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In diesem Jahr wird die Lach- und Schießgesellschaft 60 Jahre alt.

Berühmteste Kleinkunstbühne der Republik

60 Jahre Lach- und Schießgesellschaft: Wer nie da war, ist kein Münchner

München - Einst war Konrad Adenauer die Zielscheibe des Spotts, heute ist es Angela Merkel. Die Geschichte der Münchner Lach- und Schießgesellschaft spiegelt ein großes Stück deutscher Geschichte wider. 2016 wird sie 60 Jahre alt. Ein Rückblick.

Der Zuschauerraum hat nur gut 100 Plätze, und bis vor wenigen Jahren maß die Bühne nicht viel mehr als drei, vier Quadratmeter – und doch behauptet sich die Münchner Lach- und Schießgesellschaft seit Jahrzehnten in der Münchner, in der bayerischen, in der deutschen Kulturlandschaft. Altehrwürdig und jung zugleich, mit Leidenschaft geführt, bis heute von Menschen bespielt, die für ihre Kunst brennen. Kaum glaubliche sechzig Jahre wird das bis heute von manchen liebevoll „Laden“ genannte Etablissement in Schwabing im Dezember alt – was die Betreiber aber nicht daran hindert, das Jubiläum schon jetzt zu feiern, mit einer Gala am Montagabend in den Münchner Kammerspielen.

Im Rückblick erweist sich als Idee mit Zukunft, was damals, Mitte der Fünfzigerjahre, auch leicht eine Eintagsfliege hätte bleiben können. Hier Sammy Drechsel, der BR-Sportreporter mit Hang zum Kulturmanagement, dort Dieter Hildebrandt, der talentierte junge Kabarettist, der bis dahin mit einer Truppe namens „Die Namenlosen“ nur für ein warmes Abendessen gespielt hatte. Drechsel fand mit dem Ecklokal an der Haimhauser Straße, das vorher „Pfälzer Hof“ geheißen hatte, das geeignete Theaterchen und brachte als Regisseur die Programme in Form. Am 12. Dezember 1956 hatte „Denn sie müssen nicht, was sie tun“ Premiere, mit Hildebrandt, Ursula Herking, Hans Jürgen Diedrich und Klaus Havenstein. Der Beginn einer Erfolgsgeschichte, die bis heute fortgeschrieben wird.

Sammy Drechsel, der begnadete Organisator, plante Tourneen, sorgte für Fernsehauftritte am Silvesterabend („Schimpf vor 12“) und machte das Ensemble so schnell bundesweit bekannt. Nur wenige Jahre nach dem Ende von Krieg und Diktatur liebte das intellektuell ausgehungerte Bildungsbürgertum die satirischen Spitzen aus München, stets saß viel Prominenz aus der Showbranche in den Vorstellungen und feierte die Truppe für ihre Mischung aus zeitkritischer Schärfe und Schauspielkunst.

Zur Mannschaft hatte sich schon bald als Autor Klaus Peter Schreiner gesellt, das Duo Hildebrandt/Schreiner schuf Programme mit bis heute klingenden Namen wie „Wähl den, der lügt“, „Halt die Presse“ oder „Der Moor ist uns noch was schuldig“. Die „Lach & Schieß“ wurde zur bedeutendsten Kleinkunstbühne Deutschlands, in der Regel waren die Vorstellungen sechs bis acht Wochen im Voraus ausverkauft.

Zwar sorgte Sammy Drechsel mit neuen Darstellern (die idealerweise in seinem „FC Schmiere“ mitkicken sollten) regelmäßig für frisches Blut im Ensemble, über die Jahre schlich sich aber dennoch Routine ein. Im Jahr 1972 ging man auseinander – weil man es schon länger geplant hatte und nicht, weil in Bonn inzwischen nicht mehr die CDU, sondern die SPD den Kanzler stellte. Auf diese Feststellung legt man heute Wert.

