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Peter Simonischek als Prospero, der von den Geistern seiner Insel den Sturm über dem Meer entfachen lässt.

Salzburger Festspiele

In der Flaute

Salzburg - Peter Simonischek rettet Deborah Warners Salzburger Festspiel-Inszenierung von Shakespeares Drama „Der Sturm“. Lesen Sie hier die Kritik:

„Der Sturm“, das ist in Salzburg „der Simonischek“. Die Kellnerin im Kaffeehaus lacht wissend und der Mann am Zeitungsstandl auch. In Deutschland mag Peter Simonischek in aller Munde sein, weil er in dem Spielfilm „Toni Erdmann“ Welterfolg hat, in Salzburg ist er populär, weil er der große Jedermann unserer Zeit ist. Von 2002 bis 2009 prägte er die Festspiel-Figur (Regie: Christian Stückl). 2016 nun also ist er Prospero in William Shakespeares „Sturm“ – als Einspringer für Hans-Michael Rehberg. Für die Produktion der Salzburger Festspiele, die am Dienstagabend auf der Perner-Insel zu Hallein Premiere feierte, ist Simonischek also wirklich angemessen.

Der scheidende Schauspielchef und Interimsintendant Sven-Eric Bechtolf hat für Shakespeare (1564–1611) die versierte, allerdings nicht gerade konzeptfreudige Britin Deborah Warner engagiert. Sie lässt gern vom Blatt spielen. Dass sie weder in Texttiefen vordringen noch herausfordernd mit Schauspielern arbeiten will (Sprachbarriere?), bewies sie in Salzburg bereits 1993 mit ihrem „Coriolan“ für die Felsenreitschule. Man hat Ausnahmeschauspieler wie Bruno Ganz oder Maria Wimmer nie so schlecht gesehen. Zum Glück haben wir 2016 Peter Simonischek und Jens Harzer (Caliban), die unbeschadet und unbeirrt ihre Figuren modellieren und zu feinem, anrührendem Zusammenspiel finden. Harzer war halt einige Jahre Jedermanns/ Simonischeks Tod. Im Halleiner „Sturm“ ist der wilde, böse Caliban, dieses dunkle Spiegelbild des Luftgeistes Ariel, eben nicht nur Bedrohung und Sklave, sondern eine Art Sohn Prosperos: Erziehung misslungen, aber im Grunde doch geliebt.

Ist die Besetzung des Caliban mit Jens Harzer ein Luxus, sollte die des Ariel mit Dickie Beau wohl die Inszenierungsinnovation sein. Obendrein kann Warner mit ihm einen neuen Performance-Star (Playback-Performance) vorweisen. Dass seine Kunst der Körpersprache nur in kleineren Räumen überleben kann, hat sie dabei übersehen. Ihre Fehleinschätzung macht Ariel zum Ausfall. In der Riesenhalle hat Beau minimale Präsenz, zumal sein Text – ohne jeglichen Erkenntnisgewinn – aus dem Off gesprochen wird von Fiona Shaw (Beau bewegt die Lippen dazu), Angela Winkler und Simonischek. Das wie die Mikroports trüben das Live-Erlebnis Theater.

Immerhin bieten Ausstatter Christof Hetzer sowie Momme Hinrichs und Torge Møller von fettFilm allerhand Theaterspektakel zum Schauen. Die Bühne wirkt wie eine unfertige Land-Art-Inszenierung mit Rechtecken von Kies über Kupfer bis Schlamm. Das Disparate von Prosperos Exil-Insel ist gut nachzuempfinden. Die Videoprojektionen trumpfen als Sturmmacher auf. Meeresgewoge, dass einem fast schlecht wird. Und wenn Prospero Töchterchen samt Gspusi seine Theaterzauber-Unterhaltung bietet, lässt fettFilm die Geister allerliebst tanzen. Herzige (echte) Mäderln im Renaissancekostüm vor Papiertheaterchen runden den Hinweis auf Shakespeares Schauspiel-Reflexionen nett, indes völlig uninspiriert ab. Nach dem Motto: Jetzt ist das auch abgehakt.

Abgehakt werden gleichfalls die Szenen mit den Schiffbrüchigen. Nur peinlich sind die Anspielungen (Schwimmwesten, Schutzfolie) auf heutige Flüchtlinge. Gestandene Schauspieler wie Charles Brauer als treuer Gonzalo, Branko Samarovski als König von Neapel und Prosperos Feind oder Daniel Friedrich als Antonio, der seinem Bruder Prospero das Herzogtum Mailand raubte und ihn samt Töchterchen töten lassen wollte, retten sich ins Handwerk. Ob totale Verzweiflung (Sohn ertrunken), ob Mordkomplott oder ob Wahnsinn, Emotionen und Beziehungen geraten nie in den Sturm, nicht einmal in ein frisches Lüfterl. So dümpelt das Schiff der Inszenierung auch bei den Episoden mit dem lustigen Duo Trinculo und Stephano in der Flaute, bis leises Schnarchen auf der Zuschauertribüne für Luftbewegung sorgt.

Aufmerksam wird das Publikum erst wieder, wenn das entzückende junge Paar staunend und selig die Liebe entdeckt. Sara Tamburini (Münchner Theaterakademie 2015 beendet) zeigt Miranda als ein natürliches 15-jähriges Mädchen, lustig, gütig und klug. So wie sie Prospero und Shakespeare lieben. Maximilian Pulst als Prinz Ferdinand von Neapel zeichnet mit gut dosierter Komödiantik einen drolligen Charmebolzen.

Ja, und da ist noch Peter Simonischek. Er ist der Bühnenzauberer. Denn wenn er in dieser „Sturm“-Aufführung nicht auf ihr steht, zerfällt sie zu Staub. Optisch Typ leicht wirrer Professor im Ruhestand, der sich im Schlurfgewand nur um seine Rosen und Kohlrabi kümmert. Peu à peu deckt der Schauspieler auf, dass dieser Prospero ein Herrscher ist, ein extremer Manipulator, fast ein Schöpfergott. Er war ein Fürst, der einst auf die Macht verzichtete und das beinahe mit dem Leben bezahlen musste. Nun hat er die totale Macht. Shakespeare zwingt ihn indes dazu, sie aufzugeben. Simonischek nimmt diese Haarnadelkurve von Zwang zu Freiheit und von Rache zu Vergebung wundervoll menschlich – und menschlich unsicher, ob das gutgehen wird. Und der Künstler bringt am Ende die Kraft auf, nachdem viele Zuschauer schon vor dem Epilog geklatscht hatten, uns in diese Verse zu ziehen: Sie erflehen von uns Freiheit fürs Theater – aber bitte nicht für Deborah Warner.

Bis 21. August,

Tel. 0043/ 662/ 80 45-500.

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