1. Startseite
  2. Kultur

Sonderopfer Kultur: Konzertveranstalter klagt gegen bayerische Corona-Regeln

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Markus Thiel

Kommentare

Isarphilharmonie
Zu viel zum Sterben, zu wenig zum Leben: Blick in die schütter besetzte Isarphilharmonie. Für Privatveranstalter rechnen sich Konzerte mit 25 Prozent Platzausnutzung so gut wie nicht mehr. © Stephan Rumpf

Konzerte würden gegenüber der Gastronomie benachteiligt: Dies kritisiert Andreas Schessl, Chef von MünchenMusik. Nun klagt er gegen Bayerns neue Corona-Regeln.

„Ich will das so nicht akzeptieren.“ Andreas Schessl, Geschäftsführer von MünchenMusik, geht juristisch gegen die neuen Corona-Regeln des Freistaats Bayern vor. Einer der größten Konzertveranstalter Europas hat Klage vor dem Bayerischen Verwaltungsgerichtshof und dem Bayerischen Verfassungsgerichtshof erhoben. Konkret stößt sich Schessl an einer „Schlechterstellung der Konzerte gegenüber der Gastronomie“.

Geimpft oder genesen, zusätzlich ein negativer Test, Maskenpflicht am Platz, Abstandsgebot, Angehörige nur eines Haushalts nebeneinander und eine Einschränkung der Kapazität, all dies bedeute gegenüber der Gastronomie ein „Sonderopfer“, kritisiert Schessl. „Ich kann also mit Wildfremden ins Lokal, aber nicht neben meinen erwachsenen Kindern im Konzert sitzen. Das ist haarsträubend.“

De facto ein Lockdown für Privatveranstalter

Wie mehrfach berichtet, dürfen Kulturveranstalter in Bayern derzeit nur 25 Prozent der Karten verkaufen – vorausgesetzt, die Inzidenz liegt unter 1000. Besucherinnen und Besucher müssen geimpft oder genesen sein und zusätzlich einen negativen Corona-Test vorlegen. De facto bedeutet dies einen Lockdown für die nicht subventionierten Privatveranstalter. Derzeit werden reihenweise Termine abgesagt, nicht unbedingt aus Angst vor der Pandemie, sondern weil sich so wenig Publikum einfach nicht rechnet.

„Entweder, man sperrt alles zu, oder man erlaubt Rahmenbedingungen für Konzerte, sodass sie sich überhaupt durchführen lassen“, sagt der Chef von MünchenMusik. Er trage Entscheidungen der Politik zur Eindämmung der Pandemie grundsätzlich mit – „aber nicht wenn einzelne Bereiche herausgepickt und schlechtergestellt werden“.

Andreas Schessl: Pilotstudien werden ignoriert

Wieder einmal, und mit dieser Einschätzung ist Schessl nicht allein, spielen also Ergebnisse von wissenschaftlichen Studien kaum eine Rolle. Unter anderem hat eine Expertise, für die das Klinikum rechts der Isar, die Technische Universität München und die Bayerische Staatsoper zusammenarbeiteten, ergeben, dass die Ansteckungsgefahr in gut belüfteten Sälen und mit einem entsprechenden Hygienekonzept minimal sei. Zudem konnten zum Beispiel die vergangenen Salzburger Sommerfestspiele bei Vollbelegung, Maskenpflicht und Kontrollen von Impfungen, Genesungen oder Tests reibungslos durchgeführt werden. Bei insgesamt rund 230 000 Besuchern wurden lediglich zwei positiv Getestete festgestellt.

Eine Klage gegen die Corona-Einschränkungen im Kulturbereich ist nicht neu. So zog etwa die Münchner Initiative „Aufstehen für die Kunst“ um die Sänger Wolfgang Ablinger-Sperrhacke, Kevin Conners und Christian Gerhaher sowie den Dirigenten Hansjörg Albrecht vors Verfassungsgericht. Auch sie stützte sich hierbei auf Erkenntnisse von Pilotstudien. In ihrer Klagebegründung führte sie das Recht auf Kunstausübung an und verglich dieses mit der ebenfalls verfassungsrechtlich garantierten Religionsfreiheit. Vor dem Bayerischen Verwaltungsgerichtshof hatte die Initiative damit keinen Erfolg, das Urteil in einer Popularklage steht allerdings noch aus. In „normalen Zeiten“, davon ist Andreas Schessl überzeugt, hätte er keine Bedenken, was den Erfolg seiner Klage betreffe. „Aber mir geht es auch darum: Wir wollen uns Gehör verschaffen und diese Situation anprangern.“

Auch interessant

Kommentare