Rainhard Fendrich - schwarzweiß. Passend zum neuen Album. 

„Schwarzoderweiß“

Interview zum neuen Album: Der politische Fendrich

Rainhard Fendrich spricht in Wien über „Schwarzoderweiß“, sein bislang politischstes Album, das am Freitag (7. Oktober 2016) erschienen ist. 

Am Ende eines furchtbar langen Tages, er hat seine Premierenshow gespielt und 20 Interviews gegeben, lehnt Rainhard Fendrich auf einer Holzbank im Café des Wiener Volkskundemuseums. Ein trübes Wasserglas hat er vor sich, mehr nicht. Der Nieselregen tropft gegen das Fenster. Fendrich stützt das Gesicht in die linke Hand. Er wirkt erschöpft, aber die Augen passen nicht dazu, noch nicht. Sie leuchten. Er will etwas sagen, auch im 21. Gespräch noch. „Man darf nicht abgebrüht werden“, sagt er. Pause. „Es ist der Moment, den man haschen muss.“

Fendrich, der Momentenjäger, seit 36 Karrierejahren jagt er ihnen hinterher. Jetzt also mal wieder ein neues Album, der übliche Promowirbel, die große Tour 2017. Man könnte von ihm erwarten, dass er das mit gelangweilter Routine runterspult, wissend, dass die Fans doch am liebsten „Strada del Sole“ und „Macho, Macho“ hören. Der 61-Jährige aber will mit diesem Album was Neues versuchen. Er legt sein politischstes Projekt vor, „Schwarzoderweiß“, dessen Titellied klar Stellung in der Flüchtlingspolitik bezieht. „Zumachen? Stacheldraht?“, fragt er mit wachem Blick über sein trübes Wasserglas hinweg. „Es kann nicht sein, dass wir vor Menschen einen Zaun ziehen.“ Nicht vor Geflüchteten, „die um ihr nacktes Überleben gelaufen sind“.

Rainhard Fendrich im Gespräch mit Christian Deutschländer. 

Der politische Fendrich, es ist ein Wagnis. Viele haben ihn ja anders in Erinnerung, spaßig, oft gesellschaftskritisch, aber eher auf den Schmunzelnebenplätzen von Männlichkeitswahn, Autovernarrtheit oder Gaffertum. Dass er oft schon gegen Rassismus und Ausgrenzung ansang, 1993 mit „Brüder“ etwa, wie viele wissen das? Lieder zur volatilen Flüchtlingsdebatte zu machen, Stellung zu beziehen für die Aufnahme von mehr Migranten, das schrammt hart an Besserwisserei und Kirchentagsmusik vorbei.

Ihm ist bitter ernst damit. „Die Fronten haben sich verhärtet“, sagt er. „Unterhaltung hat etwas mit Haltung zu tun.“ Also singt er. „Und die so eifrig demonstrieren/ soll’n den Gedanken nur riskieren/ wie’s wär, wenn ihre Kinder hungern und frieren.“ Folkmusik, Chor im Hintergrund. Im Video dazu sprayen Kapuzenträger weiße Herzen auf schwarze Wände. Fendrich will nicht als Naivling dastehen, er möchte schon auch die Graustufen dazwischen sehen. „Ich glaube, dass die Frau Merkel es gut meint, aber die Situation unterschätzt hat“, sagt er. Seinem Album sind diese Zwischentöne nicht so anzuhören. Vielleicht wird er manche Hörer damit auch verprellen? Ein kurzer Blick aus seinen hellen Augen: „Muss ich riskieren.“

Dennoch ist „Schwarz-oderweiß“ kein eindimensionales Album. Dafür sorgen ausgerechnet jene Titel, die aufs Erste nach Langeweile klingen. Das zarte Liebeslied an die Ehefrau: „Du bist schön“, ein Stück über den Zauber des Bekannten. Oder „Wenn Du was willst“, die Kritik am Smartphonewahn. Es ist nicht das Lamento eines Alternden über das ihn überholende Tempo des Fortschritts, sondern ein spöttisches, aber tolles Stück Musik. „Stell dir vor, du woaßt dei Passwort net/ – des war bled.“ Und: „Wenn du was wuist von mir/ wenn di was sticht/ sag mir’s bitte ins G’sicht/ s-m-se es nicht.“

Wer was will von Fendrich, wird ihn Mitte Februar in München hören, die Stimme stark wie immer. Er verspricht viele alte Hits zum neuen Album, vielleicht sogar die „Zweierbeziehung“ zur PS-Schleuder, die heuer übrigens statt am Baum am FPÖ-Wahlplakat endet. Ob das gefällt? Es wird jedenfalls nur diesen Fendrich geben. Andere Projekte, etwa den Traum vieler Fans vom Austria-3-Revival jetzt mit EAV-Mann Klaus Eberhartinger, lehnt er klar ab. „Es war eine reizvolle Installation, eine wunderbare Zeit. Aber es hat mich als Künstler nicht weitergebracht. Es interessiert mich nicht mehr, die Idee zu recyclen.“

Der lange Tag endet. Noch immer Nieselregen, das Wasserglas noch halb voll. Fendrich schlüpft nach draußen, ein erstaunlich kleiner Wagen wartet, fährt ihn davon in die Wiener Nacht.

Information

Rainhard Fendrich: „Schwarzoderweiß“ (Warner).

Rainhard Fendrich spielt am 18. Februar 2017 in der Münchner Olympiahalle; Karten unter 01806/ 57 00 70 oder www.eventim.de.

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