Schon damals erklärten nicht nur die Kritiker das Kabarett für tot, schließlich hatte Ende der Sechzigerjahre die Studentenbewegung der leicht elitären Gesellschaftskritik der Kleinkünstler ein wenig den Wind aus den Segeln genommen. Dann ging es vier Jahre später aber doch weiter, mit einer neuen Generation von Kabarettisten, die ebenfalls schnell zu Stars ihrer Zeit wurden – Rainer Basedow, Jochen Busse, Henning Venske. Obwohl der „Laden“ längst zu einer Münchner Sehenswürdigkeit geworden war, dauerte es bis 1981, bis mit Bruno Jonas echtes Bairisch im Herzen Schwabings erklang. Altstar Hildebrandt, dem Haus weiterhin eng verbunden, machte einstweilen im Duo mit dem Österreicher Werner Schneyder weiter.

Die Geburt der Grünen, das Wettrüsten, die „geistig-moralische Wende“ Helmut Kohls waren die Themen jener Jahre. Am 19. Januar 1986 dann der Schock – im Alter von nur 60 Jahren starb Sammy Drechsel, der Spiritus rector des Unternehmens. Seine Assistentin Cathérine Miville übernahm das Kommando in einer Zeit, in der das Kampf-der-Geschlechter-Sujet und die vom Fernsehen gepushte Comedy das Publikum vom Politkabarett wegzulocken begannen. Das längst zur Institution gewordene Theater trotzte dem Trend – noch Jahrzehnte nach Hildebrandts Ausstieg erwartete manch auswärtiger Vorstellungsbesucher sein Erscheinen auf der Mini-Bühne.

Nach der Wiedervereinigung kamen die Sachsen – Simone Solga, Hans-Jürgen Silbermann und Hans-Günther Pölitz nahmen Routinier Rainer Basedow in die Mitte, der mit knapp 20 Jahren bis heute der dienstälteste Akteur in der Geschichte der „Lach & Schieß“ ist. Mit Andreas Rebers und der „Polkakrise“ begann dann eine neue Ära, die Kontinuität der über viele Jahre nur auf einzelnen Positionen veränderten Mannschaften endete. Seit der Jahrtausendwende gab es immer wieder völlig neue Ensembles, die sich oft schon bald wieder auflösten, zeitweilig war der „Laden“ ganz ohne eigene Truppe.

Im Jahr 2001, unter dem neuen Geschäftsführer Till Hofmann, war auch der Umbau der in die Jahre gekommenen Räumlichkeiten in Angriff genommen worden. Die Bühne wurde verlegt und vergrößert, der Zuschauerraum gleicht nun mehr einem Kaffeehaus als einer Bahnhofskneipe, nur Dieter Hanitzschs berühmt gewordene karikaturistische Porträts der Akteure der frühen Jahre zieren nach wie vor die Wände.

Schon lange ist die Lach- und Schießgesellschaft auch Gastspielbühne – nicht nur die Großen des Kabaretts, von Hanns Dieter Hüsch bis Mathias Richling, sondern auch Grenzgänger zwischen den Genres wie Bülent Ceylan oder Ina Müller nutzten die Auftritte, um ihre Popularität zu dokumentieren oder zu mehren. Und auch wenn der Name nicht mehr mit der gleichen Ehrfurcht ausgesprochen wird wie noch vor 30, 40 Jahren, so sind die Münchner doch alarmiert, wenn die Existenz des „Ladens“ in Gefahr ist. Ein Dissens zwischen Pächter Hofmann und dem Hauseigentümer vor rund einem Jahr über die künftige Höhe der Miete wurde schnell beigelegt, zur Beruhigung aller Kabarettfans und der (Stadt-)Politik.

Mit Dieter Hildebrandt starb vor bald drei Jahren Nachkriegsdeutschlands prägendster Kabarettist, zugleich der letzte Veteran des Ur-Ensembles. Sein Erbe lebt weiter. Und auch wenn die aktuelle Truppe – Caroline Ebner, Sebastian Rüger, Frank Smilgies und Norbert Bürger – ein ganz anderes Publikum bedient, so gibt doch schon der Programmtitel „Wer sind wieder wir“ augenzwinkernd die Marschroute vor. Man wagt immer wieder Neues – und bleibt sich doch treu.

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