Interview

Piotr Beczala: „Wir wurden entmachtet“

Salzburg - Tenor Piotr Beczala, Salzburgs neuer Faust, spricht im Merkur-Interview über Regisseure, Facebook und die Entspannung beim hohen C.

Ein grandioser Riccardo im Münchner „Maskenball“, ein Aufsehen erregendes Debüt als Lohengrin in Dresden: Für Piotr Beczala könnte es gerade nicht besser laufen. Auch weil der 49-Jährige, anders als viele Kollegen, seine Karriere klug aufgebaut, dabei stets auf seine Stimme statt auf die Einflüsterungen von Agenten und Intendanten gehört hat. In Charles Gounods „Faust“ bei den Salzburger Festspielen übernimmt der gebürtige Pole die Titelrolle, Premiere ist am kommenden Mittwoch.

Ist Ihnen Faust sympathisch? Immerhin lässt er Gretchen sitzen.

Piotr Beczala: Ich versuche, ihn sympathisch zu gestalten – was zugegebenermaßen nicht einfach ist. Gounod treibt ihn aber durch die tolle Musik ins Sympathische. In unserem Fall sind Faust und Mephisto eine Person. 

Piotr Beczala

Eine dunkle und eine helle Seite derselben schizophrenen Figur.

Erklären Sie bitte einmal, was beim hohen C mit Ihnen passiert.

Beczala: Es ist einfach ein Ton, der dazugehört. Es ist kein goldener Ton, auf den sich alles konzentrieren muss, und der Rest ist quasi unwichtig. Eigentlich ist es umgekehrt. Der Rest muss sitzen, der goldene Ton ist ein Bonus.

Ja gut, aber was spüren Sie beim C? Erleichterung? Triumph? Eine Art vokalen Orgasmus?

Beczala: Ich spüre eine Befreiung durch einen Adrenalinstoß. Schließlich markiert das C immer einen Kulminationspunkt. Beim Faust ist es allerdings kein Triumphton. Im französischen Fach sind diese Momente mehr in die Phrase eingebunden. Komisch ist: Das hohe C gelingt nur, wenn man in der Spannung eine gewisse Entspannung aufbauen kann. Ein verspannter hoher Ton ist nicht schön.

Sind die Tenöre am Nimbus des hohen C in gewisser Weise selbst schuld?

Beczala: Es gibt in vielen Partituren Alternativversionen, die Tradition verlangt aber die höhere. Manche Kollegen lassen sich das nach unten transponieren, damit sie die Linie hinauf schaffen. Meine Philosophie ist: Solange ich kann, singe ich das Orignal, das ist Ehrensache. Ich verurteile aber niemanden, der das anders praktiziert – das Künstlerische muss halt stimmen.

Kürzlich debütierten Sie an der Seite von Anna Netrebko als Lohengrin in Dresden. Ein Riesenerfolg. 2018 sind Sie in Bayreuth nicht dabei. Warum?

Beczala: Das ist für mich kein Thema mehr. Ich könnte jetzt Interna ausbreiten, aber gut... Christian Thielemann hatte die Idee für diese Rolle. Es gab eine Arbeitsprobe in Bayreuth. Und irgendwann war ich raus. Es war ein Prozess. Ich werde den Lohengrin dann eben woanders singen.

José Carreras sagt, früher habe es mehr Stars gegeben. Es sei keine Zeit mehr für Stars.

Beczala: Das finde ich auch. Es liegt an unserer Zeit, sie werden nicht mehr gewünscht.

Das steht aber im Widerspruch etwa zur Aufregung um den Dresdner „Lohengrin“.

Beczala: Gerade nicht. Die Regie ist allgemein gesehen zu mächtig geworden, und in Dresden wurde eine alte Produktion wiederaufgenommen. Da war die Inszenierung nicht wichtig. Ohne uns Sänger wären doch all diese Regie-Konzepte nicht realisierbar. Im Regietheater sind wir austauschbarer geworden. Die Inszenierungen bauen nicht mehr auf den Persönlichkeiten der Beteiligten auf. Ich verstehe unter Star übrigens keinen, der Schampus und Rolls-Royce braucht, sondern einen, der höchste Qualität liefert. Irgendwann wurden diese Stars entmachtet. Auch ein Opernhaus, das sich dem Regietheater verschrieben hat, braucht aber Stars. Wie sollen sonst die Tickets verkauft werden? Wegen des Regisseurs? Der verschwindet spätestens nach der Premiere. Wir bleiben.

Sind die Sänger mitverantwortlich für die Entwicklung, weil sie zu selten Nein gesagt haben?

