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Der Rebell auf der "Festwiese": Jonas Kaufmann bei seinem szenischen Debüt als Walther von Stolzing.

Premierenkritik

Wagners "Meistersinger": Aus dem Zettelkasten

München - Wagners "Meistersinger" in München, von Kirill Petrenko grandios dirigiert, von David Bösch unlogisch illustriert. Die Premierenkritik aus der Staatsoper.

Rabus könnte das sein, vielleicht auch Gostenhof, das Soho Mittelfrankens. Dort, wo das Fachwerk weit ist und der bröckelnde Putz allgegenwärtig. Nürnberg, wie es schwiemelt und mufft, eine Fünfzigerjahrehölle. Das wäre was gewesen: Richard Wagners „Meistersinger von Nürnberg“ als Nachkriegsgrusical, als Spießbürgerstreich einer Normalogesellschaft, in der, so wie hier am Ende des zweiten Akts zu sehen, die Jugend ihre Baseballschläger schwenkt und den Oldies gefährlich wird. Der Deutschen Festoper gibt das mühelos her – aber diese Aufführung?

Dabei hat Regisseur David Bösch für diese Premiere ja Achtenswertes im Sinn. Hier, am Uraufführungsort, im Münchner Nationaltheater, da wäre es doch mal wieder Zeit für eine „Meistersinger“-Komödie – nach all den Inszenierungskrämpfen um die nationale Selbstbespiegelung. Also Amüsement. Für die Bayerische Staatsoper ist Bösch als Faktenjäger durch die jüngere Historie gezogen. Eine schöne Stoffsammlung hat er sich dabei angelegt, deren Themen, Gedanken und Gags nun munter über dem Stück ausgeleert werden.

Wer diese Meister eigentlich sind, erfährt man nicht

Lederjacken-Beau (Stolzing) trifft auf Schnapsdrossel im Schusterbus (Sachs), ein Franken-Lude und Strippenzieher im weißen Anzug (Pogner) verschachert das Töchterlein, ein bisschen Keilerei, ein bisschen Grand Prix Eurovision und arg viel Ungereimtes: Zum Luther-Choral zieht eine katholische Prozession durchs Viertel, Projektionen zeigen Besäufnisse in oberbayerischer Tracht. Und wer diese Meister eigentlich genau sind, erfährt niemand. Unbelastet von Logik und Reflexion wird da erzählt. Kurzweilig ist das schon, nett anzuschauen, auch berührend in kleinen Momenten – aber unterm Strich, im Nie-zu-Ende-Spinnen des Thesenmaterials, reine Illustration.

Wobei da lange noch Hoffnung und Verdacht keimten: Ob alles „nur“ Filmset ist, zumal Bühnenbildner Patrick Bannwart mit Scheinwerfern bestückte Gerüste hereinschieben lässt? Doch keine Auflösung, nirgends, dafür ein finaler Ambitionsanfall der Regie. Pegida-Glatzen als Video, Stolzing flieht, Beckmesser droht Sachs zu meucheln und erschießt dann sich – zum C-Dur-Brausen scheint der Regisseur mit einem verloren geglaubten Zettel hereinzustürzen: Hab’ noch was Provokatives gefunden!

Ungewollt gibt der Abend Kunde davon, wie schwierig dieses Stück ist, das in alle Richtungen auseinanderstrebt und das deshalb so oft missbraucht wurde, weil es zum Missverständnis einlädt. Im Grunde bräuchte es auch mindestens drei Dirigenten. Einen Spezialisten für Pathos, einen für den Spielopernton und einen für die avancierte Klangsprache, wenn die Partitur immer wieder in die benachbarte „Tristan“-Sphäre driftet. Oder man hat eben Kirill Petrenko.

Schlagerfuzzi beim finalen Amoklauf: Markus Eiche als Beckmesser.

Lobgesänge auf ihn mögen inzwischen Alltagsmusik sein, aber diese „Meistersinger“ verlangen nach einem Dauer-Hosianna. Eigentlich tut Petrenko etwas sehr Einfaches: Seine Interpretation basiert auf einem eleganten, geschmeidigen, zügigen Konversationston, aus dem heraus Wagners „Eskapaden“ (ob blechgepanzert oder harmonisch aufregend) entwickelt werden. Ein Ton, zu dem Petrenko immer wieder zurückkehrt, sogar in der Schluss-Ansprache des Sachs, die gerade nicht zum Manifest aufgedonnert wird. Mehr noch als die Präzision auch in den Giga-Momenten mit dem grandios mitgehenden Chor verblüfft, wie selbstverständlich die Details, Farb- und Atmosphärenwechsel eingepasst werden: Die „Meistersinger“ ereignen sich da, als sei dies die natürlichste Sache der Welt. Das Heterogene des Stücks wird als verblüffende Einheit erfahrbar. Petrenko zeigt beim Werkdebüt (!) ein Sensorium für diese Schwellenmusik, über das andere erst nach Jahren verfügen – man denke an Daniel Barenboims erste Bayreuther Anläufe.

Besonders aber ist damit den Solisten gedient. Die dürfen hier näher bei Lortzing als bei der „Götterdämmerung“ singen, intimer, entspannter. Wolfgang Koch kommt das zugute, dessen Bariton ja über wenig Heldengrandezza verfügt. Sein Sachs wird auf Normalmaß zurückgestuft, auch wenn er oft wie weggeblendet und im Schonmodus wirkt – von einer möglichen Liaison mit Eva erfährt man bei Bösch ohnehin nichts. Der Schuster also nicht als Dominator, die Strippen zieht in diesem Nürnberg Stadtsponsor Pogner, dem dieser Schwiegersohn gut ins Reich passt: Jonas Kaufmann startet als Stolzing mächtig unter Dampf, geht mit kleinen Textproblemen bis über die Grenze. Doch dann fängt sich der Star, spielt und singt seine ob bei Verdi, Mascagni oder Wagner gern gegebene Paraderolle: den unschlüssigen bis wütenden Rebellen. Das Festwiesen-Preislied wird als Nummer aus dem Arien-Konzert zelebriert, unter die Haut geht’s trotzdem.

Sara Jakubiak (Eva) mag eine gewollte Querbesetzung sein, in den herben, glanzarmen Ton muss man sich einhören. Dafür zeigt das Haus auf den übrigen Positionen seine Perlen: Okka von der Damerau als überpräsente und -besetzte Magdalena, Christof Fischesser als lässiger, grobkörniger Pogner, Benjamin Bruns als aufgekratzter David am Rande des Nervtötens (und mit Stolzing-Tönen), Eike Wilm Schulte als Kothner und Richard-Wiedergänger, vor allem Markus Eiche als Beckmesser zwischen Clooney-Gockeln und Schlagerfuzzi.

Dass ihm dies nicht zur Karikatur missrät, spricht für die gestalterische Intelligenz dieses Ausnahmebaritons. Regisseur Bösch verlangt Eiche da einiges ab, vom Rollstuhlfahren über den Werbegesang auf wackliger Hebebühne bis zum finalen Amoklauf. Nürnbergs Merker als heimliche Mittelpunktsfigur? Hätte eine aufregende Sache werden können. Vorausgesetzt, der Regisseur hätte seinen Zettelkasten etwas ausgemistet.

Weitere Aufführungen:

22., 26., 29. Mai, 4. Juni sowie 28. und 31. Juli (alle ausverkauft, Restkarten eventuell unter Tel. 089/ 2185-1920).

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