Auf der Suche nach den blinden Flecken

- Arthur Miller ist Schulstoff, aber die Schauburg, das Münchner Theater der Jugend, zeigt gerade nicht, was die Schüler ohnehin lesen. Also nicht "Tod eines Handlungsreisenden", sondern "Ein Blick von der Brücke", das in Brooklyn spielende Einwanderer-Drama. Thorsten Krohn, ständiger Gast an der Schauburg, spielt Eddie Carbone, der mit der Veränderung seiner Welt nicht zurecht kommt. Die Premiere von Gil Mehmerts Inszenierung ist heute um 19.30 Uhr (Tel. 089/ 23 33 71 71).

<P>Das Stück zeigt die Erfahrungen von Einwanderern und Racheakte sizilianischer Machart. Ist Ihnen der Stoff daher fremd?</P><P>Krohn: Es gibt ja eine Aufführungstradition, deren Bilder man im Kopf hat. Dieser Arbeitsmühle wie der der Hafenarbeiter nähere mich spielerisch an. Nun bin ich kein Spezialist für Arthur Miller, sondern geprägt vom Ciulli-Theater mit seiner philosophischen Sicht der Dinge, das eine eigene Welt kreiert und dabei zugleich den Globus umfasst. Bei Miller wird eher die Lupe auf einen Ausschnitt gehalten.</P><P>Was könnte heutige, hiesige Jugendliche an diesem sozialkritischen Erwachsenenstück interessieren?</P><P>Krohn: Einige Themen betreffen sie stark: die Loslösung vom Elternhaus, die erste Liebe. Außerdem ist unsere Gesellschaft von Einwanderern geprägt, die vielleicht schon in der dritten oder vierten Generation hier leben. Einige sind bereits hineingewachsen, andere leben in einer ganz anderen Welt. Es geht auch um Besitzstandswahrung, um die Frage: Wie weit haben wir es geschafft in der gesellschaftlichen Pyramide? Wir aktualisieren das nicht. Unsere Erzählweise ist aber eine heutige. </P><P>Trotzdem: Wie geht man mit dieser etwas muffigen 50er-Jahre-Moral im Jugendtheater um?</P><P>Krohn: Die Frage habe ich mir auch gestellt. Arthur Miller ist Schulstoff. Es ist legitim, ein Stück der Literaturgeschichte in einer Art und Weise zu zeigen, die die Hirne öffnet. Im Übrigen ist der Kern des Stücks ein sozialer: Die Figuren bewegen sich in einem sozialen Spannungsfeld, helfen anderen Menschen und geraten dabei an den Rand der Legalität.</P><P>Wie fühlen Sie sich als nicht mehr ganz junger, starrsinniger Eddie Carbone?</P><P>Krohn: Ich glaube, der ist meine Generation, um die 40. Seine Gefühle sind leicht nachzuvollziehen, nur kann er sie nicht formulieren, sie nicht auflösen und muss deshalb scheitern. Es geht um Liebe und Leidenschaft, und das Verbotene schlägt ihm ein Schnippchen. Als Vater wachse ich in das Rollenfach gerade hinein: Wann muss man schützen, wann loslassen? </P><P>Kann man Eddies Verhalten ausschließlich mit seiner Leidenschaft erklären?</P><P>Krohn: Sie steht im Vordergrund. Man steckt Einiges in die Erziehung eines Kindes, in diesem Fall Eddies Nichte, und bekommt auch viel zurück - eine enge Bindung. Plötzlich steht mit Catherine eine erwachsene Frau vor Eddie. Eine explosive Situation. Sein Konflikt ist ein blinder Fleck: etwas, das man nicht sehen will und dann auch nicht mehr sehen kann. Die Frage ist also: Wo hat man seine blinden Flecken und warum?</P><P>Macht es sich der Schluss nicht etwas einfach mit seiner Belehrung "Es ist besser, Kompromisse zu schließen"? </P><P>Krohn: In unserer Inszenierung halten wir uns mit einer Wertung zurück. Auch das Stück wertet eigentlich nicht. Es zeigt einen Konflikt zwischen leidenschaftlich Blinden und aufgeklärt Urteilenden. Es ist die immer gleiche alte Geschichte: Keiner meint es böse, und doch kommt es zur Katastrophe. Aber man wird mit der Unfertigkeit der sozialen, kulturellen, geistig-emotionalen Verhältnisse, immer leben müssen.</P>

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