Interview mit Udo Lindenberg
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Rockstar Udo Lindenberg wird nun wirklich 70.
Interview mit Udo Lindenberg
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Wurden eingeladen in den Club der Hundertjährigen: die MM-Redakteure Katja Kraft und Michael Schleicher mit Lindenberg.
Rockstar Udo Lindenberg wird nun wirklich 70
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Schon immer cool: Udo Lindenberg in etwas jüngeren Jahren.
Interview mit Udo Lindenberg
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Nimm' die Brille ab, guck' mir in die Augen. Ich bin auch nur ein Crazy Mann", Udo Lindenberg sucht den Kontakt zu seinen Fans.  

Neues Album & 70. Geburtstag

Udo Lindenberg im Interview: "Einer muss den Job ja machen"  

München -  Udo Lindenberg spricht im großen Merkur-Interview über seinen 70. Geburtstag, sein neues Album, Easy Deutsch und den Club der Hundertjährigen.

Früher Abend im Münchner Hotel „Vier Jahreszeiten“. Udo Lindenberg empfängt im vierten Stock, Zigarrenrauch wabert durchs Zimmer. Der Sänger und Musiker ist tiefenentspannt, vor ihm steht ein kleines Weißbier – mehr als zwei, drei Schluck wird er im Lauf der folgenden Stunde nicht trinken. Zwischen dem Schwarz seiner Hose und dem der Schuhe blitzt das obligatorische Giftgrün seiner Socken hervor. Gerade ist Lindenbergs neues Album „Stärker als die Zeit“ erschienen; am Dienstag feiert er 70. Geburtstag. Höchste Zeit, mit dem Panikpräsidenten „in den dunklen tiefen Gängen der Vergangenheit“ zu tauchen, wie ein Lindenberg-Song von 1972 heißt. Deshalb liegt vor ihm ein Stapel Schallplatten.

Was löst es bei Ihnen aus, wenn Sie heute Ihre Platten von vor 30, 40 Jahren sehen?

Schon immer cool: Udo Lindenberg in etwas jüngeren Jahren.

UDO LINDENBERG: Große Freude, dass es das alles gibt. Und ich freue mich auf nochmal 30 Jahre hinterher, ne? Ich verbinde das immer mit den Abenteuern, wie die Songs entstanden sind, und mit den Menschen, die ich treffe, die Musiker, die Geheimrätinnen und Geheimräte. (Unvermittelt.) Mögt ihr ’n Drink? Wird gleich kommen, ne? All das höre ich in diesen Tagen natürlich viel, denn nach irdischer Zeitzählung werde ich demnächst 70. Aus dem Weltall kennen wir das nicht mit Geburtstagen. Ihr kennt die Story: In Gronau bin ich von einem Meteoriten abgerutscht, im Doppelkornfeld gelandet. (Lacht.) Und fühlte mich da manchmal etwas außerirdisch. Was vielleicht auch an irgendwelchen Wirkstoffen gelegen hat, die ich eingenommen habe. Ich denk bei der Zahl 70 auch viel an diese Platte (deutet auf „Alles klar auf der Andrea Doria“ von 1973), Gründung Panikband. Viele von denen sind treue Freunde – durch dick und dünn und nicht durch dick und doof.

Und auch „durch die schweren Zeiten“, wie ein Lied auf Ihrem neuen Album heißt. Darin singen Sie: „Du glaubst nicht mehr an Wunder.“ (Lindenberg zündet sich eine Zigarre an.) In Ihrem Leben gab’s Momente, in denen es nicht gut lief. Haben Sie je den Glauben an Wunder aufgegeben?