Beczala: Ich gebrauche dieses Wort ziemlich oft. Aber dazu muss man erst eine gewisse Position erreicht haben. Früher habe ich auch fast alles gesungen und gemacht, was verlangt wurde. Verstehen Sie mich da nicht falsch: Ich bin kein prinzipieller Neinsager, ich liefere schon die Begründung dafür. Es geht ja um keine Montagslaunen, sondern um andere Sichtweisen. Wir Sänger müssen Geschichten auf der Bühne erzählen und davon überzeugt sein.

Hat sich die Einstellung der Sänger allgemein geändert? Die jüngeren Generationen sind vielleicht unbefangener.

Beczala: Ich kenne jüngere Sänger, die alles machen, ohne danach zu fragen, was der Regisseur eigentlich meint. Sie finden es cool, nackt herumzulaufen und Theaterblut zu trinken. Obwohl dadurch der gute Gesang verhindert wird. Ich bin offen dafür, Dinge zu tun, die meine sängerische Leistung um 15 bis 20 Prozent reduzieren. Mehr bin ich nicht bereit zu opfern. Außerdem: Alle aus der jungen Generation wollen an die Met oder an die Scala. Sie orientieren sich noch stärker an den großen Karrieren als früher – anstatt ihre Situation und ihr eigenes Potenzial zu reflektieren. Sie möchten nicht nur gute Sänger sein, sondern gleich in den Olymp. Ein Paradox. Wenn ich mich an Sena Jurinac erinnere, bei der ich studiert habe, oder an Mirella Freni: Sie wollten nie Stars sein, sondern haben einfach hart gearbeitet und Freude daran gehabt. Wenn alles gut läuft und man Glück, Geduld und Mut hat, schafft man schon den Durchbruch.

Waren Sie geduldig?

Beczala: Ja. Gut, ich hatte schon manchmal überlegt, wann ich endlich weiter und an größere Bühnen komme, aber das hielt sich im Rahmen. Met oder Covent Garden lagen für mich früher irgendwo im Himalaja. Der entscheidende Schritt war für mich von Linz nach Zürich, über ein Einspringen. Das war zu einer Zeit, als ich ein bisschen ungeduldig war und Linz mir zu eng wurde.

Inzwischen sind alle Sprünge geschafft. New York, London, Salzburg, München. Denkt man sich manchmal: Von jetzt geht’s nur noch in die andere Richtung?

Beczala: Nein. Ich betrachte meinen Beruf als permanente Entwicklung, einen Stillstand gibt es nicht. Wer von sich behauptet, jetzt sei er oben und super, ist absturzgefährdet. Andererseits singe ich auch nicht fünf neue Rollen pro Spielzeit, um etwas abzuhaken und eine Statistik zu füllen. Mich beunruhigt gerade nichts. Es ist noch nicht der Zenit erreicht. Interessant ist, dass etwas verschwunden ist, und das ist das Einzige, dem man nachtrauern könnte: der Kick, das irgendjemand anruft und einem spontan eine große Möglichkeit eröffnet. Mittlerweile lebe ich durch die Vorplanungen an den Opernhäusern quasi fünf Jahre in der Zukunft. Ich gönne mir aber genügend Ruhe-Inseln. Ich schaffe es, im Jetzt zu leben.

Sie sind auf Facebook sehr präsent. Gehört das heute dazu?

Beczala: Ich habe lange keinen Wert darauf gelegt. Irgendwann dachte ich: Wenn man den Beruf ernst nimmt und die damit verbundene Verantwortung, gehört es auch dazu, dass mich die Leute abseits der Bühne wahrnehmen. Ich kenne viele Fans ja auch persönlich. Wenn ich was grille und ein Foto davon poste – mein Gott, jeder weiß damit, dass ich Fleisch mag. Soweit kann man doch gehen. Ich äußere mich allerdings nicht politisch.

Ihr Landsmann Tomasz Konieczny, der Jupiter in der Salzburger „Danae“, denkt anders und hat das im Interview mit unserer Zeitung auch belegt.

Beczala: Das ist sein Recht. Ich finde dagegen, mein Beruf ist unpolitisch. Sicher habe ich eine politische Meinung. Wir Künstler sind aber dazu verpflichtet, die Leute zusammenzubringen.

Nun schwebt die Kunst allerdings nicht im luftleeren Raum.

Beczala: Das stimmt. Aber das ist wie mit der Opernregie: Man kann den Tod zeigen, sodass alle wissen, wer wen umgebracht hat. Aber man muss dazu nicht literweise Blut oder anderes spritzen lassen.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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