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Ein gelassenes „So ist es“ sprach aus seinen einzigartigen Dirigaten: Sergiu Celibidache leitete von 1979 bis zu seinem Tod im Jahre 1996 die Münchner Philharmoniker.

Celibidache: Über jedes Normalmaß hinaus

München - Gütiger Orchestervater war er und vor allem ein großer Verweigerer: Sergiu Celibidache, der vor 100 Jahren geboren wurde, entzog sich dem Klassikmarkt und führte die Münchner Philharmoniker zur Weltspitze.

Die Geschichte, die sich die Philharmoniker noch heute erzählen, spielt Mitte der Neunzigerjahre. Celibidache, liebevoll „Celi“ genannt, lag in einer Münchner Klinik. Zubin Mehta übernahm das Gastspiel im Wiener Musikverein. Auf dem Programm Bruckners Vierte. Als knapp 80 Minuten um waren, hub die Schlusscoda an, bäumte und türmte sich vor aller Ohren auf. Mehta lehnte sich genüsslich zurück – bis sich seine Gesichtszüge ungläubig verzerrten: Die Musik wuchs weiter und weiter. Über jedes Normal- und ihm bekannte Maß hinaus. Über eine Grenze, die im Konzert sonst nicht einmal gestreift wird. Am Ende drehte sich der blasse Mehta zum Publikum um: Ein anderer habe gerade den Taktstock geführt.

Größe, das war es, was Sergiu Celibidache der Musik gab. Kein plakatives „So muss es sein“ sprach aus seinen Interpretationen, sondern ein gelassenes „So ist es“. Kein Beifall heischendes Ausrufezeichen stand am Schluss der Stücke, sondern ein logischer Punkt. Architektur, Entwicklungslinien, instrumentale Mixturen, all das wurde plausibel und plastisch. Celibidache erspürte die Topographie eines Werks, seine Energieverläufe, und machte auch den Ersthörer zum intimen Partiturkenner. Im Anfang des Stücks zugleich das Ende fühlen, das war sein Credo. Dass er sich dafür Zeit ließ, wurde ihm gern und allzu billig vorgeworfen. Seine Tempi gehören gewiss (aber nicht immer!) zu den langsamsten überhaupt. Doch je dichter die Musik, so pflegte der Einzigartige zu lehren, desto mehr Raum müsse man ihr doch geben.

Mit dem jungen Wilden, der in den Vierzigerjahren die Orchester anpeitschte, hatte der späte, am Buddhismus und an der Lehre von der musikalischen Phänomenologie geschulte Celibidache wenig gemein. Der am 11. Juli 1912 im rumänischen Roman Geborene war ein Universalgenie. Musiker und Mathematiker, Philosoph und Prediger. Um ein Haar wäre er Chef der Berliner Philharmoniker geworden. Doch die entschieden sich 1955 lieber für Herbert von Karajan. Für den Lotsen einer Medienmaschine also – ein Trauma, das Celibidache nie verwunden hat und das viel über die Mechanismen des Klassikmarktes aussagt.

Nach einer langen Vagabundierzeit wurde Celibidache Chef beim Radio-Sinfonieorchester Stuttgart, bevor er von 1979 bis zu seinem Tod am 14. August 1996 bei den Münchner Philharmonikern die künstlerische Erfüllung fand. Kein anderer Dirigent hat dieses Orchester so geprägt. Was etwa Christian Thielemann zu spüren bekam, als er erstmals Debussys „La Mer“ probte – und verblüfft war vom Klangzauber, den die Philharmoniker entfachten.

Celibidaches Unbedingtheit („Es gibt tausend Neins und nur ein Ja!“) spiegelt sich in seinen Deutungen wider. Ein Solitär. Und ein Orchestererzieher, dessen „Sound“ sofort wiedererkennbar ist – was in der Interpretationshistorie nur zwei weitere Kollegen schafften: Nikolaus Harnoncourt und der von Celibidache leidenschaftlich gehasste Karajan. Als „Gottesdienste“ bespöttelten die einen seine Münchner Abende, während andere, die sich den Interpretationen öffneten, erschütternde musikalische Urerfahrungen machten. Bruckner, gewiss, der stand über allem und allen an diesen Abenden. Keiner, der jemals die Schlusscoda der Achten mit Celi gehört hat, kann eine andere Deutung dieser monumentalen vier Minuten akzeptieren, in denen sich etwas Unsagbares, Transzendentes manifestierte. Ähnliches in Ravels „Bolero“ oder in Mussorgskis „Bildern einer Ausstellung“. Was bleibt, sind auch die tief auslotenden, nie gefühligen Tschaikowsky-Wiedergaben, dazu Wagner und, ja, auch Bachs h-Moll-Messe. Mozart mag ein wenig unter Celi gelitten haben, dafür schien der Maestro ein Humorverwandter Haydns.

Die Münchner und Celibidache, das wurde eine internationale Marke. Nicht nur an der Isar, sondern auf vielen, vielen Tourneen. Eine Ehe, um die erst gekämpft werden musste. Recht bald nach der „Trauung“ zog sich der kompromisslose Star wütend in seine Wahlheimat Frankreich zurück. Eine Münchner Delegation musste hinreisen und ihn – erfolgreich – besänftigen.

Woanders als im Konzertsaal konnte man diese Interpretationen nicht erleben. Celi gab’s nur live. Seine Verhöhnung der Schallplatte („tönende Pfannkuchen“) war legendär – und doch so berechtigt: Kein so perfekter Tonträger kann schließlich das zu-vieldimensionale Konzerterlebnis einfangen. Musik als Augenblickskunst sperrt sich gegen eine Konservierung, wie er richtig lehrte. Und doch: Celis später veröffentlichte CDs mit Münchner Mitschnitten sind Meilensteine. Akustische Schnappschüsse, ganz klar. Doch wer sie heute hört, der sieht sich sogleich heftigen Emotionen des Erinnerns ausgesetzt. Die Aufnahmen demonstrieren, was in der Interpretationshistorie einst möglich war. Und was nun, in einer Klassikszene des Kommerzes und des Kompromisses, keiner mehr erreicht.

von Markus Thiel

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