LINDENBERG:(Pause.)  Naja, ich hab’ gedacht, das wär’ jetzt ’n Wunder, wenn ich das alles überlebe. So ein Rockstar, der macht so bis 50 und dann ist Feierabend. Nicht schon mit 27, das wäre wirklich n’ bisschen schade, ne? (Lindenberg spielt auf den Club 27 an, auf Musiker wie Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison und Kurt Cobain, die mit 27 gestorben sind; Anm. d. Red.) Wir haben mit 27 den Rock’n’Roll wirklich konsequent gelebt. Wir haben gedacht, das macht Späßchen – hat ja auch Spaß gemacht. Jetzt mit 70 denke ich, es ist wirklich ein medizinisches Wunder nach allem, was an Exzess gelaufen ist. Aber seit einiger Zeit mache ich ja nun ordentlich Sport. Gehe nachts immer joggen.

Auch heute Nacht noch?

LINDENBERG: Klar, heut’ Nacht an der Isar. Gut getarnt, mit’m Hoodie auf.

Medizinische Aspekte sind das eine. Doch wie schafft man es als Künstler, sich in all den Jahrzehnten auch über die Durststrecken hinweg zu motivieren? Woher holen Sie die Energie? 

Nimm' die Brille ab, guck' mir in die Augen. Ich bin auch nur ein Crazy Mann", Udo Lindenberg sucht den Kontakt zu seinen Fans.  

LINDENBERG: Das ist ’ne Art Automatik. Das ist ein tiefer Impuls, mit Musik zu experimentieren, ein Erfinder zu sein mit Musik. Das fing’ bei mir schon mit neun Jahren an. Natürlich hatte ich meine Krisen – ist klar! Manchmal denkt man: Du hast 500 Texte geschrieben – wie kriege ich den Phönix mit diesen schweren Flügeln wieder hoch? In einem guten Hollywoodfilm muss der Held irgendwann vom Pferd rutschen und in die Matsche fliegen, das Publikum muss sich Sorgen machen, will mitbangen – kommt der wieder rauf aufs Pferd? Kriegt der die Sache geregelt und so, ne? Wenn es im echten Leben nicht so gewesen wär’, hätte ich es auch nicht inszenieren müssen. Doch für die Legendenbildung war das auf jeden Fall genau richtig.

Das klingt abgeklärt.

LINDENBERG: Na klar, manchmal war ich ein bisschen verzweifelt, hatte auch Ängste. Wie verwandle ich mich von einem Teenie-Star mit „Bravo“-Starschnitt und all so was in einen würdevollen Rock’n’Roll-Chansonnier, der 70 oder 80 ist. Charles Aznavour, an dem ich mich orientieren kann, geht mit 90 noch auf die Bühne. Aber es gibt nicht viele, die das machen in dem Alter. Also nach der irdischen Zeitzählung. Ich hab’ ja zwei Zeitzählungen. Die, nach der wir Geburtstage feiern, ist im Weltall gar nicht bekannt.

Nach unserer Zeitrechnung sind Sie heute eine lebende Legende. Manche Fans hätten den Panikpräsidenten gerne als Bundespräsidenten.

LINDENBERG: Ich find’ das lustig. Manche kommen mit so einer Art Ehrfurcht, ja? Ich sag immer: Vergiss’ die ganzen Poster zwischen uns, alles, was da so über die Jahre entstanden ist in der Fantasie der Menschen. Nimm’ die Brille ab (nimmt die Brille ab) und guck’ mir in die Augen. Ich bin auch nur ein Crazy Mann, weißte? Hab’ nichts Ordentliches gelernt, irgendwas musste ich ja machen. Dann war mir diese Stimme gegeben und die Musikalität und jetzt bin ich auf der Bühne. Aber nicht wie ein Star, sondern wie eine Art Kumpel.

Ist diese Nähe die Erklärung für Ihren Erfolg?

Wurden eingeladen in den Club der Hundertjährigen: die MM-Redakteure Katja Kraft und Michael Schleicher mit Lindenberg.

