Welch brillante Company!

München - Ravel-Abend im Nationaltheater: Choreographien von Jörg Mannes und Terence Kohler wurden uraufgeführt

Von Beate Kayser

Jeder Abend, an dem Kent Nagano am Pult steht, wird zu einer Sympathiekundgebung, seitdem sein Weggang feststeht. Er besitzt eine treue Gemeinde in München, die diesmal auch allen Grund zum Jubel hatte. Einmal honoriert sie, dass er nach 52 Jahren der erste Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper ist, der die Kunst des Balletts mit seinem Dirigat adelt, und dann arbeitet er mit einem reinen Ravel-Programm auf seinem ureigenen Feld. „Daphnis und Chloé“, das Klavierkonzert für die linke Hand, dazu die Orchesterfassung der kleinen Stücke „Une barque sur l’océan“ und „Pavane pour une infante défunte“ sind diesmal zugleich Ballettmusik und reiner Konzertgenuss. Das Staatsorchester ist Wachs in der Hand des Chefs, lässt alle Instrumentalfarben aufleuchten, bleibt immer durchsichtig, verliert sich nicht in Gefühligkeit. Klare Struktur bestimmt den Abend, auch den pianistischen Part von Momo Kodama im Klavierkonzert. Der Löwenanteil des Applauses also für Nagano.

Zwei Stücke, zwei Uraufführungen. Jörg Mannes hat sich für „Wohin er auch blickt“ von Tina Kitzing vier quadratische bewegliche Lichtelemente bauen lassen, besteckt mit je 160 Glühbirnen. Damit lassen sich abstrakte, aber klar konturierte Räume in variablen Lichtstimmungen bauen. Das ist sehr gut gemacht, wird jedoch manchmal fast zum Ballett im Ballett und kann von den Tänzern ablenken, die aller Aufmerksamkeit wert sind. Welch brillante Company! Lenka Radeckys Kostüme - feine Hosen und elegante schwarze Kleider - unterstützen ideal die großräumige Choreographie: Man sieht die Arbeit der Tänzer, sieht die Wirbelsäule sich in kompliziert-schnellen Bewegungen abrollen, sieht das Spiel der Muskeln.

Mannes arbeitet eng an der Musik, nimmt ihren Gestus auf: lang ausgreifende Armbewegungen der Tänzer im schnellen Lauf, Anspielungen auf Wasser, Wellen. Die Gruppen haben Charakter; die Soli von Daria Sukhorukova, dem wie immer unerreicht ausdrucksstarken und eleganten Tigran Mikayelyan (zitiert plötzlich Michael Jacksons Moonwalk), Séverine Ferrolier, Lukás Slavicky und Ekaterina Petina gelingen wie gestochen.

Mannes hat sich eine Geschichte ausgedacht mit ewigem Krieg, einsamen Frauen, kämpfenden Männern. Man muss das nicht wissen, braucht es nicht herauszulesen. Es ist Tanz - das genügt.

Terence Kohler hat es schwerer. Bei „Daphnis und Chloé“ blickt er, angefangen von Fokine, auf erdrückende Vorgänger. Richtig, dass er an den mythischen Stoff mit einer Anspielung an die Griechen heran- und dann in neuere Tanzbereiche übergeht. Aber wie geschieht das? Mit einem fragwürdigen Wolkenstore-Zwischenvorhang, mit Nymphen im Flatterkleidchen (alles Jordi Roig), die dann leider auch völlig belanglos und unterfordert über die Bühne hüpfen. Besser wird es bei den Solisten. Karen Azatyan (Daphnis) und Mai Kono (Chloé) können die kindliche Unschuld und das erwachsene Begehren überzeugend klarmachen. Mikayelyan bringt wieder Feuer in die Sache, und Wlademir Faccioni punktet, wenn er seinen albernen Auftritt von oben im Wolkenstore-Käfig hinter sich hat, gelenkig wie ein Schlangenmensch und mit einer pfiffigen Verschmitztheit als Pan. Kunststück: Die Choreographie ist der Nijinsky-Rolle im „Nachmittag eines Faun“ stark nachempfunden.

Steckt Kohler im Moment fest zwischen seinen klassischen Wurzeln und der Suche nach neuen Wegen für sich selbst?

Nächste Vorstellungen am 26. und 28. November sowie 21. Januar; Telefon 089/ 21 85 19 20.

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