+
Zurück in ihrer Heimatstadt: Tanja Graf leitet das Münchner Literaturhaus. 

Interview mit der neuen Leiterin des Münchner Literaturhauses

„Wir stehen im Dienst des Autors“

München - Tanja Graf ist die neue Leiterin des Münchner Literaturhauses. Die Münchnerin, Jahrgang 1962, machte nach dem Studium eine Buchhändlerlehre. Sie war Lektorin und Programmleiterin etwa bei Piper und Diogenes und gründete selbst einen Verlag. Wir trafen sie zum Gespräch. 

Sie sind noch nicht lange Chefin hier, können sich also noch erinnern, was sich die Buchhändlerin, die Lektorin oder die Verlegerin von einem Literaturhaus gewünscht hätte?

Ich habe das Literaturhaus vor allem als Verlegerin und Lektorin kennengelernt – in der Betreuung meiner Autoren, die hier Veranstaltungen hatten. So habe ich das Haus als ideale Vermittlungsstätte zwischen Leser, Autor und Verlag erlebt.

Waren nie Wünsche von der Nutzerseite offen?

Das Münchner Literaturhaus „nützt“ der Literatur in dreifacher Hinsicht. Zum einen gibt es die Veranstaltungen mit Autoren, zum anderen die Ausstellungen, die Reinhard Wittmann toll etabliert hat – Literatur dreidimensional darzustellen ist ja eine besondere Kunst –, und zum dritten die Akademie des Schreibens für angehende Schriftsteller. Wir sprechen den Leser, den Verfasser und die Branche an; wir sind ein Treffpunkt für alle, die Bücher lieben. Unser Publikum wünscht sich natürlich, dass Themen aufgegriffen werden und Debatten stattfinden, und das wollen wir auch bieten. In den Anfängen des Literaturhauses dominierten die belletristischen Lesungen. Das hat sich gewandelt. In den vergangenen Jahren haben Sachbücher immer mehr Gewicht bekommen, weil die Auseinandersetzungen von Fachleuten auf einem Niveau stattfinden, das ein großes Publikum anspricht.

Wollen die Verleger solche Diskussionen oder doch lieber nur ihre Bücher bewerben?

Das eine schließt das andere nicht aus. Sie wollen für ihre Autoren Öffentlichkeit erzeugen; das ist die Grundidee des Verlegerseins. Uns im Literaturhaus ist daran gelegen, dass jede Veranstaltung eine runde Sache wird: Dazu gehören ein guter Moderator, gute Schauspieler, gute Dolmetscher. Es ist wichtig, dass die Abende perfekt choreografiert sind. Dass sie auf den Autor und dessen Text abgestimmt sind. Nur dann überträgt sich der Funke vom Künstler aufs Publikum – was man am Ende daran ablesen kann, wie viele Exemplare am Büchertisch verkauft und signiert werden. Eine Autorenlesung kann eine echte Bereicherung für das Publikum sein. Ich bin der Meinung, dass gute Veranstaltungen immer wichtiger werden, je mehr sich die Menschen im Internet bewegen. Das Interesse an der realen Begegnung mit einem Dichter wird größer, je mehr man in der virtuellen Welt unterwegs ist.

Worauf muss man achten, wenn man ein Literaturhaus in München führt?

Das Literaturhaus soll gut zur Stadt und zu ihren Bewohnern passen – und laufend neue Literaturbegeisterte gewinnen. Entsprechend haben wir ein ausgedehntes internationales Programm, das Weltläufigkeit, Liberalität und die Freiheit des Wortes spiegelt. Gleichzeitig sind wir fest verwurzelt in Stadt und Region. Wir wollen Heimatliteratur ohne Ideologie auf eine zeitgemäße Art anbieten. Das Literaturhaus München hat zwei „Säulenheilige“, die beweisen, dass dies möglich ist: lokale Verbundenheit und Weltläufigkeit. Nämlich Oskar Maria Graf und Thomas Mann. Graf, der aus Berg stammt...

...und bis New York kam...

...und den Großteil seines Lebens in New York verbrachte – in Lederhose. Fürs kommende Jahr bereiten wir eine große Graf-Ausstellung vor. Im Juni 2017 jährt sich sein Todestag zum 50. Mal, und das Literaturhaus besteht 20 Jahre. Das wird eine umfassende Koproduktion mit Münchner Institutionen.

Stichwort: Themen. Wie greifen Sie Aktuelles – wie jetzt Nationalismus, Flucht, Migration – auf?

Das Literaturhaus bezieht am besten Stellung, wenn es Autoren einlädt, die etwas dazu zu sagen haben. Gut ist, wenn dem Publikum klar wird, dass Literatur auch immer eine Orientierungshilfe geben kann. Nicht im Sinne von Ratgeberliteratur, sondern im Sinne, dass man etwas lernt über andere Kulturen, über das Miteinander, über Religion oder Meinungsfreiheit. Hier ist der ideale Ort, um zu zeigen, dass die Welt komplex ist – und dass die Literatur Denkräume öffnet.

