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Nur privat auf Augenhöhe: Anna Netrebko und ihr Ehemann Yusif Eyvazov. Ohne diese Verbindung würde der Tenor von prominenten Häusern wohl kaum so häufig engagiert werden.

Streifzug durch die Bühnenwelt

Stars mit Sättigungsbeilage

München - Immer mehr Ehepaare machen in der Oper gemeinsame Sache, nicht immer zum Wohle der Qualität: Ein Streifzug durch die Bühnenwelt.

Das Schöne ist: Die Bühnenküsse sind echt. Nicht so verschämt und knapp neben den Mundwinkel platziert. Der Mythos Traumpaar – hier wird er gelebt bei den Verliebten, Verlobten, Verheirateten, die derzeit die Opernbühnen fast im Übermaß bevölkern. Dass privat Verbandelte auch im Beruf gemeinsam auftreten, ist ja kein neues Phänomen – ob Musiktheater, Schauspiel, Schnürsenkelfabrik oder Gemeindeverwaltung. Ein Phänomen, gegen das nichts einzuwenden wäre, wenn da nicht ständig die Vetterleswirtschaft lauern würde. Dass zwei Ebenbürtige gemeinsame Sache machen, ist nämlich die Ausnahme. Der Opern-Standardfall lautet daher: Star mit Sättigungsbeilage.

Ein Vertrag mit dem Promi, nur wenn auch das „Nebengeräusch“ engagiert wird – ein heikles, ein heißes Thema. Naturgemäß will kein Intendant, keine Agentur, kein Veranstalter darüber offiziell Auskunft geben. Hinter vorgehaltener Hand wird aber bestätigt und beklagt, dass solche Doppelpacks längst zum Tagesgeschäft der Besetzungsbüros gehören. Ein Handel, bei dem das Künstlerische eher die nachrangige Rolle spielt. Nur so lassen sich auch einige aktuelle Höhenflüge erklären, zum Beispiel der des Aserbaidschaners Yusif Eyvazov.

Der 39-Jährige ist ein sympathischer, wackerer, wetterfester Gebrauchstenor und taucht plötzlich auf den Gagenlisten von New Yorker Met, Deutscher Staatsoper Berlin, Bayerischer Staatsoper, Wiener Staatsoper und Salzburger Festspiele auf. Nicht nur weil er an diesen Bühnen oft große Kollegen während der Probenphase gecovert hat, sondern vor allem weil er seit fast einem Jahr mit Anna Netrebko verheiratet ist. Dass Eyvazov 2017 in der Salzburger „Aida“ an der Seite seiner Frau sogar den Radames übernehmen darf, erscheint künstlerisch kaum gerechtfertigt. Vorteil für die Festspiele freilich: Das offensiv ausgelebte Privatleben der beiden beschert dem ins Normal- bis Mittelmaß gerutschten Salzburg endlich wieder Glamour.

Doch auch sonst kommt es zu überraschenden Verträgen. Wäre Sir Simon Rattle nicht Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, dann wäre wohl seine Frau Magdalena Kožena (die seit Längerem ihrer Form hinterhersingt) dort nie so oft engagiert worden. Ohne den Einfluss des Salzburger Interims-Intendanten Sven-Eric Bechtolf hätte Anett Fritsch bei diesem Festival mutmaßlich nie die Filetpartie der „Figaro“-Gräfin bekommen. Auffallend häufig taucht auch Bassbariton Nicolas Testé auf den Besetzungszetteln auf, die von seiner Frau Diana Damrau angeführt werden. Beim Blick zurück fallen einem ohnehin Dutzende Beispiele ins Auge, etwa die häufigen gemeinsamen Auftritte von Star-Tenor Peter Seiffert und seiner Frau Petra Maria Schnitzer. Und manchmal glückt sogar eine Wiederauflage des Traumpaar-Modells. Nicht nur bei Sopranistin Anna Netrebko, früher einmal mit Erwin Schrott verbandelt, sondern auch im Falle eines Tenors: War Roberto Alagna zunächst regelmäßig an der Seite der zickenkriegslüsternen Diva Angela Gheorgiu zu erleben (die ihm häusliche Gewalt vorwarf), tritt er nun gern mit seiner zweiten Frau Aleksandra Kurzak auf – so wie gerade bei den Münchner Opernfestspielen in „La Juive“.

