Strauß war ein glühender Verehrer der Gebrüder Schrammel. Damit sind wir an der Wurzel der Wiener Volksmusik. <BR></P><P>In welcher Zeit lassen Sie Ihre Inszenierung spielen? </P><P><BR>Winter: Ich mache kein Konzeptionstheater, ich möchte das Stück erzählen. Nichts einfacher, als die Geschichte stilisiert durchzustellen. Auch nichts leichter, als die Handlung zwischen 1970 und 1985 anzusiedeln. Wir aber lassen`s in der Originalzeit, also den 70er-Jahren des 19. Jahrhunderts. Ich denke, die Aktualität zu den Börsenkrächen heute stellt sich trotzdem her. <BR></P><P>Zwingt die Originalzeit zu größerer szenischer Genauigkeit? </P><P><BR>Winter: Ja, natürlich. So ist bei uns zum Beispiel der Frosch ganz bewusst kein Kabarettist, der sein Soloprogramm abzieht. Wir zeigen ihn als einen ausgemusterten, verletzten Soldaten, der nun zur Gefangenenbetreuung abgestellt wurde. Das war damals üblich für die bei Königgrätz oder Solferino verwundeten Soldaten. </P><P><BR>Also Frosch jenseits des Klischees. Und was ist mit Orlofsky, der klassischen Hosenrolle, die nicht immer mit einer Sängerin besetzt wird? <BR></P><P>Winter: Es ist verrückt: Strauß hat in diese Partie den Stimmbruch hineinkomponiert. Man kann also Prinz Orlofsky als absoluten Jüngling zeigen. Man kann ihn aber auch, was wir tun, als Frau nehmen, die keine Frau sein will, die mit diesen Dingen nur spielt. Als eine Frau, die sich in die Adele verliebt, so sehr, dass sie sie rausholt aus dem Stubenmädchen-Dasein und ihr eine Ausbildung zur Sängerin finanzieren wird. Das ist das einzige Positive an der "Fledermaus": die Erkenntnis, dass Begabung sich lohnt. Ansonsten ist es ein kaltes Stück. Es gibt keine Sympathiepersonen. Eine Tatsache, die aufregend im Spannungsfeld zu der sehr warmen, schönen Musik steht. <BR><BR>Das Gespräch führte Sabine Dultz <BR></P>

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