Sitzfleisch und Lebenskraft

- "Eine Seite pro Tag, dann kommt irgendwann ein Lebenswerk dabei heraus." Siegfried Lenz hatte gut reden. Schließlich kann er auf ein stattliches Lebenswerk zurückblicken. Und ausgezeichnet wurde er gestern im Münchner Cuvilliéstheater auch dafür - mit der Commedia dell`Arte-Figur Corine, dem Internationalen Buchpreis des Verbandes Bayerischer Verlage und Buchhandlungen. (Übertragung der Gala im Bayerischen Fernsehen am 9. November um 20. 15 Uhr, in 3 sat am 10. November um 11. 25 Uhr).

Für "Sitzfleisch und Starrsinn" erhalte er den Ehrenpreis des bayerischen Ministerpräsidenten, kokettierte der Autor von "So zärtlich war Suleyken" und "Deutschstunde". Während sein guter Freund und Verleger Heinz Friedrich die Lebenskraft beschrieb, die man in Lenz` Werk spüre, während er den "Wahrheitsschreiber" hervorhob und sein Engagement als Heimatloser, sich eine neue deutsche Heimat zu erschreiben. Lenz aber witzelte fröhlich weiter: "Solche Ambivalenz wie die der Porzellan-Dame Corine steht auch der Literatur gut an. Ich werde sie neben den Taucherhelm platzieren, den mir die Hamburger Hafentaucher für ,Der Mann im Strom` verliehen haben." <BR><BR>Viel hat der Brasilianer Paulo Coelho mit dem großen deutschen Gegenwartsautor zwar nicht gemein, in puncto Ambivalenz mag er ihn allerdings übertreffen: Der Ex-Hippie und einstige Protestliedschreiber vereint in sich den Bestseller-Autor mit der Aura eines modernen Propheten. Keinen Besseren hätte die Jury finden können, um das Kriterium "Frage nach dem Sinn des Daseins" zu erfüllen. Für die Antworten fühlt sich Coelho denn auch nicht zuständig: "Ich belehre niemanden, ich fordere nur heraus, was eine Person bereits in sich trägt." <BR><BR>Seit Oktober ist Coelho Mitglied der brasilianischen Akademie der Dichtung: "Man kann nicht immer Samurai bleiben und alleine kämpfen", sagte er und will sich im Verbund mit den übrigen Erlauchten der Beförderung der brasilianischen Literatur widmen. Man sollte meinen, dass dieser Mann bereits alles erreicht hat. Aber nein, er erwartet sich noch immer von jedem Tag ein Wunder und staunt über den Fortgang seines als Reise begriffenen Lebens. <BR>Die soll künftig erneut durch musikalische Gefilde führen: Coelho will wieder Lieder texten. Er bespricht sich bereits mit Peter Gabriel und kündigte lächelnd an: "Peter and Paul". <BR><BR>Wie Coelho ist Waris Dirie überzeugt, man müsse nur ganz fest an etwas glauben, dann werde es sich erfüllen. Die Somalierin, die neben ihrer Laufbahn als Top-Model "Wüstenblume" schrieb, das Protestbuch gegen Frauenbeschneidung, staunt noch immer: "Ich dachte, das interessiert keinen." Und nun ist sie UN-Sonderbotschafterin. <BR><BR>"Man kann nicht immer Samurai bleiben." <BR>Paulo Coelho <BR><BR>"Wie eine Prinzessin" fühlte sich indessen Barbara Wood ob der Auszeichnung für "Himmelsfeuer" und versprach, sie arbeite an ihrer Beförderung zur "Queen". Immerhin 5000 Leser des Weltbild-Verlags stimmten für sie. <BR><BR>Ähnlich großer Beliebtheit, jedenfalls im deutschsprachigen Raum, erfreut sich der "Element-of-Crime"-Sänger Sven Regener. Dessen "Herr Lehmann" - "ein Buch, über das selbst Reich-Ranicki lachen musste", so ein Juror - wird beim Welttag des Buches im April 2003 von ganz Berlin in einer Art Staffellauf gelesen und bereits verfilmt. Zwar hat Regener das Drehbuch für Regisseur Leander Haußmann geschrieben, doch was letztlich dabei herauskommt, weiß er nicht. Etwas bang gesteht er: "Ich bin nicht zum Drehen eingeladen." <BR><BR>Von Jacques Perrin wiederum existierte zuerst der Film "Nomaden der Lüfte", für den dazugehörigen Bildband über Zugvögel hat er sich nun diesen Preis verdient. Unumstritten ist das Verdienst Astrid Lindgrens, die postum mit der Corine für Kinder- und Jugendliteratur geehrt wurde. <BR><BR>Nicht zuletzt diese Entscheidung macht deutlich, dass es sich beim Internationalen Buchpreis um ein Marketing-Instrument handelt. So blieb als einzig wirklich richtungsweisende Auszeichnung die des Wirtschaftsbuchs "Die deformierte Gesellschaft" von Meinrad Miegel übrig: eine unbequeme Zustandsbeschreibung des deutschen Sozialstaats. Kein Buch des Jammers, sondern eines, das Lösungen aufzeigt und mit der Corine womöglich leichter Leser der unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten erreicht. <BR>

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