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Angestachelt wird Hias (Max Pfnür) von seiner Mutter Res (Katja Lechthaler).

"Räuber Kneißl" beim Garmisch-Partenkirchner Kultursommer

Das trotzige Kind hinter der Legende

Garmisch-Partenkirchen - Angela Hundsdorfer zeigt den „Räuber Kneißl“ beim Garmisch-Partenkirchener Kultursommer ohne Wilderer-Romantik als Sozialstudie. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik:

Wilderer, Räuber, Mörder – das ist Hias Kneißl. Ein Verbrecher, der für seine Taten mit seinem Leben zahlt. Einsicht zeigt er nie. Er sieht sich als „Opfer der Umstände“. Dass durch seine Hand elf Kinder zu Waisen werden, blendet er aus. Der Kneißl, den Angela Hundsdorfer beim Kultursommer in Garmisch-Partenkirchen auf die Bühne bringt, ist wahrlich kein Sympathieträger. Ein Hallodri, der lieber mit den Mägden tanzt und Bier trinkt oder mit seinen Geschwistern zum Wildern geht. Er fühlt sich unverwundbar, der Bursche, den Max Pfnür energiegeladen und ausdrucksstark in der Bayernhalle zeigt.

Was auf der kargen Bühne passiert, über der zehn Baumstämme unheilvoll schwanken, hat nichts mit Wilderer-Romantik zu tun. Das wird durch die eigenwillige mystische Musik noch verdeutlicht. Hundsdorfer, die auch den Text zu dieser Bayerischen Legende verfasst hat, präsentiert keinen Helden. Eher eine Sozialstudie, die zeigt, wie der Bub, der mit seiner Schwester Kathi ums karge Mahl streitet, zum Kriminellen wird. Eine Karriere, die er quasi von der Pike auf lernt. Angestachelt von der Mutter (Katja Lechthaler), die stolz auf ihren Buben ist, der sie schon als Kind auf die Jagd begleitet. Der lieber zur Belustigung mit seiner Harmonika aufspielt, als sich dem Lesebuch zu widmen. Für die Res ist er „ein richtiger bayerischer Hiasl, einer, der’s den Reichen nimmt und den Armen gibt“.

Dass ihr Sohn genau das nicht tut und nur in die eigene Tasche wirtschaftet – egal. Sie ist es, die ihre drei Kinder (Pia Kolb überzeugt als Kathi, Ferdinand Ascher als zügelloser Alois) ermuntert, ihr Glück beim Wildern zu versuchen. Sie hat die Hosen an beim Schachenmüller. Dieses Umfeld, der frühe Tod des passiven Vaters, der sich auf der Flucht vor der Polizei verletzt und auf dem Weg ins Gefängnis stirbt, die dreitägige Haftstrafe wegen Schulschwänzens und der Verlust der Mutter, die wegen Hehlerei ins Zuchthaus muss, prägen den jungen Hias. Das habe seine Aufsässigkeit geradezu herausgefordert, meint später Lehrer Wagner (Hans Kraus).

Hias wird zum Verbrecher und ignoriert alle, die es gut mit ihm meinen. Den Lehrer, den Gendarm Gösswein (Johannes Schön) und auch seine große Liebe, die Mathilde (Natascha Heimes). Sie ist das eigentliche Opfer der Geschichte. Treu steht sie zu ihrem Hias, versucht, ihm ins Gewissen zu reden. Und scheitert. Auf ehrliche Weise wird ihr Geliebter das Geld nicht zusammenbringen, um den Traum von Amerika zu verwirklichen. Sein schlechter Leumund führt dazu, dass er seine Anstellung als Schreiner verliert. Eine neue findet er nicht.

So wendet er sich wieder der Räuberei zu, treibt ein Katz- und-Maus-Spiel mit der Obrigkeit und wird ob seines vermeintlichen Revoluzzertums von den einfachen Leuten bewundert. Den Mythos Kneißl lässt Hundsdorfer gar nicht erst aufkommen. Sie enttarnt die Legende, zeigt, was hinter der schillernden Gestalt im Kaninchenfell-Mantel steckt. Es ist ein trotziges Kind. Eines, dem stets eingebläut wurde, wie schlecht es der Familie geht. Keiner der Kneißls hinterfragt, was er tun könnte, um diese Abwärtsspirale zu unterbrechen. Der Traum, ins gelobte Land nach Amerika zu gelangen, muss platzen.

Die Projektionen einer vermeintlichen Idylle, die auf der Felswand der Bayernhalle erscheinen, machen das Unvermögen des Hias Kneißl noch deutlicher. Er landet auf der Guillotine. „Nein“, schreit seine verzweifelte Mutter bei der Hinrichtung in die Menge. Durchdringend. Fast bekäme man Mitleid mit dieser Frau, die ihren Sohn doch stets gefördert hat. Mathilde spuckt ihr ins Gesicht. Zu Recht. Sie ist das Opfer.

Weitere Vorstellungen:

31. August sowie 3., 4., 8., 11., 16., 17. und 18. September; Telefon 089/ 54 81 81 81.

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