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Sven-Eric Bechtolf als Doktor in Thomas Bernhard's 'Der Ignorant und der Wahnsinnige'. 

Schauspielpremiere

Von Lebenslust und Lebenslast: "Doktorspiele" in Salzburg

Salzburg - Gerd Heinz inszeniert bei den Salzburger Festspielen Thomas Bernhards „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ mit einem famosen Sven-Eric Bechtolf.

Das Licht bleibt an. Hell grellt es am Ende von der Bühne ins Parkett, um die Zuschauer dazu zu bringen, die Augen zu schließen und so die vom Autor geforderte Finsternis selbst herzustellen. Es ist eine der raren Regie-Ideen an diesem Abend, immerhin das. Allerdings funktioniert sie nicht – weder als Schlusspunkt der Inszenierung von Thomas Bernhards „Der Ignorant und der Wahnsinnige“, die Gerd Heinz für die Salzburger Festspiele eingerichtet hat. Noch als Kommentar zum „Notlicht-Skandal“, der nach der Uraufführung des Stücks vor 44 Jahren an selber Stelle, im Landestheater, losbrach.

Die letzte Schauspielpremiere des Sommers ist vor allem ein Abschiedsfest für den scheidenden (Interims-)Intendanten des Festivals: Sven-Eric Bechtolf beeindruckte und begeisterte in der Rolle des Arztes am Sonntag das Premierenpublikum. Heinz inszenierte die zweieinhalb Stunden (eine Pause) brav vom Blatt, um Bechtolf möglichst wenig zu stören – und tat gut daran. Annett Renneberg in der Rolle der weltberühmten Koloratursopranistin und Christian Grashof, der deren blinden und versoffenen Vater spielt, chargieren deutlich unter dem Niveau ihres Kollegen.

Nie angestrengt, schon gar nicht affektiert

Thomas Bernhard, der 1952 im Feuilleton unserer Zeitung erstmals als Lyriker auf sich aufmerksam machte, schuf mit „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ eine Sprechoper. Die Konstellation ist scheinbar simpel: Zwei Männer warten auf eine Sängerin, die an jenem Abend zum 222. Mal die „Königin der Nacht“ singen soll. Während auf der Bühne wenig geschieht, findet das eigentliche Drama in der Sprache statt. Bernhard schichtet Satz auf Satz, schlingt Wiederholung um Wiederholung, baut Wortpyramiden, die nur ein versierter Schauspieler bezwingen kann.

Bechtolf glückt dies – und mehr. Scheinbar mühelos bringt er den Text zum Leuchten. So detailliert er die Sektion des menschlichen Körpers schildert (Bernhard hat für den medizinischen Teil ein Skript der Wiener Universität mit dem Titel „Pathologie – Obduktion“ übernommen), so gewissenhaft seziert er selbst die Sätze, zerlegt die Worte in ihre Bestandteile, spürt dem Klang einzelner Silben nach, jongliert mit Betonungen, kostet Satzzeichen und Pausen aus. Dabei wirkt er im Gegensatz zu seinen Mitspielern nie angestrengt, schon gar nicht affektiert. Bechtolfs Doktorspiele sind unterhaltsam, aufregend. Wie’s eben sein soll.

Hinter diesem – auch komischen – Wortwall offenbart sich Bernhards Lebensanalyse in ihrer umfassenden Unerbittlichkeit. Da ist die Abrechnung des Schriftstellers (1931–1989) mit dem Kulturbetrieb, mit Spezialistentum im Allgemeinen. Die Opernsängerin hat ihrer Kunst längst alles Künstlerische ausgetrieben, ist zur „Koloraturmaschine“ geworden, zum perfekten „Mechanismus“. Martin Zehetgruber erzählt eben davon in seinem Bühnenbild: Ihre Garderobe ist vollgestellt mit üppigen Blumensträußen, die so prachtvoll sind wie der Gesang der Sopranistin – und genauso leblos.

Von Lebenslust und Lebenslast

Doch das Drama obduziert nicht nur den Kunstbetrieb und legt dessen Künstlichkeit frei, sondern erzählt auch von Lebenslust und Lebenslast, von der Sinnlosigkeit des Daseins im Bewusstsein des Todes: „Die Existenz“, postuliert der Doktor, „ist wohlgemerkt immer/ Ablenkung von der Existenz/ Dadurch existieren wir/ daß wir uns von unserem Existieren ablenken.“ Da davon kein Mensch ausgenommen ist, hat Zehetgruber den Schminkspiegel im ersten Teil so groß gebaut, dass sich das Publikum selbst darin sieht. Im zweiten Teil werfen die verspiegelten Wände des Luxusrestaurants die Blicke der Zuschauer zurück. Am Ende bricht die Sängerin zusammen – in absoluter Finsternis, schreibt Bernhard.

Bei der Uraufführung, die zugleich das Festspieldebüt des Autors markierte, wollte Regisseur Claus Peymann daher auch das Notlicht im Saal für kurze Zeit löschen. Entgegen der Vereinbarung blieb es jedoch bei der Premiere am 29. Juli 1972 an, vorsorglich hatte die Feuerpolizei sogar den Sicherungskasten abgesperrt. Salzburg hatte seinen „Notlicht-Skandal“; Regisseur und Ensemble (Bruno Ganz spielte damals den Doktor) weigerten sich, am zweiten Abend aufzutreten, wenn das Licht nicht abgeschaltet werden würde. Die Produktion wurde nur noch ein weiteres Mal gespielt, für eine Fernsehaufzeichnung.

Gerd Heinz lässt es nun gleißend hell werden, jedoch nicht hell genug, um das Publikum in kollektive Finsternis zu schicken. Die Wirkung verpufft, als die Königin der Nachtsicht ihre letzten Sätze spricht. Schade. Jubel für Bechtolf, Applaus für die anderen Beteiligten.

Weitere Vorstellungen am 17., 18., 20., 22., 24., 26. und 27. August;

Telefon 0043/ 662/ 8045-500.

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