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Sie gibt beim Festival in Garmisch-Partenkirchen nicht nur einen Meisterkurs, vielmehr ist Edita Gruberova auch im Künstlergespräch mit Brigitte Fassbaender zu erleben und wird mit der Richard-Strauss-Medaille ausgezeichnet.

Interview zum Auftakt des Richard-Strauss-Festivals

Edita Gruberova: „Ich habe gehofft, Brigitte vergisst das“

Vor einigen Jahren hat sie sich zuletzt zu einem Meisterkurs überreden lassen, an der Musikhochschule in Köln war das. Doch unterrichten? Edita Gruberova, die letzte Opern-Assoluta unserer Zeit, kann sich damit nicht recht anfreunden.

Ihre Ungeduld, auch die Angst vor der Verantwortung mögen dabei eine Rolle spielen. Umso aufsehenerregender, wenn der Nachwuchs nun doch von der Kunst der Gruberova profitieren darf: Vom 13. bis 16. Juni gibt sie beim Richard-Strauss-Festival in Garmisch-Partenkirchen einen Meisterkurs.

Wer ist auf diese Idee gekommen?

Brigitte Fassbaender. Sie wollte mich vor einiger Zeit für ein Podiumsgespräch haben: Wir unterhalten uns über meine Karriere. Das hat in Innsbruck stattgefunden, als sie dort noch Intendantin war. Sehr lustig war das. Danach wollte sie mich gleich zu einem weiteren Gespräch bei ihrem Garmischer Festival plus Meisterkurs überreden. Ich habe damals den Kurs abgelehnt und gehofft, Brigitte vergisst das. Tut sie aber nicht! Nun soll ich auch noch die Richard-Strauss-Medaille bekommen. Womit habe ich das verdient?

Wenn man Ihre Zerbinetta-Einsätze bedenkt, würde das für mindestens zwei Medaillen reichen...

...ich habe letzten Endes ja in alles eingewilligt. Allerdings habe ich darum gebeten, dass Brigitte die Kandidaten auswählt. Das kann sie besser.

Warum geben Sie kaum Meisterkurse?

Ach, ich fühle mich dazu nicht berufen. Vielleicht weil mir die Praxis fehlt. Ich habe gerade eine Privatschülerin, eine Türkin, die super singt. Von Königin der Nacht bis Violetta, genau mein Repertoire. Aber das ist eben etwas anderes: Ich bin mit ihr allein in meinem Musikzimmer, ohne Zuhörer. Wir arbeiten stundenlang sehr intensiv, ich wundere mich, dass sie das aushält. Ein öffentlicher Meisterkurs ist doch im Grunde schrecklich, wenn die Schüler vor allen anderen kritisiert werden. Auch ich fühle mich beobachtet. Und mancher glaubt wohl, er könne mich in Garmisch singen hören. Daher zur Klarstellung: Ich mache zwar Dinge vor, singe aber nicht! In Köln ist das geschehen, als ich etwas vorführen wollte und auf einmal die ganze Zerbinetta-Szene sang. Das passiert mir nie wieder.

Wie ängstlich sind die Schüler, wenn sie Ihnen gegenübertreten?

Ich versuche, das sofort auszuräumen. Ich selbst habe ja prinzipiell Probleme mit der Situation: Eigentlich sollte sich ein Meisterkurs doch nicht mit technischen Fragen beschäftigen, sondern mit dem Gestalten, mit dem Erzählen durch den Gesang. Aber wenn die Technik nicht ausreicht, ist die Mühe umsonst. Ein Piano zum Beispiel muss von innen heraus erfühlt werden. Letztlich ist es ein langer Prozess, bis man alle diese Gestaltungsstilmittel beherrscht. Manchmal dauert es ein ganzes Karriereleben.

Welche Erfahrungen haben Sie als Schülerin mit Meisterkursen gemacht?

Gar keine, ich habe keine besucht. Ich hatte doch anfangs gar keine Ahnung. Nach dem Konservatorium sang ich zwei Jahre lang in der slowakischen Provinz, rein mit Naturstimme, ohne großes technisches Bewusstsein. Das wurde mir erst klar, als ich später in Wien bei Ruthilde Boesch studierte. An der dortigen Staatsoper durfte ich zwar Königin der Nacht und Olympia singen, meistens allerdings Mini-Partien wie Flora in „La traviata“ oder Tebaldo im „Don Carlo“. Vielleicht war das mein Glück.

Gibt es eine spezifische Strauss-Stimme? Oder kann man sich seiner Musik von vielen Seiten nähern?

Was er für Tenöre geschrieben hat, ist fast unmenschlich. Wenn ich eine Arabella höre, eine Ariadne, eine „Rosenkavalier“-Marschallin oder eine „Capriccio“-Gräfin, dann glaube ich schon, dass es einen typischen Strauss-Sopran gibt. Auch weil hier, man denke nur an die kongenialen Texte Hugo von Hofmannsthals, die Sprache eine ganz besondere Rolle spielt.

Wie haben sich die Voraussetzungen bei jungen Sängern verändert?

Es muss heute alles viel zu schnell gehen. Viele versuchen, mit Mitte 20 in den größten Rollen Erfolg zu haben. Das klappt auch häufig. Aber um welchen Preis? Und wie lange? So einfach ist es nicht, auf den großen Bühnen die größten Partien zu singen. Manchmal braucht man da mehr Nerven als Stimme. Bei vielen jungen Sängern höre ich nur dreierlei: drücken, pressen, schreien. Obwohl: Auch bei berühmten Sängern wundere ich mich über deren Technik – und wie lange sie das durchhalten.

Ob Meisterkurs oder Privatunterricht: Besteht nicht die Gefahr, dass die Schüler ihre Pädagogen nur nachahmen?

Prinzipiell bin ich fürs Nachahmen. Manchmal sage ich auch: „Mach’ mich nach wie ein Papagei.“ Ich kann als Lehrerin doch reden, was ich will: Das eigentliche Verstehen passiert nicht über das Wort, sondern über den Klang. Das Nachmachen allein ist schon eine Kunst, weil man so viele technische Dinge berücksichtigen muss. Ein Lehrer muss einem Erstklässler auch vormachen, wie man ein „A“ schreibt – er spricht doch nicht darüber, wann die Rundung kommt, wann der gerade Strich. Wobei das Ergebnis beim Gesang nicht so peinlich sein sollte wie bei Lucia Aliberti, die nur Maria Callas nachgeahmt hat.

Wird es bei dieser Meisterklasse bleiben?

Ich habe mir gar nichts vorgenommen. Neben der türkischen Sopranistin habe ich noch einen weiteren Privatschüler, einen Slowenen. Dieser Tenor, der übrigens zunächst in eine Bariton-Ausbildung gezwungen wurde, übt jetzt mit mir den Arturo in Bellinis „I puritani“, eine wahnsinnig hohe Partie. Diese Arbeit gefällt mir schon. Aber jetzt bin ich erst einmal auf mich neugierig, wie ich den Garmisch-Partenkirchener Kurs schaffe.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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