Konnten Sie das Herbstprogramm bereits selbst prägen?

Ja, seit Juli verantworte ich das Programm. Gestaltet haben wir es gemeinschaftlich, mit dem bewährten Team des Literaturhauses. Was ich im Moment als Herausforderung sehe, ist, dass man die Neuerscheinungen vorstellen, aber zugleich selbst konzeptuelle Schwerpunkte setzen möchte. Die mittel- und langfristige Planung muss parallel zur aktuellen laufen – darauf wollen wir achten. Wir wollen uns außerdem Termine freihalten, um spontan auf aktuelle Themen reagieren zu können. Dabei müssen wir immer unsere Mission im Auge behalten.

Wie sieht die aus?

Die Mission des Literaturhauses ist, Literatur in die Stadt zu bringen. Wir wollen unser Stammpublikum erhalten und neues dazugewinnen. Das geht, indem man neue Formate, Uhrzeiten, Kooperationen einführt.

Gehört dazu das Kino?

Unbedingt. Wir veranstalten am 13. September im City die Vorpremiere der Romanverfilmung „Tschick“ von Fatih Akin. Dies begleitend zu unserer Ausstellung „,Zitate‘ Bilder von Wolfgang Herrndorf“ (bis 25. September; Anm. d. Red.), dem Autor des Romans „Tschick“. Das Kino war sofort ausverkauft. Wir glauben, es ist eine gute Möglichkeit, die Aufmerksamkeit auf unser Haus zu lenken und neue Besucher anzulocken.

Sie haben diese Institution vom, wenn man so will, Gründungsdirektor übernommen. Wie sehr steht man unter eigenem oder fremdem Druck, etwas Neues entwickeln zu müssen?

Ich sehe es entspannt. Das Haus war enorm erfolgreich, und deswegen wäre es nicht angemessen und auch nicht klug, nun alles umzukrempeln. Aber: Bei unserer Aufgabe, Autor und Leser zusammenzubringen, werden wir auch neue Wege beschreiten.

Sie sind als Lektorin und Verlegerin mit Schriftstellern umgegangen. Welche Verhaltensregeln sollte man beherzigen?

Autoren sind das Wichtigste, und so sollen sie behandelt werden. Sie stehen an erster Stelle. Ein Schriftsteller braucht das richtige Forum. Man muss eine große Sensibilität an den Tag legen bei der Auswahl der Moderatoren und Gesprächspartner, damit der Künstler ins Licht gerückt wird und sich gleichzeitig auf Augenhöhe unterhalten kann. Wir stehen im Dienst des Autors und des Textes in dem Bestreben, beide zum Glänzen zu bringen.

Machen Sie beim Literaturfest im November noch mit?

Wir sind mit einem tollen Programm unter dem Motto „Die Welt erzählen“ wieder dabei. Ich will nichts in Frage stellen, bevor ich es nicht einmal miterlebt habe. Es ist ja das beliebteste und erfolgreichste Münchner Lesefestival des Jahres.

Was ist Ihr größter Wunsch für die kommenden Jahre?

Dass es uns gelingt, weiterhin Menschen für Literatur zu begeistern, auch junge! Im kommenden Jahr wird Frankreich eine große Rolle spielen. Was wir angehen, ist die Houellebecq-Ausstellung, die gerade in Paris läuft. Die würde ich wahnsinnig gern herholen, weil Michel Houellebecq ein Seismograf unserer Gesellschaft ist. Und wir wollen in Zukunft noch mehr in Themen denken, Literatur mit Musik, mit Kunst, mit Film kombinieren. Deswegen freuen wir uns besonders auf die Helmut-Dietl-Ausstellung.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Kirk Douglas wird 100: Der Titan des Jahrhunderts

Los Angeles – Wie ein Rammbock bahnte sich Kirk Douglas seinen Weg zum Erfolg. Filme wie „Wege zum Ruhm“ und „Spartacus“ machten ihn unsterblich. Im hohen Alter …
Kirk Douglas wird 100: Der Titan des Jahrhunderts

Rockavaria 2017: Jetzt wird es noch verwirrender

München - Noch immer ist das Rockavaria-Festival 2017 weder angekündigt noch abgesagt. Jetzt äußert sich ein Olympiapark-Sprecher - und macht die Verwirrung nicht …
Rockavaria 2017: Jetzt wird es noch verwirrender

Gardiners Gastspiel: Die Außerirdischen

München - John Eliot Gardiner, sein Monteverdi Choir und die English Baroque Soloists gastieren mit weltmeisterlichen Bach-Deutungen in der Philharmonie 
Gardiners Gastspiel: Die Außerirdischen

„Wir müssen bei der Wahrheit bleiben“

Medienmacher Helmut Markwort über den „Focus“, Privatradio und Privatfernsehen sowie die Zukunft des Journalismus
„Wir müssen bei der Wahrheit bleiben“

Kommentare