LINDENBERG: Ja. Ich fühle mich ja auch so an wie einer von der Straße. Es gibt viele Leute, die an den Texten mitbasteln, auf der Straße, in der Kneipe, an der Bar. (Lacht.) Es geht um alles, was das Leben ausmacht – nicht nur für mich, sondern für die meisten Leute. Ich hab’ mich einfach hingestellt, einer muss den Job ja machen. Ich hatte nicht eine Sekunde Gesangsunterricht. Tanzen konnte ich auch nicht. Anfangs war ich gut breit auf der Bühne – und damit ich nicht umfliege, hab ich einen Tanz entwickelt, den Panik-Tanz, der heute noch praktiziert wird. Dann hab’ ich gedacht: Gut, jetzt musst du an die speziellen Texte rankommen, musst besonders weit rausschwimmen im Whisky-Ozean. Es ist ein großes Geschenk, dass ich das machen kann und dass wir so ein tolles Publikum haben, gemeinsam so eine tolle Panikfamilie sind. Konzerte sind wie Familienfeiern.

Das heißt, der Bühnen-Udo ist auch der private Udo?

LINDENBERG:Jaja, ist alles eins.

Ist es übertrieben, wenn man sagt: Lindenberg hat die deutsche Sprache verändert?

LINDENBERG:Das kann man so sagen. Das ist Easy Deutsch, ne? Easy Deutsch, die Straßensprache. Ich lese ja wirklich sehr, sehr gern Hermann Hesse, Brecht und Rilke. Aber heute ist die Sprache anders. Und ich hab’ sie auch verändert – zusammen mit den Experten von der Straße. Ich hab Slogans von Graffiti-Wänden übernommen und der Straße meine Sprüche gegeben. Das ist eine ständige Korrespondenz. Man fängt manchmal einen Satz an und weiß gar nicht genau, wo der aufhört. Oder es fehlt ein Wort, dann wird ein neues erfunden. Und man kann sie gut singen, das konnte ich auch deswegen so gut, weil ich früher Trommler war. Schlagzeuger beim Doldinger. Deswegen singe ich ein bisschen wie ein Schlagzeug: Tong-de-Tong-Tong-Dong!

Das Lindenbergsche Nuscheln nicht zu vergessen! Ich hab’ Preise gekriegt für besonders tolles Nuscheln. (Lacht.) Mit dem Nuscheln muss ich ein bisschen aufpassen – dennoch deutlich und vernehmbar sprechen, was ich von Reinhard Mey gelernt habe.

„Der Tod ist ein Irrtum“ heißt es in „Stark wie zwei“, dem Titellied Ihrer CD von 2008. Ist der eigene Tod ein Thema für Sie?

LINDENBERG:Ja, natürlich! Schon als Kleinkind. In so ner kleinen Stadt kriegstes besonders deutlich mit, da ist der Tod nicht so anonym wie in Großstädten. Also du erlebst ihn auf der Straße: die Leichenwagen, die vorbeifahren mit Pferden, und die ganze Stadt in Schwarz. Klar, das ist ein Schocker, umso intensiver lebt man – mit dem ständigen Bewusstsein: Alles ist endlich. Jeder wäre natürlich gern „Stärker als die Zeit“. Meine Songs sind stärker als die Zeit. (Tippt auf die Platten.)  Sie sind Kinder, diese Lieder, die kleinen und großen.

Ihre Erben? 

LINDENBERG:Ja. Auch diese Art zu singen, Musik zu machen, Shows zu machen wird wahrscheinlich noch lange Bestand haben. Wenn ich nicht mehr irgendwann... (Räuspert sich. Pause.) Aber ich hab das in meiner Planung überhaupt nicht drauf. Hab’ grad den Club der 100-Jährigen gegründet. (Lacht.)

Dann treffen wir uns spätestens in 30 Jahren zum nächsten Gespräch, abgemacht?

LINDENBERG:Klar! Ihr könnt dem Club auch beitreten. Ich bin ordentlich fit.

Udo Lindenberg gastiert am 24. und 25. Mai in der Olympiahalle; Karten unter 089/54 81 81 81. An diesem Samstag läuft auf 3sat ab 21.55 Uhr der „Udo-Lindenberg-Abend“.

Katja Kraft

Katja Kraft

E-Mail:katja.kraft@merkur.de

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