Alles verdammenswert und verabscheuungswürdig also? Das wäre zu brutal geurteilt – auch wenn diese Praktiken Vertragsabschlüsse mit künstlerisch Geeigneteren oft verhindern und qualitativen Erwägungen entgegenwirken. Ein Geschacher ist es trotzdem. Doch die Opernszene hält derlei Fragwürdigkeiten aus. Zumal es ja nicht nur das Modell Sättigungsbeilage gibt, sondern auch ein viel besseres: das der Symbiose.

Ein Künstlerduo, das erst im Zusammenwirken zu großer Form aufläuft, weil man sich gegenseitig braucht, weil man sich emotional und inhaltlich anstachelt, das gibt es – wenn auch seltener. Lang ist es her, aber das Ehepaar Joan Sutherland und Richard Bonynge ist ein solches Paradebeispiel. Gemeinsam besorgten die beiden Australier in den Sechziger- und Siebzigerjahren eine Neubewertung der Belcanto-Oper. Sie aufgrund ihrer stimmlichen Fertigkeiten, er aufgrund seiner musikalischen Forschungen und Dirigate. Anfangs wurde über Bonynge heftig gespottet, er galt als eine Art Schoßhündchen mit Taktstock. Der Respekt vor seiner Leistung verdrängte jedoch bald die Häme.

Vergleichbar ist mit diesen beiden das Gespann Edita Gruberova/ Friedrich Haider – ein Paar, das sich nie zu einem Trauschein durchringen mochte und sich nach vielen Jahren wieder trennte. Haider ist selbst klar, dass er nicht zur Genie-Riege der Dirigentenzunft zählt. Aber seine umsichtige Kapellmeisterarbeit, sein verlässliches, durch Reflexion abgesichertes Handwerk war eben genau das, was die Assoluta bei ihren Vokalseiltänzen brauchte. Mancher Intendant mag Haiders Engagement nur mit Zähneknirschen akzeptiert haben. Die Wahrheit ist aber auch: Viele andere Dirigenten sind sich für den Belcanto zu fein.

Die Begegnung auf Augenhöhe, die Annäherung zweier Gestirne, die sich plötzlich in innigster, eben auch künstlerischer Zweisamkeit umkreisen, das ist wohl der seltenste Fall. In München ist das passiert, als Julia Varady, dieser dunkel lodernde Feuerball, auf dem die Vulkane wüten, plötzlich der kühl-gleißenden Sonne in Gestalt von Dietrich Fischer-Dieskau begegnete. Zwei Menschen aus künstlerisch völlig verschiedenen Richtungen, dabei aber unangefochten in ihrer Bedeutung und Ausstrahlung. Regelmäßig traten sie zusammen auf, in Wagners „Meistersingern“, in Puccinis „Mantel“, in Strauss’ „Arabella“, in Reimanns „Lear“. Kein Gedanke wurde damals daran verschwendet, ob das künstlerisch gerechtfertigt war – was sich freilich etwas änderte, als Fischer-Dieskau die Rolle des dirigierenden Partners einnahm. Das ideale Opernpaar demnach? Ein ähnlicher Musterfall wie die Verbindung von Mirella Freni und Nikolai Ghiaurov?

Mag sein, dass zur Vetterleswirtschaft in dieser Szene zwei Seiten gehören. Die Ehepaare, die sich ihre gemeinsamen Auftritte über ihre Agenturen vermitteln und sehr gut bezahlen lassen. Aber eben auch ein Publikum, das nach solcher Zweisamkeit giert – egal, wie sie klingt. „Traumpaar“ ist der womöglich inflationärste Begriff der Bühnenwelt. Wo es in 99,8 Prozent der Opern – abgesehen von Pfitzners „Palestrina“ oder Hindemiths „Mathis der Maler“ – um steigende Säfte und die verheerenden Wirkungen von Hormonen geht, wird das nur zu gern aufs Private projiziert. Noch heute mag mancher bei der Vorstellung verzückt aufstöhnen: Ach hätte damals, als die Stimme noch vorhanden war, Rolando Villazón doch nur „seine“ Anna Netrebko geheiratet. Die hat sich nun einen anderen, vokal ebenfalls Anfechtbaren geangelt. In einem Genre, das mit dem schönen Schein spielt, ist solches eben systemimmanent – und damit nicht zu verhindern.

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