Wer kennt schon die Verfassung? Zu wenige, findet Simon Pearce. Im Auftrag der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit will er das ändern. Foto: Reinhard Kurzendörfer

Ein etwas anderer Vortrag

Warum Kabarettist Simon Pearce die Bayerische Verfassung liest

München - Die bayerische Verfassung wird 70 Jahre alt. Doch was bedeutet das Dokument im Alltag der Menschen noch, und wie kann man auch junge Leute an den Text heranführen? Eine Veranstaltung versucht es.

Diesen Fragen versucht eine Veranstaltung der Nemetschek-Stiftung und der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit Bayern auf den Grund zu gehen: „Verfassung lesen“ im Kulturzentrum Einstein Kultur ist als szenische Lesung des Rechtstextes geplant.

Gelesen werden die Auszüge von Schauspieler Peter Weiß, der Historiker Harald Parigger hilft bei der Einordnung. Und Kabarettist Simon Pearce wird die ausgewählten Passagen kommentieren. Mit uns hat der 35-Jährige vorab über seinen Bezug zur Bayerischen Verfassung gesprochen.

Herr Pearce, wie intensiv haben Sie sich in Ihrem bisherigen Leben mit der bayerischen Verfassung auseinandergesetzt?

Na ja, man befasst sich damit in der Schule, und später schaut man schon noch mal etwas nach. Aber die Verfassung ist natürlich kein Lexikon, in dem man zum Beispiel „Polizeigewalt“ einfach unter „P“ nachschlägt. Alles im Kopf hat man also nicht.

Das hat sich in der Vorbereitung auf die Lesung vermutlich geändert. Haben Sie dabei Passagen entdeckt, die Ihnen besonders gut gefallen?

Das ist natürlich eine simple Antwort, aber eigentlich ist Artikel 100 doch der schönste: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Darauf basiert unser ganzes Demokratieverständnis. Oder, Moment: vielleicht auch Artikel 118, über die Gleichbehandlung vor dem Gesetz. Wenn jetzt noch immer alles eingehalten würde...

Wird es nicht?

Es gibt Teile, die meiner Meinung nach in der praktischen Umsetzung nicht immer von allen ernst genommen werden. Zum Beispiel eben die Gleichheit vor der Exekutive. Ich spüre schon, dass ich, obwohl ich deutscher Staatsbürger und Bayer bin, oft nicht so behandelt werde wie zum Beispiel meine weiße Mutter, obwohl wir eigentlich die gleichen Rechte haben.

An der Umsetzung der Verfassung hapert es also?

Was in der Verfassung steht, ist an und für sich gut. Wie die Staatsorgane diese dann ausführen, ist eine andere Sache. Außerdem ist der Bürger natürlich in der Pflicht, sich zu informieren. Auch das ist nicht immer gewährleistet.

Gibt es Punkte, die jeder kennen sollte?

Das Asylrecht und die Abschnitte zu Volksentscheiden halte ich schon für Dinge, die man wissen sollte. Gerade wenn man sieht, was gerade in der Welt politisch los ist.

Wie sehen Sie Ihre Rolle bei der Lesung?

Ich bin dafür da, das Ganze ein bisschen aufzulockern. Denn die Texte sind schon sehr trocken. Da kann man auch ein Glas Mehl essen, das macht genauso viel Spaß. Ich finde die Idee mit der Lesung ja gerade spannend, weil ich die Texte furchtbar finde. Es soll einfach eine lustige Runde werden, um an das Ganze mal in einem anderen Rahmen heranzugehen.

Wie macht man so etwas, ohne dass es albern wird?

Albern ist ja ein sehr weitläufiger Begriff. Generell werde ich so reden, wie ich eben rede, und wenn man mich für sowas engagiert, ist das vermutlich auch okay. Da fühle ich mich durchaus berechtigt, auch mal einen Witz zu machen. Es sind ja auch noch ein Moderator und ein Schauspieler dabei. Zur Not würde mir also sicher jemand übers Maul fahren. Wobei, jetzt habe ich schon ein wenig Angst, dass es zu albern wird (lacht).

Wen wünschen Sie sich im Publikum?

Natürlich eher junge Leute. Denn da man hat schon das Gefühl, dass das Interesse an Politik etwas verloren geht. Ich bin ja geholt worden, um das jüngere Publikum anzusprechen. Etwas gesetztere Menschen wollen vermutlich eher einen richtigen Vortrag hören und nicht den „albernen Neger“, der die Verfassung verhunzt.

„Verfassung lesen“ findet am heutigen Dienstag um 19 Uhr in der Halle 1 des Einstein Kultur, Einsteinstraße 42, statt. Der Eintritt ist frei.

Interview: Annika Schall

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